Süddeutsche Zeitung

Radsport:Der Radfahrer des Papstes

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Der niederländische Radprofi Rien Schuurhuis, 40, tritt am Sonntag bei der Straßen-WM für den Vatikanstaat an. Zur Vorbereitung ist er zwei Jahre lang Autos im dichten Straßenverkehr Roms ausgewichen.

Von Philipp Schneider

Die Menschen im Vatikanstaat gelten als Erdenbürger, die inmitten der röhrenden und qualmenden Metropole Rom ein vergleichsweise gesundes Leben führen. Die Hälfte der rund 44 Hektar großen Enklave des Stato della Città del Vaticano ist grün, seit 2002 herrscht im ganzen Staat Rauchverbot und es gilt ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern. Um zusätzlich etwas für die körperliche Fitness und das Gemeinschaftsgefühl der Vatikan-Mitarbeiter zu tun, wurde bereits vor 50 Jahren eine eigenständige Fußballmeisterschaft aus der Taufe gehoben.

Die Spiele der vatikanischen Liga finden im römischen Außenbezirk Primavalle statt. Die 16 Mannschaften treten auf einem Kleinfeld mit vier Feldspielern und einem Torwart gegeneinander an; diese Reduktion ist notwendig, da die Mannschaften nicht genügend Spieler zusammenbekommen. Zu einer Mitgliedschaft des Heiligen Stuhls im Internationalen Olympischen Komitee oder den Fußballverbänden Fifa und Uefa, geschweige denn einer Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften, hat es schon allein deshalb nie gereicht, da es im Vatikan keinen Sportplatz gibt. Aber was im Fußball nicht möglich ist, einen Botschafter von Gottes Stellvertreter auf Erden auf die Bühne des internationalen Sport zu entsenden, das ermöglichen die Regularien des Radsports.

Und so kommt es, dass der Niederländer Rien Schuurhuis, 40, an diesem Sonntag tatsächlich die weißen und gelben Farben des Vatikans tragen wird, wenn in der australischen Küstenstadt Wollongong die Straßen-Weltmeisterschaften des Internationalen Radsportverbands UCI über eine Distanz von 266,9 Kilometern ausgetragen werden. Schuurhuis, geboren in Groningen, tritt an für die Athletica Vaticana, eine 2019 gegründete Sportorganisation. Er ist nicht der erste für den Zwergstaat startende Sportler. Don Vincenzo Puccio, ein sizilianischer Priester, erreichte 2019 beim Marathon in Messina Platz zwei für den Heiligen Stuhl, in einer Zeit von 2 Stunden und 31 Minuten. Und Sara Carnicelli, 27, die Tochter eines Vatikan-Mitarbeiters, nahm in diesem Jahr als Gastathletin an den Mittelmeerspielen teil, wo sie beim Halbmarathon in Oran den neunten Platz belegte.

Eigentlich ist der Papst eher für seine Liebe zum Fußball bekannt - doch er hat auch den Radsport für sich entdeckt

Doch als es Athletica Vaticana im Vorjahr gelang, in den Dachverband UCI offiziell aufgenommen zu werden, war der Jubel der Verantwortlichen bis in die sakrale Stille der Beichtstühle des Petersdoms sicher gut zu vernehmen. In Anbetracht "der Kleinheit der vatikanischen Realität", hieß es herrlich euphemistisch in einer offiziellen Erklärung, habe die Anerkennung der UCI vor allem das Ziel, die Ausübung des Radsports als gemeinschaftliches Sporterlebnis zu fördern, "mit einem starken Fokus auf die Dimensionen Dienst, Gratifikation, Amateurismus, Integration und Solidarität".

Diese hehren Zielvorgaben stehen einer professionellen Organisation der vatikanischen Radsport-Delegation selbstredend nicht im Wege. Geleitet wird sie von Valerio Agnoli, 37, einem ehemaligen Radprofi, der für die umstrittenen Teams Liquigas und Astana in die Pedale trat und sich als Wasserträger für Vincenzo Nibali und Ivan Basso einen Namen machte. "Wir gehen als Botschafter Seiner Heiligkeit nach Australien", teilte Agnoli nun mit, tatsächlich habe sie Franziskus persönlich gesegnet.

Eigentlich ist der Papst eher für seine Liebe zum Fußball bekannt. "Wir brauchten nur einen Lumpenball, um Spaß zu haben und Wunder zu vollbringen", hat er der Gazzetta dello Sport über seine ballzentrierte Jugend in Argentinien berichtet. Sein Spitzname sei "pata dura" gewesen, was so viel bedeutet wie "ungelenke Beine", er habe daher immer den Torwart gegeben, "damit ich mich nicht bewegen musste".

Bei einer Audienz für den Jahreskongress des Europäischen Radsportverbands hat Franziskus aber auch seine Liebe zum Radsport dargelegt. Wer ihm lauschte, den überkam das Gefühl, dass sie jener des Don Camillo in nichts nachsteht, jenem schlagkräftigen und schlitzohrigen Priester, der durch den fiktiven Ort Boscaccio so gerne auf zwei Rädern rollte. Der Radsport, sagte Franziskus, hebe bestimmte Tugenden hervor, "wie Ausdauer, Mut, Integrität bei der Einhaltung der Regeln, Altruismus und Sinn für das Team".

Doping ist für den Papst nur "eine Abkürzung, die die Würde nimmt"

Dass gerade im Radsport die Regeln gerne mit Leidenschaft gebogen und gebrochen werden bis die Gendarmerie zur Razzia anrückt, ist ihm nicht entgangen. Doping, sagt Franziskus in einer vortrefflichen Definition, sei mehr als Betrug. Nämlich "eine Abkürzung, die die Würde nimmt und versucht, den Funken zu stehlen, den Gott auf seine geheimnisvolle Weise bestimmten Menschen in besonderer oder größerer Form gegeben hat".

Wie groß jener Funken ist, der Schuurhuis gegeben wurde, kann dieser vielleicht am Sonntag unter Beweis stellen. Bislang ist er als Profi für das "Black Inc Cycling Team" und "Oliver's Real Food" hauptsächlich als Teilnehmer an kleineren Rennen in Asien in Erscheinung getreten. Zur Vorbereitung auf seine nun größte sportliche Herausforderung in Australien ist Schuurhuis vor zwei Jahren nach Rom gezogen. Sein tägliches Training beginnt er dort mit Vorliebe auf dem vielbefahrenen Boulevard Lungotevere entlang des Tiber. "Ich muss zugeben, dass dies einer der lustigsten Teile meines Trainings ist, auch wegen der Reflexe, die ich mitten im dichten chaotischen römischen Verkehr immer wieder zeigen muss", hat Schuurhuis der Vatikan-Zeitung L'Osservatore Romano erzählt.

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