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Bjarne Riis zurück im Radsport:Eine besondere Provokation

Gesamtführender Bjarne Riis DEN Telekom auf der 16 Etappe; Bjarne Riis Tour de France

Frisierter Sieg: Bjarne Riis bei der Tour de France 1996.

(Foto: imago/Bürhaus)
  • Der Däne Bjarne Riis fuhr gedopt zum Tour-de-France-Sieg und leitete später ein Team mit umfangreicher Dopingkultur.
  • Nun kehrt der inzwischen 55-Jährige bei NTT in die Radsport-Elite zurück.
  • "Ich denke immer noch, dass er moralisch oder ethisch nicht in der Lage ist, ein professionelles Radsportteam zu führen", sagt Michael Ask, Geschäftsführer der dänischen Anti-Doping-Agentur.

Vor knapp fünf Jahren schien die Zeit von Bjarne Riis im Profiradsport vorbei zu sein. Damals war der Däne Chef beim Team Tinkoff, doch es kam zum Konflikt mit dem russischen Finanzier und er musste sich zurückziehen. Kurz darauf erschien zudem ein Bericht der dänischen Anti-Doping-Agentur, der ausführlich beschrieb, wie umfangreich die Manipulationskultur im Team unter Riis' Führung gewesen war. Doch als am Dienstag im südaustralischen Tanunda mit der Tour Down Under die neue Saison der Radsport-Elite begann, da war er wieder fröhlich mit dabei im Peloton.

Bjarne Riis, 55, ist seit Kurzem einer der Verantwortlichen bei der Equipe NTT (bis zum Vorjahr Dimension Data). Er ist Team-Manager und über eine Firma Miteigentümer - und beschert so dem Sport das nächste große Image-Problem.

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Denn Riis war eine der maßgeblichen Gestalten jener Zeit, welche die Radszene gerne als überwundenes dunkles Kapitel darstellt. "Mr. 60 Prozent" lautete zu aktiven Zeiten der Spitzname des Dänen, in Anlehnung an seinen oft abnormal hohen Hämatokritwert, der den Verdacht der Blutmanipulation nahelegte. 1996 gewann er für die deutsche Telekom-Equipe die Tour de France. Im Zuge der Aufdeckungswelle ein Jahrzehnt später musste er einräumen, jahrelange den Klassiker Epo und andere verbotene Substanzen konsumiert zu haben. Sonderlich zerknirscht wirkte er dabei nicht, eher achselzuckend.

Die Radsport-Familie duldet wirklich viele einschlägig vorbelastete Personen

Dennoch - oder Zyniker könnten sagen: gerade deswegen - war er danach über Jahre Chef der immens erfolgreichen CSC-Equipe (später Tinkoff). Mehrere Fahrer belasteten ihn stark wegen der Dopingkultur im Team, und Dänemarks Anti-Doping-Agentur kam im Sommer 2015 zu dem Schluss, dass Riis von Doping mindestens gewusst und es geduldet habe - in Einzelfällen sogar mehr. Er stimme nicht mit allem überein, aber er gestehe, als Führungskraft versagt zu haben, sagte Riis damals.

Die Radsport-Familie duldet wirklich viele einschlägig vorbelastete Personen. Unter den Sportlichen Leitern finden sich zahlreiche Dopingsünder und in den medizinischen Stäben diverse zweifelhafte Figuren; in Mannschaften wie Quickstep oder Movistar haben Personen wie Patrick Lefevere und Eusebio Unzue das Sagen, die in den Jahrzehnten ihres Schaffens schon manche Dopingaffäre im eigenen Haus kommen und gehen sahen, aber selbstverständlich nie etwas Unrechtes taten. Aber dass Bjarne Riis nun noch einmal und ohne echte Läuterung eine führende Rolle spielen soll, kommt schon wie eine besondere Provokation daher - und ein Signal, dass der Radsport nichts verstanden hat.

Die Verantwortlichen von Riis' neuem Team hatten keine Gewissensbisse

Michael Ask, Geschäftsführer der dänischen Anti-Doping-Agentur, ist wegen Riis' Rückkehr entsetzt. "Ich denke immer noch, dass er moralisch oder ethisch nicht in der Lage ist, ein professionelles Radsportteam zu führen", sagt Ask der SZ. Dies liege nicht an seiner Doping-Vergangenheit als Aktiver, sondern daran, dass er als Teamchef "dieser erhöhten Verantwortung nicht gerecht wurde. Er hat sein Wissen und seine Beteiligung an dieser Schlüsselrolle nie deutlich gemacht".

Die Verantwortlichen von Riis' neuer Mannschaft hatten aber keine Gewissensbisse. Dimension Data, wie die Equipe bisher hieß, genoss im Peloton einen besonderen Status: Es war das erste afrikanische Team in der World Tour, der ersten Liga des Radsports, und es betonte oft, wie wichtig ihm auch soziale Projekte für Afrika seien. Zuletzt war es aber die schlechteste World-Tour-Mannschaft, und die Eigner standen offenkundig unter Druck. Riis und seine Geschäftspartner, die sich in den vergangenen Jahren bereits bei unterklassigen Teams engagierten, schielten schon länger auf einen Einstieg. Anfang Januar war er perfekt: Ein Drittel der Anteile ging an Riis und seine Kompagnons - und statt sich mit der Vergangenheit des Dänen auseinanderzusetzen, pries Teamgründer Douglas Ryder lieber Riis' Erfahrung. Ein Weltklasse-Team soll entstehen, heißt es.

Bjarne Riis, 55, mittlerweile Mitbesitzer des Teams NTT.

(Foto: AFP)

Der Einfluss der Riis-Fraktion in der Equipe dürfte dabei höher sein, als es der vereinbarte Anteil aussagt. Zur Sportlichen Leitung gehören in Lars Bak, Lars Michaelsen und Alex Sans Vega gleich drei gute Bekannte aus der früheren CSC-Tätigkeit. Auch die Mediziner Piet de Moor und Piet Daneels standen Riis schon in jenen Tagen zur Seite, über die die Anti-Doping-Kommission damals so einen langen Report verfasste.

Wie die Branche Bjarne Riis wieder willkommen heißt

Im Peloton äußert aber kaum jemand offen Kritik an Riis. Der Weltverband UCI beantwortet eine Anfrage nicht. Die mächtigen Tour-de-France-Organisatoren von der Aso wollen auch nichts sagen, obwohl sie Riis einst zur unerwünschten Person erklärten und diesem besonders im kommenden Jahr, wenn der Grand Depart in Kopenhagen steigt, eine besondere Rolle zuteil werden dürfte. Und die Organisation MPCC, in der sich einige Teams wie zum Beispiel Bora und Sunweb, aber auch NTT zusammengeschlossen haben, um für einen glaubwürdigeren Radsport zu werben, gibt sich ebenso defensiv. Die Vergangenheit zu bewerten, sei nicht ihre Sache, sagt MPCC-Präsident Roger Legeay: Es könne ihr nur um die Gegenwart und die Zukunft gehen - und darauf zu hoffen, dass NTT und Riis die Regeln einhielten.

So heißt die Branche Bjarne Riis wieder willkommen. Und für die wenigen, die sich kritisch positionieren, hat Riis einen lapidaren Ansatz, wie er in Australien den Reportern mitteilte: "Ich werde sie vielleicht auf einen Kaffee einladen und erklären, wie ich die Dinge mache."

© SZ vom 22.01.2020/tbr
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