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Doping im Radsport:Die Schweigemauer bröckelt

PEYRAGUDES FRANCE British Christopher Froome of Sky Procycling Team and British Bradley Wiggins; imago 0033594043

Lange nahezu unschlagbar: Christopher Froome (vorne) gewann die Tour de France viermal zwischen 2013 und 2017. Bradley Wiggins, hier im gelben Trikot, siegte 2012.

(Foto: Yorick Jansens/Belga/Imago)

Das Urteil gegen den Arzt Richard Freeman jagt Schockwellen durch den britischen Sport - erste Äußerungen deuten nun an, wie es im Team Sky zuging.

Von Johannes Knuth

Bradley Wiggins - Pardon: Sir Bradley, Commander of the British Empire, wie er seit seiner Adelung adressiert werden darf - hat nun auch sein Schweigen gebrochen. Und der einstige Radprofi des britischen Team Sky ist schwer erbost: "Die ganze Sache stinkt zum Himmel", sagte er kürzlich dem Sender Eurosport, für den er mittlerweile als Experte arbeitet. Gemeint war die Affäre um Richard Freeman, der als Arzt zwar nie dem britischen Empire diente, dafür dem nationalen Radsportverband, und dem Team Sky.

In dieser Funktion hatte Freeman vor zehn Jahren 30 Beutel Testosterongel an die Teamzentrale ordern lassen, und zwar "im Wissen oder Glauben", dass damit ein Fahrer gedopt werden sollte. So hat das die britische ärztliche Aufsichtsbehörde zumindest vor Kurzem geurteilt, was Wiggins, der zum Tatzeitpunkt Skys Vorzeigefahrer war, für einen schweren Justizirrtum hält: Für einen Fahrer, betonte er, sei der Stoff ganz sicher nicht bestimmt gewesen: "So ein System lief bei uns nicht." Und wer als Radprofi mit Testosteron dopen wolle, sei ohnehin nicht bei Sinnen, so engmaschig wie die Dopingtests schon damals gewesen seien.

Das muss wohl dieser feine britische Humor sein. Hatten nicht auch Insider-Berichte aus der jüngeren Vergangenheit immer wieder nahegelegt, dass moderate Testosterondosierungen nach wie vor nicht von vielen Testradaren erkannt werden? Aber klar: Was sollte ein ambitionierter Profi schon mit solch einem Stoff anfangen? Einem Stoff, der auch in den Pelotons über Jahre ein Dauer-Hit war; der Muskeln stärkt und müde Beine regenerieren lässt?

Ein früherer Profi sagt, die "Null-Toleranz-Politik" bei Sky sei "totaler Schwachsinn"

Die britischen Medien hatten schon recht: Das Urteil gegen Freeman, das vor knapp einer Woche ergangen ist, jagt seitdem Schockwellen durch den britischen Sport. Zwar nicht stark genug, um die Mauer des Schweigens einsacken zu lassen, aber sie bröckelt doch. Und das ist schon erstaunlich, so eifrig wie der Spitzensport sonst traditionell die Reihen schließt, wenn es brenzlig wird.

Den Anfang machte jetzt ein Artikel der Mail on Sunday. Nick Harris, ein respektierter Investigativreporter der Zeitung, enthüllte darin, dass Shane Sutton, ein Trainer bei Sky, intern schon 2012 an der Redlichkeit des Fahrers Christopher Froome und von dessen Trainer Bobby Julich gezweifelt hatte. Sutton hielt Froomes Leistungswerte für unglaubwürdig, wobei er dafür keine weiteren Belege vorweisen konnte. Der Vorgang (den Sutton nicht bestreitet) war dennoch bemerkenswert: Immerhin hatte Froome Wiggins, seinem Kapitän bei Sky, gerade geholfen, die Tour de France zu gewinnen, als erster Brite überhaupt.

