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Radsport:"Le Kaisöör" ohne Qual

Zehn Jahre lang warf er sich in chaotische Sprintankünfte, 14 Etappen gewann er bei der Tour. Es reicht, findet Marcel Kittel, den die Franzosen "Le Kaisööör" tauften.

Vor einem Monat war Marcel Kittel noch für ein paar Tage bei der Tour de France zu Gast, und man sah ihn dort so, wie man ihn seit einer Weile nicht mehr gesehen hatte: lächelnd, entspannt. Kittel trat als Experte am ARD-Mikrofon auf, er wirkte wie einer, der jeden Moment aufsaugte und doch schon Abstand gewonnen hatte zu diesem Wanderzirkus, der die Tour nun mal ist. Als ob er, der sich kurz zuvor erst eine Auszeit von seinem Sport gewährt hatte, schon ahnte, dass er gar nicht mehr in diesen Trubel zurückkehren würde, zumindest als Radprofi. Und dass er damit durchaus sehr zufrieden war.

Die Nachricht, die Marcel Kittel aus Erfurt jetzt in die Welt gesetzt hat, war insofern kein Paukenschlag, eher ein zartes Paukenvibrato. "Ich habe jede Motivation verloren, mich weiter auf dem Rad zu quälen", sagte er dem Magazin Spiegel zu jenem Schritt, sein Dasein als Profi mit nun 31 Jahren endgültig stillzulegen. So endete eine der erfolgreichsten Karrieren im Radsport weltweit, und das erinnerte auch daran, dass das Ende einer Ära allmählich heranrückt. Kittel war ja imm er auch Hauptdarsteller einer neuen deutschen Welle im Radsport, mit André Greipel, John Degenkolb und Tony Martin; es ist eine Welle, die seit Längerem an Kraft verliert. Aber auch eine, die schon jetzt nachwirkt.

Abschied mit 31: Marcel Kittel bei der Tour 2017, wo er fürs Quickstep-Team fünf Etappen gewann.

(Foto: Peter Dejong/AP)

Kittel war in den Radsport gewachsen, als der sich gerade erst aus den Trümmern der dopingverseuchten Armstrong-Ullrich-Ära erhob, und der Szene konnte damals kaum etwas Besseres passieren als dieser junge Blondschopf. Er gewann 2011, als Neo-Profi, schon 17 Rennen für sein holländisches Team, er verstand sich aber auch als Öffentlichkeitsarbeiter, der sich von den alten Recken mit einer erfrischenden Klarheit abgrenzte. Er echauffierte sich über die Contadors und Armstrongs, er verfiel nicht der Larmoyanz all jener, die seinen Sport für zu hart kritisiert wähnten, er ging auch offen mit einer Affäre am Erfurter Olympiastützpunkt um, wo er sich als 18-Jähriger einer - damals erlaubten - Blutbehandlung unterzogen hatte.

Zwischen 2013 und 2017 funkelte sein Können am hellsten. Wenn Kittel sich damals in den Massensprints in den Wind stürzte mit seinen 1,88 Metern und 85 Kilo, war er kaum zu schlagen. Er gewann 19 Etappen bei allen großen Landesrundfahrten, 14 bei der alles überstrahlenden Tour und damit mehr als jeder andere Deutsche. Die Franzosen tauften ihre Rundfahrt zeitweise zur "Tour d'Allemagne", Kittel riefen sie "Le Kaisööör". Allerdings spürte man schon vor zwei Jahren, als der Kaiser fünf Tour-Etappen gewann, dass er sein Wohl nicht zu sehr über seinen Sport definierte. Wohl auch, weil er nie von einer Profikarriere geträumt habe, wie er sagte, sondern es irgendwann "einfach probiert" hatte.

Petacchi gesperrt

Der Radsport-Weltverband UCI hat den früheren Sprinter Alessandro Petacchi für zwei Jahre gesperrt. Der 45 Jahre alte Italiener habe 2012 und 2013 gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen, teilte die UCI mit. Der Weltverband sprach die Sanktion "auf Basis der von den österreichischen Strafverfolgungsbehörden erhaltenen Informationen" aus, die im Zuge der "Operation Aderlass" ermittelt wurden. Petacchi, der die Vorwürfe zurückweist, soll Kunde des mutmaßlichen Doping-Netzwerkes um einen Erfurter Arzt gewesen sein, wie mindestens 20 weitere Sportler aus acht Ländern und fünf Sportarten. Petacchi, der unter anderem sechs Etappen bei der Tour de France gewann, war 2008 nach einem Positivtest auf ein Asthmamittel für zehn Monate gesperrt worden. dpa

"Körper und Geist spielen ja immer zusammen", hatte sein Manager Jörg Werner im Mai gesagt; Kittel hatte seinen Vertrag bei Katjuscha-Alpecin gerade aufgelöst. Und bei Kittel, so der Manager, beeinflusse das Mentale die Leistung nun mal stärker als bei anderen. Er hatte sich zehn Jahre lang immer wieder in chaotische Sprintankünfte bei Tempo 70 geworfen, das hinterlässt Schrammen, nicht nur körperliche. Die schwere Zeit bei Katjuscha beschleunigte dann die Entfremdung von seinem Sport: Das russisch-schweizerische Team hatte Kittel 2017 als üppig alimentiertes Aushängeschild verpflichtet, mit mehr als einer Million Euro Jahressalär, doch Kittel tat sich zunächst schwer. "Ich habe kein Vertrauen gespürt, sondern nur Druck. Druck. Druck", sagte er jetzt. Für einen, der stets einen freien Kopf brauchte, um schnell zu strampeln, muss das wie ein Gift gewesen sein, das ihn schleichend ermattete. Die Zeit bei Katjuscha, sagte Kittel, habe ihm vieles gezeigt: Zum einen, wie erschöpfte Athleten unter der Last zu großer Erwartungen in die Spirale des Pharmabetrugs geraten könnten; das hatte auch die "Operation Aderlass" rund um ein Dopingnetzwerk aus seiner Heimat Erfurt zuletzt gezeigt. Zum anderen wolle er die Quälereien seines Sports nicht mehr ertragen, tausende Kilometer im Rennen und im Training. Zumal er im November Vater wird.

Kittel wird nun Wirtschaftswissenschaften studieren, er wird bei der Deutschland-Tour, die in der kommenden Woche beginnt, als Experte fürs ZDF moderieren und einige seiner langjährigen Mitstreiter treffen. Die radeln allmählich auch durch den Herbst ihrer Karrieren, André Greipel beim zweitklassigen Arcea-Team, John Degenkolb bald bei den Belgiern von Lotto-Soudal, Tony Martin als Edelhelfer bei Jumbo-Visma (das zum Auftakt des Vuelta-Zeitfahrens am Wochenende kollektiv stürzte). Die nächste deutsche Welle ist allerdings schon wieder mächtig angeschwollen, mit dem Sprinter Pascal Ackermann, 25, dem Klassikerjäger Nils Politt, 25, sowie dem Tour-Vierten Emanuel Buchmann und den Rundfahrt-Talenten Max Schachmann und Lennard Kämna in den Kleidern der deutschen Bora-hansgrohe-Equipe. Auch das ist ein Trend, an dem Kittel nicht ganz unschuldig ist.