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Radsport:Erinnerungen an Pantani

Photo Massimo Paolone/LaPresse May 29, 2021 Italy Cycling Giro d Italia 2021 - 104th edition - Stage 20 - from Verbania

Feier in Rosa: Egan Bernal gewinnt mit dem Giro d'Italia seine zweite große Landesrundfahrt.

(Foto: Massimo Paolone/imago)

Jeder Auftritt hält das Versprechen einer überraschenden Attacke: Der Kolumbianer Egan Bernal, 24, steht beim Giro d'Italia vor dem Gewinn seiner zweiten großen Landesrundfahrt.

Von Johannes Knuth, München

Viele Memorabilien, hat der Radprofi Egan Bernal vor ein paar Tagen erzählt, hingen früher nicht in seinem Kinderzimmer, in einem Armenviertel in Zipaquirá, auf 2600 Metern in den kolumbianischen Anden. Ein Souvenir hielt er allerdings in Ehren: ein Bild von Marco Pantani, dem tragischen italienischen Volkshelden, der darauf im rosa getönten Trikot des Führenden eine Etappe bei der Italien-Rundfahrt gewann - und da wurden sie beim Giro vor ein paar Tagen gleich mal nervös: Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte?

Bernal ist zwar Kolumbianer, aber er ließ sich einst in einem kleinen italienischen Team in den Sport einlernen. Er spricht die Sprache, hat durchaus eine Schwäche für gelato, seine Siege widmet er schon mal dem großen Pantani, den sie in Italien bis heute schwer verehren. Und nun das: Zu Beginn der vergangenen Woche, Bernal trug bereits das rosafarbene Hemd, war er es, der als Solist auf der Königsetappe über den 2200 Meter hohen Passo Giau reüssierte, dem Dach des diesjährigen Giro d'Italia. So goss er das Fundament für seinen Gesamtsieg, im Zeitfahren am Sonntag, der letzten Prüfung in Mailand, wahrte er 1:29 Minuten Vorsprung auf den Italiener Damiano Caruso.

Die Reporter waren da natürlich verzückt, nach Bernals Triumph auf der Königsprüfung: Egan, sagten sie, die Parallelen zu Pantani seien ja frappierend: die Siege, der Giro, die Lust am Angriff, die beide Fahrer eine. Aber Bernal, so forsch er auf dem Rad agiert, war das unangenehm; er freue sich über die Vergleiche, sagte er, aber er wolle sein Idol nicht kopieren. Auch keine ganz schlechte Idee, wenn man bedenkt, in welchem Strudel des Pharmamissbrauchs Pantani einst versank.

Die Tour in diesem Jahr? Kaum machbar. "Normalerweise", sagt Bernal

Unbestritten ist: Während der Radsport immer kühler durchkalkuliert wird, mit Wattcomputern und Funksprüchen aus den Teamfahrzeugen, halten Bernals Auftritte das Versprechen einer Überraschung. Ursprünglich sollte er diesen Giro gesitteter angehen, aber wenn die Konkurrenz am Berg attackiere, erklärte Bernal nach seinem Sieg am Giau, packe ihn oft die Lust an der Attacke. Und überhaupt: "Ich wollte zeigen, dass ich zurück im Spiel bin." 2019 hatte Bernal die Tour de France gewonnen, mit 22 Jahren war er der jüngste Sieger seit dem Zweiten Weltkrieg; der erste Südamerikaner zudem. Damals war er nur ins Aufgebot gerutscht, weil er den Giro nach einem Sturz vorzeitig verlassen musste. Seine Sky-Equipe setzte in Frankreich zunächst auf Geraint Thomas, den Titelverteidiger, der auf dem Rad meist nur das Notwendigste tut und daneben in etwa so viele Emotionen versprüht wie ein Zementmischer. Aber je höher hinauf es in die Berge ging, desto mutiger wurde Bernal, der Adjutant. Auf der 19. Etappe, die wegen einer Schlammlawine verkürzt wurde, vollzog er den Machtwechsel. Mit einer forschen Attacke, klar.

Damals raunten viele, Bernal könne die Szene auf Jahre bestimmen und vergaßen, dass oben bleiben viel komplizierter ist als nach oben kommen. Im Vorjahr litt Bernal an Rückenproblemen - eine Folge davon, dass seine Beine nicht ganz gleich lang sind, wie er später herausfand - bei der Tour-Etappe hinauf zum Colombier schleppte er sich mit sieben Minuten Rückstand ins Ziel, eine Schmach. Er fuhr sieben Monate lang keine Rennen, die Pause tat ihm offenbar gut, auch wenn Yates und Caruso dem Führenden und dessen treuesten Helfer Dani Martinez auf den letzten Bergetappen schwer zusetzten. Bernal wirkt für sein Alter extrem abgeklärt, bodenständig, und wie so viele bestens ausgebildete Jungprofis hat er sich früh auf die Jagd nach den Hauptpreisen gemacht, anstatt sich langsam hochzudienen.

"Ich liebe einfach das Gefühl, in den Bergen zu leiden": Dazu hatte Egan Bernal beim diesjährigen Giro ausreichend Gelegenheit.

(Foto: Luca Bettini/AFP)

Da ist es schon erstaunlich, dass die Biotope, die er auf dem Weg dorthin durchwandert hat, bislang recht selten Stoff für Debatten waren: Die kolumbianische Rad-Szene etwa, die für ihre löchrigen Doping-Kontrollen bekannt ist, die Androni-Giocattoli-Equipe von Gianni Savio, Bernals Förderer damals in Italien, wo es immer wieder zu Auffälligkeiten kam, auch wenn Savio Fehlverhalten stets bestritt. Rund um Bernals Ineos-Team (früher Sky) ballen sich seit Jahren ohnehin die Affären: David Brailsford, Bernals Teamchef, geriet zuletzt in Erklärungsnot, als bekannt wurde, dass der britische Rad-Verband unter Brailsford auffällige Testbefunde selbst untersuchte und womöglich vertuschte (Brailsford bestritt, etwas Unlauteres getan zu haben).

Bernal ist bei all dem bislang unbehelligt geblieben. Sein Feuer, sagte er nach seinem Tour-Sieg vor zwei Jahren, speise sich aus seiner Lust am Leiden: "Ich liebe einfach das Gefühl, in den Bergen zu leiden; ich liebe dieses Gefühl, nicht zu wissen, ob du für diese Herausforderung bereit bist." Die restliche Saison, sagte er zuletzt beim Giro, wolle er nun aber wirklich gemäßigter angehen, sein Rücken sei noch immer nicht ganz geheilt - auch wenn man die Probleme mittlerweile eingedämmt habe, mit veränderter Sitzposition und angepassten Pedalen etwa. Und das Double mit der Tour sei ohnehin nicht zu schaffen, sagte Bernal. "Normalerweise", fügte er an.

© SZ/moe
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