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Radsport:Die geheimnisvolle Lieferung

Ineos-Boss David Brailsford (r.) und Giro-Sieger Tao Geoghegan Hart.

(Foto: Luca Bettini/AFP)

Sportlich läuft es beim Team Ineos dieser Tage bestens - aber ein Prozess in Manchester gegen den früheren Teamarzt könnte noch Erschütterungen bringen.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Fast zehn Jahre ist es inzwischen her, dass ein Lieferdienst in Manchester einen sehr merkwürdigen Auftrag erfüllte. Am 16. Mai 2011 ging bei einer Firma eine Bestellung über 30 Beutel Testogel ein - einer damals wie heute als Doping geltenden Substanz. Zwei Tage später lieferte der Kurier das Päckchen mit dem brisanten Inhalt wunschgemäß ab: im Manchester Velodrome, wo damals zugleich das Team Sky (heute Ineos) und der britische Rad-Verband untergebracht waren.

Bis heute sind die Hintergründe dieser Lieferung nicht geklärt, dieser Tage läuft der nächste Versuch, sie aufzuhellen. Die nationale ärztliche Aufsichtsbehörde (General Medical Council) führt seit Längerem ein Verfahren gegen den Mann, der das Paket damals bestellte: den Mediziner Richard Freeman, seiner Zeit für den Rennstall und den Verband tätig. Und das könnte nun den ohnehin schon beschädigten britischen Radsport weiter erschüttern.

Ineos steht gerade ja ohnehin im Fokus der Radszene. Die Tour de France war nach fünf Siegen in den vergangenen fünf Jahren enttäuschend verlaufen - dafür die vergangenen Tage umso besser. Beim turbulenten Giro d'Italia gewann das Team sieben Etappen und holte am Sonntag durch Außenseiter Tao Geoghegan Hart, 25, den Gesamtsieg. Zugleich trägt bei der Spanien-Rundfahrt, die noch bis 8. November als letztes großes Event die Saison komplettiert, Richard Carapaz das Führungstrikot.

Dabei erzeugte bei Harts Sieg nicht nur der Erfolg als solcher, sondern auch die Art für großes Erstaunen. Denn in den vergangenen Jahren erreichte Ineos seine Triumphe meist mit einer kontrollierenden, aber die Betrachter oft langweilenden Attitüde; nun war es nahezu wild. Mit dem defensiven Fahrstil, so sagte es Teammanager David Brailsford, habe man viel gewonnen; aber das habe "nicht so viel Spaß gemacht" wie der Giro. Womöglich werde man letztere Strategie künftig häufiger verfolgen, ließ er bereits durchklingen.

Eine grundsätzlich andere, offensivere Fahrweise wäre einem besseren Image in der Szene bestimmt nicht abträglich. Aber genauso wird auf das Image einwirken, was in Manchester herumkommt.

Das umstrittene Tun von Doc Freeman beschäftigt schon seit Jahren die Instanzen wie die nationale Anti-Doping-Agentur UKAD und das Tribunal der Ärzteaufsicht. Nun geht es vor Gericht um die ziemlich fragwürdige Mentalität, die damals im Team herrschte, etwa bei medizinischen Ausnahmegenehmigungen für eigentlich verbotene Substanzen und dem Einsatz von Injektionen, im juristischen Kern aber vor allem um die Lieferung aus dem Mai 2011. Freeman hat auch schon manche Verfehlung zugegeben; etwa, dass er verbotenerweise das Testosteron orderte und der UKAD nicht die Wahrheit sagte.

Den zentralen Vorwurf jedoch weist er zurück: dass er das Dopingmittel 2011 orderte, um einen Fahrer zu dopen. "Ich habe nie einen Fahrer gedopt", sagt er - und versucht irgendwie darzustellen, warum ein Teamarzt sonst Testosteron bestellen sollte. Aber mit jedem Tag, an dem sich Freeman in diesem Kontext äußert, verheddert er sich in größere Schwierigkeiten.

Ursprünglich hatte er behauptet, dass die Lieferung eine Verwechselung sei. Später musste er einräumen, dass er der Besteller war. Dafür präsentierte er im Vorjahr die These, dass das Testosteron für den damaligen Trainer Sean Sutton gedacht gewesen sei, der unter Erektionsproblemen gelitten habe. Der schoss vor dem Tribunal kräftig zurück: "Sie behaupten hier, ich könne keinen hochkriegen - meine Frau kann aussagen, dass das eine verdammte Lüge ist!" Das Testosteron sei nicht für ihn gewesen. Diese Woche versuchte sich Freeman mit dem Hinweis zu verteidigen, dass ein anderer Arzt die Ansage gemacht habe, auch Personen aus dem Team zu behandeln, die keine Fahrer sind. Diese Darstellung wies der andere Arzt zurück.

Da braucht es für Freeman wohl noch eine andere Erklärung. Blöderweise kann er dabei auch nicht mit Belegen und Informationen von einem seiner Laptops dienen. Denn mit denen lief es in den vergangenen Jahren so: Einer ist ihm im Urlaub gestohlen worden, einen hat er mit dem Schraubenzieher zerstört, und bei einem ist das Passwort leider nicht mehr erinnerlich.

Die Testosteron-Lieferung 2011 ist nicht der einzige fragwürdige Vorgang jener Jahre, in denen Sky den Radsport zu dominieren begann. Einmal transportierte ein Trainer unter großen Mühen eine Arznei nach Frankreich - angeblich einen Hustenlöser, der offenbar so speziell war, dass es in den Apotheken nichts Vergleichbares zu erwerben gab. Auch die Belege dafür waren auf dem leider geklauten Rechner. 2018 kam ein Parlamentsbericht zu dem Schluss, dass Sky und Bradley Wiggins, Gewinner der Tour 2012, medizinische Ausnahmegenehmigungen missbraucht hätten. Zudem wurde der viermalige Tour-Sieger Christopher Froome mit zu viel Salbutamol erwischt - und entging nur unter Dehnung der Paragrafen einer Sperre.

Ineos wies Fehlverhalten immer zurück und beteuerte stets, transparent zu sein. Aber wenn es so transparent wäre, wie es beteuert, dürfte es wohl nicht zehn Jahre dauern, eine Testosteron-Lieferung zu erklären.

© SZ vom 28.10.2020

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