Es gibt diese stillen Anläufe, die im Radsport fast lauter sprechen als jeder Sieg. Florian Lipowitz aus Ulm, 25 Jahre alt, sieht in diesem Frühjahr 2026 aus wie jemand, der weiß, wie dünn der Faden ist, an dem Erfolg und Gesundheit hängen. Und wie leicht er reißen kann.
Das Gesicht ist schmaler geworden, die Züge sind angespannt, doch die Beine – sie scheinen wieder da zu sein. Nach einer Winterpause, die eigentlich länger dauern sollte, steht er nun schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen täglich an der Startlinie eines großen Rennens. Erst die Katalonien-Rundfahrt, dann – völlig ungeplant – die Baskenland-Rundfahrt. Dass er beide fährt, war nicht vorgesehen, nicht in einem Frühjahr, das eigentlich der gezielten Vorbereitung auf den Sommer dienen sollte. Und doch fügt sich bei Lipowitz das, was wie Improvisation aussieht, im Moment zu einer klaren Linie.
„Wir haben lange überlegt, ob das Sinn ergibt“, sagt Teamchef Ralph Denk, der Mann hinter der Red-Bull-Bora-Mannschaft, in der Lipowitz seit zwei Jahren zur festen Größe geworden ist: „Aber Florian braucht Rennen, er braucht das Feuer an der Startlinie.“
Feuer hatte er genug. In Katalonien, zwischen den langen Anstiegen der Pyrenäen, fuhr Lipowitz auf Rang drei – eine Wiederholung seines Vorjahreserfolgs, aber diesmal unter deutlich schwierigeren Umständen. Wochen zuvor hatte ein hartnäckiger Infekt sein Höhentrainingslager auf Teneriffa unterbrochen. Die Vorbereitung auf seine zweite Podiumsjagd bei der Tour de France drohte zu zerbröckeln, ehe sie überhaupt begonnen hatte. „Ich wollte das nicht wahrhaben“, sagte Lipowitz später: „Aber der Körper gibt dir irgendwann klare Hinweise.“
„Ich versuche einfach, mehr zuzulassen, auch mal einen schlechten Tag“, sagt Lipowitz
Ein 19 Jahre alter Franzose dominiert dieser Tage die Baskenland-Rundfahrt. Paul Seixas gewann nach dem Auftaktzeitfahren auch die 164,1 Kilometer lange zweite Etappe zu den Mendukilo-Höhlen mit großem Vorsprung. Lipowitz kam nach Rang sechs im Zeitfahren als Achter ins Ziel und liegt in der Gesamtwertung auch nach Etappe vier von sechs hinter Seixas und dem Red-Bull-Teamkollegen Primoz Roglic auf dem dritten Platz. Neun Sekunden hinter dem elf Jahre älteren Roglic, gut zwei Minuten hinter dem sechs Jahre jüngeren Seixas. Am Donnerstag rückte der Spanier Jon Izagirre Insausti bis auf eine Sekunde an den Deutschen heran, vor der Königsetappe am Freitag mit strapaziösen knapp 4000 Höhenmetern.
Statt sich in Schonung zu flüchten, sucht Lipowitz im Baskenland das Gegengewicht. Rennen sollten das Immunsystem stärken, in Katalonien gelang das: Er fuhr konstant unter den Besten, nie überdreht, taktisch diszipliniert. Ein dritter Platz im Gesamtklassement hinter Jonas Vingegaard und Lenny Martinez half gegen die Zweifel, die nach seiner Erkrankung möglicherweise aufgekommen waren.

Nun also – als vermeintlich kleine Zugabe – das Baskenland. Die Entscheidung fiel spät, fast in der Nacht vor Meldeschluss. Denk und Lipowitz diskutierten lange, ob die zusätzliche Belastung klug sei, am Ende fiel die Entscheidung. „Er war letztes Jahr Vierter, und wer ihn kennt, weiß, dass ihn das wurmt“, sagt Denk. Also meldete das Team ihn nach – ungeplant, aber nicht unüberlegt.
Der Auftakt in Bilbao: 13,8 Kilometer Zeitfahren, wellig, technisch, tückisch. Und Lipowitz trat in die Pedale. 33 Sekunden trennten ihn im Ziel von Seixas. „Ein gutes Ergebnis“, sagt Lipowitz später, „kein perfektes, aber darauf arbeite ich hin.“ Kollege Roglic, Vierter im Zeitfahren, klopft ihm auf die Schulter. Ein 36-jähriger Ex-Skispringer auf der Suche nach Verlängerung seiner Zeit, und ein 25-jähriger Ex-Biathlet im Aufbau einer eigenen Ära.
Wären da nicht diese wiederkehrenden Infekte. Seit Jahren kämpft der Tour-Dritte von 2025 damit. „Man kann alles richtig machen und trotzdem krank werden“, sagt Denk, „selbst die ganz Großen, vielleicht mit Ausnahme von Pogacar.“ Es ist dieser Satz, der hängen bleibt, weil er etwas von der prekären Balance im Profiradsport erzählt: Es gibt keine Garantie, nur Wahrscheinlichkeiten.
Bei der Tour de France will Lipowitz nicht mehr überrascht werden von der eigenen Stärke
Lipowitz selbst wirkt inzwischen pragmatischer. Er rede weniger über Zahlen, sagt jemand aus dem Team, mehr über Schlaf: „Das ist bei ihm ein gutes Zeichen.“ Seine Ernährung sei vereinfacht worden, weniger Experimente, keine Superfoods, kein Aberglaube. „Ich versuche einfach, mehr zuzulassen, auch mal einen schlechten Tag“, sagt Lipowitz. Das klingt banal. Aber für einen, der darin geschult ist, jedes Watt zu kontrollieren, ist das fast revolutionär.
Die Saison ist jung, doch der Horizont ist erkennbar: die Tour de France im Juli. Dort will Lipowitz nicht mehr überrascht werden von der eigenen Stärke – wie im Vorjahr, als er plötzlich neben Pogacar und dem Dänen Jonas Vingegaard auf dem Podium stand, als Dritter in Paris.
Auf diesem Weg ist die Baskenland-Rundfahrt – mit ihren 16 000 Höhenmetern in sechs Tagen – ein Prüfstand: Etappen über enge Straßen, kurze Anstiege, häufige Rhythmuswechsel. Präzision ist gefragt, das dürfte Florian Lipowitz liegen. „Du musst immer wach sein“, sagt er, „das ist wie Schachfahren.“ Manchmal scheint er sich geradezu in diesem Denksport zu befinden: taktisch, rational, fast kühl. Dahinter lodert etwas Ungeduld – der Wunsch, die Geschichte des letzten Jahres weniger zu wiederholen als fortzuschreiben. Ohne große Gesten, mehr mit stiller Intensität.
Noch sind die ganz großen Namen – Pogacar, Vingegaard, Evenepoel – die Fixpunkte der Szene. Aber irgendwo zwischen ihnen, zwischen Plan und Risiko, fährt einer, der seinen Weg sucht. Florian Lipowitz ist kein Überflieger, eher ein beharrlicher Erbauer.