Später avancierte Froome selbst zum viermaligen Tour-Champion, sein rasanter Aufstieg zog viele Zweifel an, die sich nach einem Positivtest auf das Asthmamittel Salbutamol (samt umstrittenem Freispruch) erhärteten. Sutton wiederum stand 2012, als er seine Zweifel an Froome vorbrachte, selbst im Zwielicht. Sky durchleuchtete damals die Vergangenheit seiner Mitarbeiter: Man verfolge eine "Null-Toleranz-Politik" gegen Doping, proklamierte Teamchef Dave Brailsford. Sutton musste dabei den Vorwurf moderieren, zu Profizeiten selbst gedopt zu haben - er stritt das massiv ab.

Auch Christopher Froome beteuerte nun erneut, dass er niemals unlauter gearbeitet habe. Sutton habe 2012 ja eng mit Wiggins zusammengearbeitet, und da Froome und Wiggins damals um die Führungsrolle im Team stritten, wollte Sutton wohl eine Wolke des Zweifels über ihn aufziehen lassen, mutmaßte Froome. Sutton ist ohnehin eine interessante Figur, nicht nur, weil er als Architekt hinter Großbritanniens erstaunlichen Erfolgen im Bahnradsport gilt: Richard Freeman, der einstige Teamarzt, hatte vor der Ärztekammer zunächst behauptet, die ominöse Testosteronlieferung sei versehentlich platziert worden. Später gab er an, dass er den Stoff für einen Patienten geordert habe, der unter erektiler Dysfunktion litt: Sutton. Der bestritt auch das vehement - das Tribunal der ärztlichen Aufsichtsbehörde glaubte ihm.

Sky verteilte das Schmerzmittel Tramadol an seine Fahrer "wie Süßigkeiten"

Der vorerst letzte Debattenbeitrag kam nun vom einstigen Sky-Profi Jonathan Tiernan-Locke. Der klassifizierte die "Null-Toleranz-Politik" seines einstigen Arbeitgebers im Gespräch mit dem Portal Cyclingnews als "totalen Schwachsinn". Ja, manche Mitarbeiter seien im Zuge der internen Räumungsaktion gegangen, wie Froomes Vertrauter Julich, der gestanden hatte, als Profi gedopt zu haben. Andere mit belasteten Personalakten hätten schlicht gelogen und seien geblieben; auch Sutton habe "alles andere als eine saubere Vergangenheit".

Ihn habe das jedenfalls schwer irritiert: dass Sky öffentlich behauptete, "sauberer als sauber" zu sein, gleichzeitig das Schmerzmittel Tramadol aber "wie Süßigkeiten" an die Fahrer verteilte - die Substanz war bis 2019 im Radsport nicht verboten, in Fachkreisen aber umstritten. Es habe, so Tiernan-Locke, bei Sky ohnehin "zwei Geschwindigkeiten" gegeben, was die medizinische Versorgung betraf: Junge, unbelastete Mediziner hätten vor allem mit den Neo-Profis gearbeitet, andere, wie Freeman, fast exklusiv mit den Topstars. Er glaube jedenfalls, dass die finstere Geschichte rund um das Team noch nicht auserzählt sei.

Tiernan-Locke ist übrigens auch ein interessanter Protagonist: 2014 sperrte ihn der Rad-Weltverband wegen auffälliger Blutwerte. Die Strafe ging allerdings auf Daten aus dem Jahr 2012 zurück, als er noch bei Endura unter Vertrag stand, wo er eine bärenstarke Saison gefahren war. Die Equipe löste sich 2012 auf und zog samt Hauptsponsor, einigen Fahrern und Spordirektor Alex Sans Vega zum Vorgänger des deutschen Bora-hansgrohe-Teams um. Sans Vega wies später strikt zurück, dass man von unlauteren Machenschaften von Tiernan-Locke gewusst habe.

Und David Brailsford, bis heute Chef des Sky-Nachfolgers Ineos? Pardon: Sir David, Commander of the British Empire? Der hatte ja stets betont, dass sein Team einfach besser und professioneller arbeite als alle anderen. Seit ein paar Tagen nun: Funkstille.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Bora-hansgrohe-Equipe aus dem Team Endura hervorging. Diese Passage wurde präzisiert.

© SZ/ebc/cca
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