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Radsport-Team Israel Start-up Nation:"Wir sind auf einer Mission"

Erster Erfolg des Teams bei einer großen Landesrundfahrt: der Engländer Alex Dowsett jubelt über seinen Giro-Etappensieg.

(Foto: AFP)

Ein Jahr des Stillstands? Manche Radsport-Teams nutzen die verkürzte Saison, um ihre Ambitionen voranzutreiben. So wie das Team des Israelis Sylvan Adams, der kuriose Investments tätigt.

Von Johannes Knuth

Dafür, dass sein Tag mit einem "Albtraum" begonnen hatte, konnte der Radprofi Alex Dowsett am Ende noch ganz zufrieden sein. Der Brite hatte sich vor Kurzem, am Morgen vor der achten Etappe des Giro d'Italia, die Zähne geputzt, ohne (!) vorher seinen Kaffee zu trinken. "Ich hoffe, dass der Tag nicht so weitergeht", ließ er seine Anhänger in den sozialen Netzwerken umgehend wissen; mit dieser britischen Gabe, nicht nur über andere, sondern auch mal über sich selbst zu scherzen.

Am Ende dieses Tages, der so fürchterlich begonnen hatte, saß Dowsett jedenfalls heulend vor den TV-Kameras: Er hatte die Etappe mit einer Attacke kurz vor dem Ziel gewonnen und schämte sich nun fast dafür, dass er weniger erfreut, sondern "vor allem erleichtert" war: Er habe für das kommende Jahr ja noch keinen neuen Arbeitgeber, erklärte Dowsett. Das wird sich nun wohl bald ändern. "Die Sorge, dass ich bald Vater werde und nicht für meine Familie sorgen kann", betonte Dowsett, nun in einer ernsteren Tonart, "hat mir zuletzt sehr zu schaffen gemacht."

Die verkürzte Corona-Saison der Radprofis zeigt mittlerweile vor allem ihre tückischen Seiten: Die Teams müssen Personal und Ressourcen auf viele Rennen gleichzeitig aufteilen; bei der Italien-Rundfahrt, die am Montag ihren ersten Ruhetag erlebte, stieg Mitfavorit Simon Yates zuletzt wegen eines positiven Covid-Befundes aus - nach vier weiteren Fällen in der Mannschaft zog sich am Dienstag sogar die gesamte Auswahl vom Rennen zurück; kurz darauf tat es ihr das Jumbo-Visma-Team gleich. Das Rosa Trikot des Führenden fiel derweil etwas überraschend dem Portugiesen Joao Almeida zu, 22, dem nächsten aus der Reihe der jungen Begabungen, die derzeit von sich reden machen. Aber mit der Kraft der Routine ist schon auch noch einiges zu holen, das bewies Alex Dowsett, 32, jetzt erst wieder. Nebenbei verschaffte er seinem Team, das unter dem Namen "Israel Start-up Nation" firmiert, den ersten Erfolg bei einer großen Landesrundfahrt.

Die Equipe ist ja zweifelsohne eines der spannenderen Projekte, die der Sport derzeit zu bieten hat: Während viele in ihrer Verunsicherung verharren, schlagen die Israelis die entgegengesetzte Richtung ein: mit voller Schubkraft nach vorne.

Knapp zwei Monate ist es her, da hatte Sylvan Adams, der Co-Eigentümer des Teams, zu einer digitalen Presserunde geladen. Es ging um den ersten Start seines Teams bei der Tour de France, und Adams sprach mit einer dieser rauen, scheppernden Stimmen, deren Besitzer man umgehend einen Kübel Eiswasser in den Rachen schütten möchte. "Wir sind mehr als ein Team, wir sind auf einer Mission", sagte er. Man wolle den Radsport in Israel bewerben, aber auch Israel durch den Radsport: "Wir wollen das echte Gesicht des Landes zeigen, das leider oft völlig verzerrt dargestellt wird. Wir befinden uns nicht in einer Kriegszone", sagte Adams, "sondern in einem Land, das tolerant ist, divers und innovativ. Und sehr sicher." Als er 2015 nach fast sechs Jahrzehnten in Kanada ins Land seiner jüdischen Wurzeln umzog, druckte er eine neue Anrede auf seine Visitenkarten: "Selbsternannter Botschafter Israels."

Schon im nächsten Jahr will das Team die Gesamtwertung bei der Tour de France angreifen

Zur ganzen Geschichte gehört vielleicht auch, dass Adams in seiner alten Heimat damals ein Verfahren verfolgte, wegen Steuerhinterziehung. Das bescherte ihm 2016 eine Nachzahlung von 85 Millionen Euro, wie die L'Équipe zuletzt berichtete. Verschmerzbar, bei einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Dollar, das Adams vor allem mit der Immobilienfirma seines Vaters verdiente. Seine einzige Motivation sei es jedenfalls, seine neue Heimat von ihrer "wunderschönen" Seite zu zeigen, beteuert er. Als der Giro d'Italia 2018 die ersten drei Etappen in Israel austrug, trug Adams viele Kosten. Er finanzierte auch den Auftritt der Sängerin Madonna beim Eurovision Song Contest 2019, ein Freundschaftsspiel zwischen Argentinien (mit Lionel Messi) und Uruguay, sogar Israels Mondfahrt-Projekt, dessen Sonde allerdings bei der Landung havarierte (und damit ähnlich wackelig endete wie Madonnas Gesangseinlage). Das Engagement im Radsport, Adams' große Passion, war bislang erfolgreicher. Das Team begann 2015 in der dritten Radsport-Liga, im Vorjahr übernahm es die World-Tour-Lizenz der einstigen Katjusha-Equipe.

Damit es in dieser Tonart weitergeht, werde man "ein ganzes Ökosystem" schaffen, verspricht Adams. Sein Team war jetzt das erste israelische bei der Tour de France überhaupt, Guy Niv der erste Israeli bei der größten Rundfahrt der Welt. Adams ließ in Tel Aviv zuletzt auch "das einzige Velodrom im Nahen Osten" errichten (das seinen Namen trägt); daneben steht ein von ihm alimentiertes Forschungsinstitut. Irgendwann will er eine eigene Rundfahrt in Israel ausrichten, die künftigen Sieger bilde man schon heute im hauseigenen Nachwuchsteam aus. Er sei auch offen für arabische und palästinensische Profis, betont Adams, auch so wolle man Werte wie Toleranz leben. Die World-Tour-Auswahl setzt sich bereits aus Fahrern aus 16 verschiedenen Nationen zusammen - darunter drei Deutsche, in Rick Zabel, André Greipel und Nils Politt. Er freue sich, nicht für irgendeinen Sponsor zu fahren, sondern für ein Projekt, das die Welt besser macht", sagte Zabel vor einem Jahr dem Deutschlandfunk. Das Team hatte damals gerade die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht.

Sportlich wirkt das Aufgebot noch recht zusammengewürfelt, das Budget liegt noch im mittleren einstelligen Millionenbereich und damit im unteren Drittel aller Teams aus der ersten Radsport-Liga. Das dürfte sich aber bald ändern. Einige Profis, wie Nils Politt (zu Bora-hansgrohe) und wohl auch Alex Dowsett werden gehen, andere wie Christopher Froome haben bereits für 2021 angeheuert. Der viermalige Tour-Sieger will nach seinem schweren Sturz 2019 noch einmal in Frankreich gewinnen, mindestens. An den Ambitionen seiner Vorgesetzten - und den Ressourcen - wird es kaum scheitern.

© SZ vom 13.10.2020/jki
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