Süddeutsche Zeitung

Unfall von Radprofi Buchmann:Schrammen in der Seele

Wieder zerstört ein Sturz die Hoffnungen von Emanuel Buchmann. Auch beim Giro d'Italia bleibt er ein Podiumsfahrer im Konjunktiv - doch er hat das Gemüt, die Gemeinheiten des Gewerbes zu meistern.

Von Johannes Knuth

Die offensichtlichen Wunden, die sah man sofort: die aufgeplatzte, geschwollene Unterlippe, die Blutspritzer, die sich vom Kinn bis zum linken Auge hinaufzogen. So stand der Radprofi Emanuel Buchmann am Pfingstsonntag am Straßenrand der Strada Regionale 252, wenige Kilometer, nachdem das Feld in die 15. Etappe des Giro d'Italia eingetaucht war; in Gordo, einer an der nördlichen Adriaküste eingebetteten 8000-Seelen-Fischerinsel, die sie dort die "Sonnen-" oder auch "Goldinsel" rufen. Nun verriet nur Buchmanns türkisfarbener Fahrradhelm auf den ersten Blick, dass es sich hier schon noch um die Folgen eines Massensturzes handelte, nicht um jene eines Boxkampfes.

Später, im Krankenhaus, attestierten sie dem Gestürzten eine "leichte" Gehirnerschütterung, Prellungen im Gesicht und an der Hüfte, keine gebrochenen Knochen, immerhin. Was man bestenfalls aus der finsteren Miene des Ravensburgers lesen konnte: Welche Schrammen so ein Sturz in der Seele hinterlässt, nachdem eine große Chance zerronnen war, wieder einmal.

So war also Buchmanns neuerlicher Anlauf zerbröselt, das Podium einer dreiwöchigen Rundfahrt zu erklimmen. Der 28-Jährige ist schon seit einer Weile Deutschlands stärkster Klassementanwärter; der Erste seit den unrühmlichen Klöden-Ullrich-Jahren, der es in die Nachbarschaft der Podien geschafft hat, Rang vier bei der Tour de France 2019 war sein bisher bestes Resultat. Für dieses Jahr hatten er und sein Bora-Hansgrohe-Team sich keinen Ausflug zu seinem Lieblingsrennen ausgeguckt, dafür zum Giro, dem zweitwichtigsten Eintrag im Rundfahrtkalender. Das kletterlastige Profil dort schmeckte Buchmann, 1,81 Meter groß und 59 Kilo leicht, deutlich mehr als die diesjährige Schleife durch Frankreich - dort haben sie seit Langem mal wieder einige Zeitfahrkilometer eingebaut. Dass Buchmanns Podiumsprojekt nun jedenfalls auf einer Regionalstraße hinter der Sonneninsel endete, mit aufgeplatzter Lippe und Prellungen, ging wohl noch nicht ganz als sportliche Tragödie durch. Aber dass er zuletzt vom Glück überschüttet wurde, kann man auch nicht gerade sagen.

Je länger und höher es in die Berge ging, desto mehr spielte Buchmann seine Stärken aus

Seine Premiere beim Giro hatte gar nicht schlecht begonnen: Beim Zeitfahren zum Auftakt hatte er nicht zu den Besten gehört, wenig überraschend, auch bei den ersten, kurzen Kletterprüfungen entronnen ihm Sekunden auf die Konkurrenz. Aber je länger und höher es in die Berge ging, desto mehr spielte Buchmann seine Stärken aus. Auf der elften Etappe, die über Schotterpisten durch die Toskana führte, lancierte er eine Attacke, die nur Egan Bernal aus Kolumbien parieren konnte, der auch die 16. Etappe am Montag gewann und seine Gesamtführung ausbaute. Buchmann sprang damals auf Rang sechs im Klassement, diesen behauptete er auch am gefürchteten, vom Schnee üppig eingekleideten Zoncolan in Venetien. 45 Sekunden trennten ihn noch vom Italiener Damiano Caruso, dem Drittplatzierten, und die Königsprüfung am Montag stand ja erst noch an, hinauf in den Dolomitenort Cortina d'Ampezzo - auch wenn Schnee und Kälte so massiv waren, dass selbst die spektakelbegeisterten Giro-Organisatoren zwei der drei Pässe spontan aus der Route herauslösten.

