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Radprofi Emanuel Buchmann:Die Tour ist ihm zu leicht

German Emanuel Buchmann of Bora-Hansgrohe crosses the finish line of stage 13 of the 106th edition of the Tour de Franc

Gilt schon länger als Deutschlands stärkster Rundfahrer: Emanuel Buchmann aus Ravensburg.

(Foto: David Stockman/Belga/Imago)

Emanuel Buchmann will endlich eine Podiumsplatzierung bei einer großen Rad-Rundfahrt erreichen. Dafür startet er beim Giro d'Italia statt in Frankreich - es könnte eine wegweisende Prüfung werden.

Von Johannes Aumüller

Die Hafenstadt La Rochelle war der Ort, an dem Emanuel Buchmann auch offiziell mit seinem großen Ziel abschloss. Einen Platz auf dem Podium hatte er für die Tour de France 2020 angepeilt, aber am ersten Ruhetag des Rennens saß er in einem Hotel an der Atlantikküste zerknirscht vor einer Sponsorenwand und teilte mit, dass die Gesamtwertung für ihn kein Thema mehr sei. Zu groß war sein Rückstand nach den Pyrenäen-Etappen, zu sehr wirkten ein Sturz und die daraus resultierenden Schwierigkeiten bei einem Vorbereitungsrennen nach.

So endete im Vorjahr früh Buchmanns bisher letzter Versuch, das Podium einer Drei-Wochen-Schleife zu erreichen. Er gilt schon länger als Deutschlands stärkster Rundfahrer; Platz vier bei der Tour 2019 war sein bisher bestes Resultat. In diesem Jahr steht der nächste Anlauf an, aber dafür haben sich Buchmann und sein Bora-Hansgrohe-Team einen neuen Plan überlegt: Der Ravensburger lässt den Jahreshöhepunkt Tour aus und konzentriert sich stattdessen auf das zweitwichtigste Ereignis des Radrundfahrt-Kalenders - auf den Giro d'Italia, der an diesem Samstag in Turin beginnt und nach 21 Etappen mit 3488 Kilometern in Mailand endet.

"Bei der Tour wären meine Chancen einfach wesentlich geringer, das Podium zu erreichen", sagt Buchmann, und das meint er nicht mit Blick auf die Qualität der Konkurrenz, sondern auf die Streckenführung. Der Tour-Parcours sieht vergleichsweise viele Zeitfahrkilometer und zugleich recht wenige Bergankünfte vor; beim Giro hingegen sind ein paar mehr Tagesabschnitte mit finalen Anstiegen eingebaut, so wie der gefürchtete Monte Zoncolan in Venetien in der Schlusswoche. Solch ein Verlauf passt besser zu Buchmanns Stärken, die diesjährige Tour ist ihm, salopp formuliert, nicht anspruchsvoll genug. "Die Tour ist mein Lieblingsrennen und ich wäre lieber bei der Tour dabei", sagt Buchmann. Aber angesichts der Umstände ergebe der Giro "einfach mehr Sinn".

Buchmann ist der Meinung, dass er seine beste Zeit noch vor sich hat

Es dürfte aus vielerlei Gründen eine aufschlussreiche Prüfung sein, die in diesen drei Wochen auf Buchmann zukommt. Er steckt in einer interessanten Karrierephase. Seit 2016 machte er sich als Rundfahrer einen Namen, und es ging kontinuierlich voran, mal Fünfzehnter, mal Zwölfter, 2019 folgte Platz vier, dann die missglückte Vorjahres-Ausgabe. Jetzt ist er 28, das galt bis vor wenigen Jahren als ein Alter, in dem die Rundfahrerkarrieren so richtig begannen, ehe die große Jugendwelle losrollte, in der Fahrer wie Egan Bernal oder Tadej Pogacar schon mit Anfang 20 die Tour gewannen. Aber Buchmann ist der Meinung, dass er seine beste Zeit noch vor sich hat.

Dabei hatte er es in den vergangenen Jahren nicht leicht. In Deutschland konzentriert sich rund um die Rad-Szene vieles auf die Tour und dabei speziell auf die Gesamtwertung, und stets wird danach gelechzt, dass es noch mal jemanden wie Jan Ullrich geben möge, der ums Maillot Jaune mitkämpfen kann. Das führte bisweilen früh zu hohen Erwartungen. Zugleich entstand selbst im unmittelbaren Teamumfeld die Frage, ob Buchmann ausschließlich ein vorzüglicher Bergfahrer ist - oder ob er auch ein wirklicher Kapitän sein kann, der unter großem Druck eine Mannschaft durch ein dreiwöchiges Unterfangen dirigiert. Buchmann kommt oft ein bisschen schüchtern daher, auch wenn sein Teamchef Ralph Denk mal anmerkte, dass man sich da nicht täuschen lassen dürfe. Das habe er etwa bei Vertragsverhandlungen schon am eigenen Leib gespürt. In dieser Woche übrigens verlängerten sie den Kontrakt bis 2024.

Beim Giro herrschen auch mal anarchische Umstände

Aber dennoch könnte es Buchmann entgegenkommen, dass er sein Podiumsziel nun beim Giro in Angriff nimmt, wo es insgesamt etwas weniger Stress gibt als bei der Tour und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit etwas geringer ist. Er selbst weist das allerdings zurück. "Ich kann mit Druck gut umgehen. Am Ende mach ich mir selbst immer am meisten Druck", sagt er. Und die unterschiedliche öffentliche Erwartung, die beziehe sich sehr auf Deutschland, "weil bei uns leider nur die Tour den Stellenwert hat, den sie verdient. International ist das schon wieder anders".

Nach seiner Auffassung könnte ihm eher zupasskommen, dass er bei ein paar Konkurrenten vielleicht "unter dem Radar" sei. Seit seinem Sturz im Vorjahr gab es keine Ergebnisse mehr im Top-Bereich, zuletzt bei der UAE Tour und der Baskenland-Rundfahrt kam er auf den Rängen zwölf und 13 an. Zugleich ist er auch nicht der einzige Kletterspezialist, der sich in diesem Jahr auf den Giro statt auf die Tour fokussiert; allen voran der frühere Tour-Sieger Bernal (Ineos) hält es genauso, wenngleich beim Kolumbianer abzuwarten bleibt, wie er die bei einem Sturz kürzlich erlittenen Rückenprobleme verkraftet. Allerdings gibt es beim Giro anders als bei der Tour seltener eine Mannschaft, die wie Ineos oder zuletzt Jumbo-Visma das Rennen komplett dominiert. Stattdessen herrschen dort auch mal etwas anarchische Umstände. Davon könnte Buchmann profitieren - und womöglich hat er in drei Wochen ein neues Lieblingsrennen.

© SZ/tbr/klef
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