bedeckt München 11°
vgwortpixel

Rad-WM:"So was hat es im Radsport noch nicht gegeben"

Radsport-WM in Österreich

Das Hauptfeld in Aktion - so sah es beim U23-Rennen am Freitag nahe Kufstein aus.

(Foto: dpa)
  • Bei der Straßenrad-WM in der Nähe von Innsbruck gibt es eine Bergfahrt, die den Profis alles abverlangt.
  • Die Gramartstraße hoch über Innsbruck heißt im, Volksmund Höttinger Höll - und in diesen Tagen wird darüber diskutiert, ob man sie Radfahrern überhaupt zumuten kann.

Vor langer Zeit war diese Straße keine Hölle. Im Gegenteil, sie war nur ein einfacher Weg hinunter ins Tal, ein Hohlweg, auf dem man auch rodeln konnte. Irgendwann aber machte die Sprache aus dem Wort "hohl" ein "höhl", und aus "höhl" dann "höll". Und jetzt ist die Gramartstraße hoch über Innsbruck die Höttinger Höll, was eine arge Übertreibung darstellt. Nur nicht an diesem Sonntag.

Empfindet man die Hölle als einen klaustrophobischen Ort, an dem Umkehren ausgeschlossen ist, an dem sich die Umgebung immer enger zusammenzieht, während die Beine und der ganze Körper zu brennen scheinen, dann trifft das schon zu. Jedenfalls, sagt Thomas Rohregger, der Streckendesigner der Innsbrucker Rad-Weltmeisterschaft, "hat es so was im Radsport noch nicht gegeben".

Die "Höll" lauert am Schluss auf die Radrennfahrer - nach 4300 Höhenmetern

Das Ziel großer Sportereignisse ist immer auch Werbung. Junge Menschen sollen Appetit auf den Sport bekommen und Touristen Lust, die Gegend zu bereisen. Deshalb lotste Rohregger mit seinen Strecken schon die ganze Woche über den Radtross, die Zuschauer, die riesigen Werbe-Ballons, die Helikopter und die Kameraleute durch das grüne, lichtdurchflutete Inntal. Für den Abschluss aber, für das Finale des Männer-Straßenrennens, da wollten die Chefs vom Weltverband UCI mehr. Ein Extra-Hindernis, einen Nervenkitzel wie die Mausefalle beim Ski-Abfahrtsrennen in Kitzbühel, einen Scharfrichter für die Favoriten - "the spice in the soup".

Radsport Von den Beinen verlassen
Rad-WM

Von den Beinen verlassen

Noch gibt es nicht den großen Sieger der Rad-WM - aber einen Verlierer hat der Wettbewerb bereits: Tom Dumoulin.   Von Volker Kreisl

Und das scharfe Gewürz haben sie nun; dazu ein Dauerthema, das die Rad-Szene fasziniert, aber auch einen beachtlichen Mehraufwand, eine Diskussion über Gleichberechtigung sowie die Frage, ob der Radsport mit seiner Dopingvergangenheit immer noch die Qual übermenschlicher Leistung verherrlichen muss.

Gestartet wird in Kufstein an der Grenze zu Deutschland. Die 200 Fahrer überqueren zunächst kleinere Hügel, erklimmen als ersten Reizpunkt für die Muskeln den 300 Meter hohen Gnadenwald und stürzen sich bald danach in die Bergrunden. Sieben Mal geht es die 500 Höhenmeter aus dem Inntal zum Fuße des Patscherkofels hinauf, und wenn die letzte Runde und somit 4300 von 4670 Höhenmeter dieses 258-Kilometer-Kurses absolviert sind - dann beginnt das Rennen erst richtig.

Eng wird es schon unten in Innsbruck. Die Fahrer zwängen sich durch den schmalen Eingang der Höttinger Gasse an der Innbrücke, und hundert Meter weiter müssen die Serviceleute wie Langläufer beim Skiathlon auf einen anderen Untersatz umsteigen. Denn Autos sind zu breit, sie sitzen jetzt auf dem Rücksitz eines Motorrads, das Ersatzrad geschultert.

Die Radprofis lassen nach etwa eineinhalb Kilometern die letzten Häuser hinter sich und strampeln auf die erste Wand zu, eine 20-Prozent-Steilpassage. Sie wissen dabei, dass das Schlimmste erst weiter oben kommt. Ausruhen geht nicht, es gibt keine Flachpassagen, es gibt nur das Weitertreten. Dann, nach 500 Metern, hat jemand eine Ankündigung auf den Asphalt gemalt: "Welcome to the Highway of Höll - 28 %."

Die Kameras werden spektakuläre Bilder von ausgepumpten, gegen das Absteigen kämpfenden Radprofis übertragen, und die Gefahr besteht durchaus, dass einer der begleitenden Notärzte eingreifen muss. Rohregger findet nicht, dass das Streckenprofil das Problem des Radsports sei. "An den Steigungen selber liegt es eher nicht", sagt er. Die Überlastung drohe vielmehr durch die Distanz; 250 Kilometer muss eine WM-Strecke haben.

Und doch braucht man keine Höll, um einen Sieger zu ermitteln. Letztlich haben diese 28 Prozent den Sinn, Sport zum Spektakel zu machen, zum Zirkus, bei dem ein kleiner Teil übrig bleibt. Helmut Trettwer, Amateurfahrer vom bayerischen Team WSA Pushbikers, der noch beim Mannschaftszeitfahren dabei war, hier aber erst gar nicht antritt, glaubt, dass vielleicht nur 25 Starter das Ziel sehen: "Das sind dann die weltbesten Bergfahrer."

Zur SZ-Startseite