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Radsport:"Man muss sich echt ein paar Mal massiv die Goschn polieren"

21.04.2021, Imst, AUT, Tour of the Alps, 3. Etappe, von Imst nach Naturns (162 Km), im Bild Anton Palzer (GER, Bora - Ha

Plötzlich auf dem Sattel: Der Skibergsteiger Anton Palzer schlägt sich bislang ordentlich auf der Tour of the Alps.

(Foto: Eibner-Pressefoto /Eibner/imago)

Anton Palzer war ein erfolgreicher Skibergsteiger - nun fährt er bei der Tour of the Alps neben Radprofis wie Chris Froome. Er spricht über seinen Wechsel und die Unterschiede in der Belastung.

Interview von Nadine Regel

Mit seinem Wechsel von den Skiern aufs Rad erfüllt sich Anton Palzer einen Traum: Nachdem der 28-Jährige im Skibergsteigen einer der erfolgreichsten Athleten weltweit war, fährt er seit April für das UCI WorldTeam Bora-hansgrohe. Noch im März errang der Ramsauer bei den Weltmeisterschaften im Skibergsteigen eine Silbermedaille in der Disziplin Vertical, dem schnellen Aufsteigen mit Fellen unter den Skiern. Sein Debüt als Radprofi feiert er diese Woche bei der Tour of the Alps in Tirol, einem Fünf-Tage-Rennen mit deftigen Etappen.

SZ: Herr Palzer, am ersten Tag lagen Sie auf dem 93. Rang, am Mittwoch dann aber ziemlich weit vorn: auf Platz 51 von fast 150 Startern. Wie geht es Ihnen auf Ihrer ersten Tour of the Alps in Tirol?

Toni Palzer: Es läuft besser, als ich oder die Sportlichen Leiter es erwartet haben. Ich bin überrascht, dass ich einfach mitfahren kann. Man darf halt nicht auf die Platzierung schauen, sondern auf den Zeitrückstand auf den ersten. Am Dienstag war es sehr hart, da war ich sechs Minuten hinter dem Etappensieger Simon Yates. Da ist richtig die Post abgegangen. Am Mittwoch war ich 1:57 Minuten hinter Gianni Moscon, der die Etappe gewonnen hat. Ich konnte diesen Abstand halten auf vier Stunden Fahrt, 3000 Höhenmetern und 165 Kilometern. Da bin ich schon zufrieden mit meiner Leistung. Aber der letzte Punch fehlt noch.

Vor etwa einem Jahr entschieden Sie sich dafür, vom Skibergsteigen zum Radsport zu wechseln - weil Sie eine neue Herausforderung gesucht haben. Wie fühlen Sie sich in Ihrem neuen Umfeld?

Gut, alles ist sehr professionell. Ich kann mich zu 100 Prozent auf das Radfahren konzentrieren. Auch die anderen Radfahrer reagieren positiv auf mich. Am Mittwoch traf ich zum Beispiel Simon Yates und Gianni Moscon bei der Dopingkontrolle. Die haben mich dann schon gefragt, wie ich das eigentlich mache - dass ich mithalten kann, obwohl ich noch vor einem Monat nur auf Ski gestanden bin. Auch mein Teamkollege Felix Großschartner, der am Mittwoch Zweiter geworden ist, hat gesagt, dass ich das richtig gut mache. Das freut mich dann.

Bei der WM im Skibergsteigen gewannen Sie zum Abschied die Silbermedaille in der Disziplin Vertical. Nun sitzen Sie vier Wochen später auf dem Rad. Hatten Sie überhaupt noch Zeit, um sich vorzubereiten?

Ja, ich bin zwei Wochen nach Gran Canaria geflogen. Eigentlich wollte ich hier trainieren, aber dann gab es einen halben Meter Neuschnee. Das war die richtige Entscheidung. Es hat sich schon besser angefühlt, nicht nur mit 500 Radkilometern in so ein Rennen zu starten.

Ist es schwieriger oder einfacher, als Sie es sich vorgestellt haben?

Ich hab' mir mein Leben nicht leichter gemacht. Es ist echt brutal hart, obwohl ich mich mental schon darauf eingestellt hatte. Die Leistungsdichte ist so groß. Ich hätte auch woanders mitfahren können, wo das Level nicht so hoch ist, aber der Mensch muss auch irgendwo gefordert werden. Nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert. Und ich glaube, überfordert bin ich jetzt nicht. Ich bin der Meinung, dass ich das gut stemmen kann.

Also könnte das Projekt Radrennen klappen?

Ja, absolut. Klar kann ich meine Power noch nicht 100 Prozent aufs Rad bringen. Mir geht die Kraft in den Beinen aus. Aber mein Herz-Kreislauf-System hält gut mit. Da bin ich nicht am Limit, obwohl wir am Dienstag und Mittwoch jeweils knapp 3000 Höhenmeter gefahren sind und am Donnerstag sogar 3800 Höhenmeter überwinden müssen. Das ist schon sehr ungewohnt, vor allem in dem Renntempo mit einem 40er Schnitt. Nach dieser Woche hat man einen Ist-Zustand: Wo steh ich, was muss noch besser werden - und dann kann man mich gezielt aufbauen.