Buchmann und sein Team peilen weiterhin das Podium bei der Tour an - aber wohl erst 2022

Und nun: wieder nichts? Buchmann und sein Team dampften am Wochenende noch spürbar vor Enttäuschung, aber man darf annehmen, dass sich die Spätfolgen im Rahmen halten werden. Der 28-Jährige ist keiner, der sich wieder zu früh ins Geschehen stürzt, koste es, was es wolle; wie sein einstiger Teamgefährte Dominik Nerz, der sich so lange in die Erschöpfung trieb, bis sein Traum vom Rundfahrerdasein zerbrach. Er hat sich seit seiner Ankunft 2015 bei Bora so ins Klassement-Geschäft eingelernt, wie er ist: unauffällig, zielstrebig, gewissenhaft. Er ließ sich nach seinem vierten Platz vor zwei Jahren nicht von den Erwartungen in der Heimat kirremachen, oder dass Himmelsstürmer wie Tadej Pogacar und Bernal, die Tour-Sieger der vergangenen Jahre, mit Anfang 20 Rundfahrten gewinnen. Buchmann sei ein "unglaublich akribischer Arbeiter", sagt sein Teamchef Ralph Denk; einer, der schon vom Gewissen gepeinigt werde, wenn er ein Eis zu viel esse; der über die Jahre gelernt habe, wie man eine Mannschaft während einer dreiwöchigen Rundfahrt führt und der längst nicht so schüchtern sei, wie es sein trockenes Auftreten nahelegt, auch wenn er auf Fragen nach seinen liebsten Freizeitaktivitäten schon mal entgegnet: "Ich habe keine Hobbys!"

So ein Gemüt schadet nicht, um die Gemeinheiten dieses Gewerbes zu meistern, zumal die letzten Meter bis zum Gipfel auch im Radsport die rutschigsten sind. Dass die jüngsten Enttäuschungen durchaus Spuren in die Seele gegraben haben, hatte Buchmann allerdings schon vor dem Giro eingeräumt: Das vergangene Jahr sei "sehr schwierig" gewesen, bei der Dauphiné, dem Testlauf vor der Tour, war er bärenstark gefahren, ehe er auf einer Abfahrt stürzte - wieder nichts. Seine Equipe habe ihn in dieser schweren Phase aber sehr gestützt, das habe ihm gezeigt, "dass ich im richtigen Team bin". Auch deshalb hatte er seinen Vertrag zuletzt bis 2024 verlängert. Übrigens wieder in Eigenregie, ohne Manger - eine Rarität in der Branche, zumal es bei derartigen Laufzeiten locker um siebenstellige Beträge geht.

Teamchef Denk und Buchmann glauben jedenfalls fest daran, dass er gerade erst ins beste Rundfahreralter eintritt. Ein Podium bei der Tour ist nach wie vor das große Ziel, allerdings wohl frühestens 2022, "wenn die Strecke hoffentlich wieder etwas besser zu seinen Fähigkeiten passt", hatte Denk vor dem Giro gesagt. Am Dienstag wollte der 47-Jährige auf Nachfrage einen Tour-Start in diesem Jahr nicht mehr explizit ausschließen, das hänge aber davon ab, wann Buchmann wieder ins Training einsteigen könne und sei derzeit "rein spekulativ".

Realistischer bleibt fürs Erste ein Start beim olympischen Straßenrennen, das sei nach wie vor der bevorzugte Plan, bestätigte Denk. Das schwere Profil in Tokio läge Buchmann jedenfalls, wieder einmal.

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