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Radsport:Formsache

Photo LaPresse - Marco Alpozzi September, 10 2020 Terni (Italy) Cycling Tirreno Adriatico 55 edition - from Terni to Cas

"Die Form ist extrem gut", sagte Pascal Ackermann zuletzt - seine Teamleitung sah das ein wenig anders.

(Foto: Marco Alpozzi/LaPresse/Imago)

Große Enttäuschung für Radprofi Pascal Ackermann: Der 27 Jahre alte Sprinter fehlt im Aufgebot seiner Mannschaft für die Tour de France. Das wirft auch Fragen zu seiner Zukunft im Team auf.

Von Johannes Knuth, München

Vor drei Wochen klangen die Signale von der Kommandobrücke noch recht optimistisch: Pascal Ackermann, einer der besten Rad-Sprinter der vergangenen Jahre, sei "sehr fit und motiviert", versicherte Ralph Denk, sein Teamchef bei der Bora-Hansgrohe-Equipe, im Gespräch. Ackermann hatte damals noch einige Kleiderproben vor sich, aber Denk war guter Dinge, dass sein Velokünstler schon bei voller Schaffenskraft sein werde, sobald am 26. Juni die Tour de France losrollt, die größte Vorstellung der Spielzeit. Auch der Fahrer hatte keinerlei Einwände angemeldet: "Die Form ist extrem gut", sagte Ackermann der Rheinpfalz, "nun kommt es auf die Teamleitung an. Ich habe es ja seit drei Jahren versprochen bekommen", er meinte: sein Debüt bei der Tour.

Am Dienstag war es zumindest um die Motivation des 27-Jährigen aus Kandel in der Pfalz nicht mehr ganz so sonnig bestellt. Sein Name fehlte in der Reisegruppe für die diesjährige Frankreich-Expedition. Die Fixpunkte seines Teams sind der Niederländer Wilco Kelderman, ein Kandidat fürs Klassement - und Peter Sagan, der dreimalige Weltmeister, der bei der Tour allein sieben Mal das Punktetrikot gewonnen hat, Rekord. Man habe lange überlegt, ob man diesmal zwei Planstellen für die Sprinter freiräumen sollte, teilte Denk mit, für Sagan und Ackermann, die Entscheidung sei "keine einfache" gewesen. Letztlich habe man Ackermann aus dem Aufgebot ausgegliedert, weil dieser "im Moment einfach nicht in der Form ist, eine erfolgreiche Tour-Premiere zu geben".

Der Ausgebootete wollte sich fürs Erste nicht äußern, es lag aber nahe, dass sich seine Enttäuschung so hoch türmte wie Mont Ventoux und Galibier zusammengerechnet. Auch bedurfte es wenig Fantasie, dass die Frage nach Ackermanns Motivation jetzt noch tiefer reichen dürfte: ob er überhaupt gewillt ist, seinen auslaufenden Vertrag bei Bora zu verlängern.

Weltmeister Peter Sagan dürfte nun wohl doch eine Zukunft im Raublinger Team haben

Ackermann, seit 2017 bei den Raublingern angestellt, hatte vor zwei Jahren begonnen, die Szene aufzuwühlen. Er gewann den Klassiker rund um Frankfurt, zwei Etappen beim Giro d'Italia und dort die Punktewertung, als erster Deutscher überhaupt. Im Vorjahr reichte er zwei Tagessiege bei Tirreno-Adriatico ein, auch bei der Vuelta gewann er zwei Etappen, darunter die Schlussprüfung in Madrid vor dem Iren Sam Bennett, einer der Lichtfiguren der bisherigen Saison. Ackermann ist kein Kraftschrank wie Marcel Kittel und André Greipel, die einstigen deutschen Sprint-Großmeister, er kann dafür für längere Zeit sehr schnell sein, nebenbei kommt er gut über die schweren Berge und benötigt wenige Helfer, um sich seinen Pfad zum Erfolg zu bahnen. Wenn er denn in Topform ist.

Bei der Tour hatte Ackermann diese Kompetenzen bislang noch nicht eingebracht, da war Sagan immer gesetzt; sehr zum Leidwesen von Sam Bennett übrigens, der bis 2019 für Bora fuhr. Denk, kein Gegner mutiger Ansagen, hatte trotzdem beteuert: So lange Ackermann für ihn fahre, werde er diesen bei der Tour präsentieren. Dabei dürfen die Teams bei großen Landesrundfahrten mittlerweile nur noch acht Fahrer nominieren; bewirbt man sich für die Gesamtwertung und für Tagessiege, so wie es Bora gerne handhabt, ist für zwei Sprinter kaum Platz.

Zuletzt hatte Denk dann betont, dass Ackermanns Startzusage natürlich an dessen Form geknüpft sei. Und während Sagan das Punktetrikot beim Giro und eine Etappe gewann, kam Ackermann zäher in Fahrt, ein zweiter Platz bei der Belgien-Rundfahrt war bis zuletzt sein bester Ertrag. Er lastete sich ein paar Fehler an, nach der letztjährigen Vuelta habe das Grundlagentraining etwas gelitten. Zuletzt habe er aber am letzten Punch gearbeitet, und wenn man ihn richtig verstand, sah er es so: Sollte ihm sein Team das Vertrauen schenken, könnte sich eine mäßige Saison rasch in eine sehr gute verwandeln. Das Profil bei der Tour hätte ihm jedenfalls nicht zum Nachteil gereicht.

So dürften sich nicht wenige fragen, ob die früheren Versprechen an eine der größeren Szene-Begabungen nicht etwas zu offensiv formuliert waren. Zugleich hat sich der Nebel des Ungefähren auch in anderer Hinsicht gelichtet. Denk hatte im März noch öffentlich über den Verbleib von Sagan spekuliert, dessen Arbeitspapier bei Bora ebenfalls ausläuft: Der 31-Jährige habe Gewaltiges geleistet, aber der Slowake biege allmählich in den Herbst seiner Karriere ein, man müsse auch an die Jüngeren denken. Sagan fand das mäßig lustig, auch wenn ihm die Leichtigkeit früherer Tage zuletzt gerne mal abging. Und jetzt? Kaum vorstellbar, dass Denk einen der umkämpften Tour-Plätze einem ehemaligen Weltmeister zuspricht, der keine Zukunft in der Equipe hat. Anders als Pascal Ackermann.

© SZ/klef/aum
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