Skibergsteiger Palzer wird Radprofi

Als Skibergsteiger gehörte Anton Palzer zu den Besten. Im Radsport muss er neu beginnen.

(Foto: Maurizio Torri/dpa)

In welchen Momenten geht Ihnen die Kraft in den Beinen aus?

Man muss echt extrem oft übers Limit gehen. Ungefähr zehn bis 20 Mal am Tag. Und das nur, damit man überhaupt den Anschluss halten kann. Irgendwann geht es zwischendrin auch wieder leichter. Dann fährt man im Flachen zum Beispiel mal im Windschatten. Man darf sich einfach nicht aufgeben. Man muss sich echt ein paar Mal massiv die Goschn polieren, um dranzubleiben. Man darf nie den Mut verlieren.

Wo liegt Ihr Limit?

Meine Schwellenleistung liegt bei 370 Watt. Ich bin also in der Lage, dass ich mit meinem Körpergewicht etwa 370 Watt im Schnitt in der Stunde leisten kann. Normalerweise tritt man so mit 100 Watt in die Pedale. Beim Rennen kommt es dann aber vor, dass man die ersten drei Minuten am Berg mit 500 Watt reinfährt. Das ist enorm. Mir fehlt noch die Rennhärte. Ich bin jetzt sogar ein paarmal neben Christopher Froome gefahren. Der Typ hat viermal die Tour de France gewonnen. Und er ist einfach weggeplatzt, er konnte nicht mehr. Wenn der schon so fertig ist, was will ich denn da?

Kennen Sie diese Extrembelastung auch vom Skibergsteigen?

Da hat man eine konstantere Belastung. Man läuft gleichmäßig ein hohes Tempo. Nur auf den letzten zwei Minuten holt man noch einmal alles raus, um eine gute Zeit zu erzielen. Beim Radfahren hat man eine viel höhere Wechselbelastung. Am Mittwoch gab es eine sehr starke Fluchtgruppe. Andere Teams sahen sich in ihrer Gesamtwertung gefährdet und so hat zum Beispiel das Team Astana versucht, einen Fahrer an die Spitze zu schicken. In solchen Momenten zieht das Tempo wieder so extrem an, dann wird ums Überleben gefahren. Skibergsteigen ist nicht taktisch. Da geht es um die Grundleistung von einem Sportler. Und wer die besten Punkte hat, der gewinnt. Außerdem kommt noch die Technik hinzu. Das Skifahren ist zum Beispiel viel anspruchsvoller, als mit 100 Kilometern in der Stunde eine Straße runterzufahren.

Beim Radfahren ist man ja per Funk mit den sportlichen Leitern verbunden. Wie kommen Sie damit klar, dass Ihnen ständig jemand ins Ohr spricht?

Das ist schon sehr wichtig für mich. Beim Skibergsteigen fährt man die Strecke dreimal ab und dann kennt man quasi jeden Hang. Aber beim Radfahren kennt man die Strecke nicht. Wir haben zwei sportliche Leiter und zwei Autos, also zwei Begleitwagen. Die schauen das Rennen vom Auto aus an und geben uns Tipps, also ob zum Beispiel eine schlechte Straße oder ein Bahnübergang kommt. Die sagen mir auch, wenn es in einen Anstieg geht und ich mich weiter vorne im Feld einordnen soll.

Und wie reagieren Ihre Fans auf den Wechsel?

Naja, die stehen jeden Tag mit Schildern da und rufen mir "Go, Toni, go" zu. Das ist voll schräg. Da ist ja wirklich die Crème de la crème des Radsports am Start, die auch wirklich was gewinnen können. Aber ich glaube, dass mein Wechsel zum Radfahren ziemlich viele mitreißt und es ist total schön zu sehen, wie sich die Leute freuen. Das hat es halt auch noch nie gegeben, dass so ein Quereinsteiger in so einem Team mitfährt.

Also haben Sie bis hier hin alles richtig gemacht?

Es war die richtige Entscheidung. Ich bin mega motiviert, dass ich so richtig gut werde in dem Sport und ich glaube auch, dass ich das werden kann. Wenn ich mir anschaue, was ich jetzt fahren kann mit einfach null Erfahrung und null Radkilometern. Da bin ich fest davon überzeugt, dass ich in ein paar Jahren etwas Gutes vollbringen kann.

Wie geht es nach dem Rennen für Sie weiter?

Jetzt bin ich mal zweieinhalb Wochen zu Hause. Bevor ich dann die Ungarn-Rundfahrt fahre.

© SZ/pps/lein/tbr
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