Radsport Freispruch trotz Überdosis

Der Rad-Weltverband legt die Dopingaffäre um Chris Froome kurz vor der Tour zu den Akten. Eine Affäre wird beendet, und viele Fragen bleiben offen.

Von Johannes Knuth

Am Montag veröffentlichte der Radprofi Christopher Froome ein Archivfoto auf seinem Twitter-Account, es zeigt ihn bei der Ankunft einer Bergetappe: Der 33-Jährige reckt beide Hände in die dünne Höhenluft, er lächelt, wie ein Leidender, von dem alle Schmerzen im warmen Licht des Triumphs abfallen. Dazu schrieb Froome ein paar Zeilen, die seine Gedanken zu den jüngsten Vorfällen um seine Person enthüllten: Er sei "dankbar und erleichtert, dass dieses Kapitel endlich hinter mir ist. Es waren neun emotionale Monate". Die Botschaft dahinter war klar: Noch ist keiner der 3329 Kilometer absolviert, die von Samstag an im Programm der 105. Tour de France stehen. Aber Froome hat seinen wichtigen Sieg bereits errungen, in einem Prolog auf juristischem Terrain.

Der Radsport-Weltverband UCI hat Froomes Dopingaffäre, die über der Szene gelegen hatte wie schwerer Morgennebel, am Montag zu den Akten gelegt. Das Fazit, fast zehn Monate, nachdem die Tests angeschlagen hatten: Der erfolgreichste Radprofi der jüngeren Historie hatte zwar mehr Salbutamol in seinem Urin, als die Regularien erlauben, das konstituiere aber keinen Dopingverstoß. Dem Tour-Veranstalter ASO, der den Briten wegen der bis zuletzt schwelenden Affäre mit einem Startverbot belegen wollte (was erst am Sonntag durchgesickert war), blieb nichts anderes übrig, als den Bann am Montag zu stornieren. Es war das Ende von 24 Stunden der absurderen Sorte, die der Radsport bislang erlebt hat.

Froomes Positivtest hatte sich bei der Spanien-Rundfahrt 2017 ereignet, nach einer schweren Bergprüfung. Die Fahnder ermittelten zunächst eine Konzentration von 2000 ng/ml des Asthmamittels Salbutamol, rund doppelt so viel wie der sowieso generöse Grenzwert der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erlaubt. Froome ist seit Kindestagen Asthmatiker, wie er jetzt noch mal betonte, er muss den Grenzwert aber natürlich einhalten. Und der Überschuss? Das sei nicht sein Fehler gewesen, beteuerte er immer wieder. Und Doping? Also bitte!

Mal hieß es, Froomes Stoffwechsel sei Schuld, mal die Dehydrierung während des Rennen, weshalb die Wada Froomes Wert später nach unten korrigierte. Das Verfahren werde sich ziehen, sagte UCI-Präsident David Lappartient, wohl bis nach der Tour. Froome fuhr indes weiter, das Reglement der UCI sieht für schwebende Verfahren keine Sperren vor. Er gewann den Giro d'Italia, reckte auf den Alpengipfeln die Fäuste in den Himmel. Als das Startverbot der ASO (samt Froomes Einspruch) am Sonntag durchsickerte, wirkte das wie eine Mischung aus PR-Manöver und Verzweiflungstat: Wird wohl nicht klappen, aber wir haben es immerhin probiert. Froomes Lager wirkte jedenfalls nicht allzu besorgt; David Brailsford, der Teamchef von Team Sky, nahm am Wochenende an einem Eintagesrennen in den Dolomiten teil. Brailsford wurde 50. in seiner Altersklasse, vor einem gewissen Miguel Indurain, ehemals Tour-de-France-Sieger aus Spanien.

Und dann: kam die UCI am Montag mit ihrem Verdikt um die Ecke. Sorry für die lange Beweisaufnahme, teilte sie sinngemäß mit, aber man habe Froome einen fairen Prozess gewähren müssen, klar. Der Brite habe am 4. Juni seine endgültige Sicht der Dinge dargelegt. Darüber habe man beraten, mit eigenen Experten und denen der Wada. Am 28. Juni wurde das Komitee dann von der Erkenntnis beseelt: kein Dopingverstoß, trotz erhöhter Dosis. Warum, das teilte die UCI nicht mit; das fand der Weltverband aber auch nicht weiter problematisch. Man möchte "allen Interessierten versichern, dass die Entscheidung auf der Meinung von Experten basiert". Die Wada richtete später aus, Froomes Anwälte hätten nachgewiesen, dass er den Grenzwert überschritten haben könnte, obwohl er das Mittel inhalierte wie immer. Eigentlich müsste der Brite das mit einer Studie belegen. Die erließ ihm die Wada aber, weil Froome die damaligen Umstände - die Spanien-Rundfahrt, eine Krankheit - nicht habe nachstellen können.

So endet eine Affäre, die viele Fragen offenlässt. Wie genau sah Froomes Beweiskette aus? Was ist mit anderen Fahrern, die den Grenzwert in der Vergangenheit überschritten, sich keine Anwälte leisten konnten, die Beweisketten knüpften, und gesperrt wurden? Was bedeutet das für den Salbutamol-Test der Wada? Sieht so die neue Ära von Transparenz und striktem Anti-Doping-Kurs aus, die David Lappartient versprach, als er Brian Cookson im Herbst 2017 an der Spitze der UCI ablöste?

ASO-Chef Christian Prudhomme, der Froome mit seinem Startverbot am Sonntag zur unerwünschten Person degradiert hatte, war am Montag bedient: "Wir verlangen seit Dezember eine Entscheidung. Jetzt kriegen wir in letzter Minute eine Antwort auf einen Fall, der seit vergangenem September schwelt." Und Froome ist ja nicht irgendein Fahrer, seine Equipe wurde immer wieder von Merkwürdigkeiten umrankt, angefangen bei Froomes Leistungssprüngen bis hin zu noch immer ungeklärten Medikamentenlieferungen. Bei Sky sehen sie das natürlich ganz anders. Teamchef Brailsford stimmte am Montag das Lied an, das er die vergangenen Monate gesungen hatte - unterlegt mit einem medienkritischen Bass: "Wir wussten immer, dass wir alle Regeln befolgt hatten, wir hatten totales Vertrauen in Chris." Und überhaupt habe das Verfahren ja vertraulich behandelt werden müssen.

Brailsford hatte bei der Teamgründung 2010 übrigens versprochen, seine Equipe werde künftig auf saubere, glaubwürdige und transparente Weise gewinnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

In einem Punkt waren sich am Montag übrigens fast alle Akteure einig: "Das heutige Urteil zieht eine Grenze", befand Froome stellvertretend, "wir können uns jetzt voll auf die Tour konzentrieren." Der 33-Jährige ist Titelverteidiger, er kann die Rundfahrt zum fünften Mal gewinnen. Wenn eram Samstag in der Vendée an den Start rollt, trägt er die Startnummer 1.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Froome für Salbutamol eine medizinische Ausnahmegenehmigung benötigt. Das ist falsch, er muss lediglich den Grenzwert einhalten.