Nicht nur die viel besungenen tausend Hügel fordern den Teilnehmern der Straßenrad-Weltmeisterschaft in Ruandas Hauptstadt Kigali einiges ab. Es ist auch die Debatte um den Austragungsort, die an dieser ersten Radsport-WM auf dem afrikanischen Kontinent hängt wie ein Kontrahent im Windschatten. „Natürlich bekommt man das Für und Wider mit und muss sich eine Meinung dazu bilden“, sagt Antonia Niedermaier im Videotelefonat. Der Streit um den Standort im Vorfeld der WM, um das autoritäre Regime, die Menschenrechtsverletzungen, die Unterdrückung der Opposition, der Vorwurf des Sportswashing – er ist nicht an ihr vorbeigegangen. „Aber man muss sich ein bisschen abschirmen, sich auf die Performance konzentrieren, egal, wo jetzt eine WM ist und ob einem der Standort gerade in den Kram passt.“
Die 22-Jährige meldet sich aus der Lobby ihres Hotels in Kigali. Heute, an ihrem rennfreien Tag, hat sie ein lockeres Dreistundentraining absolviert. Die Ausfahrten ins Umland der ruandischen Hauptstadt seien dabei ein echtes Abenteuer, erzählt sie – vor allem der Weg raus aus der Stadt: „Man muss sich durchschlängeln, weil es schon ein bisschen chaotisch ist. Hier gilt: Wer dreister ist, nimmt sich die Vorfahrt. Als Radfahrer muss man manchmal zurückstecken. Außerhalb ist es dann aber kein Problem mehr.“ Die härtesten Gegner, die dort warten, seien Hitze und Luftfeuchtigkeit. „Wir hatten bisher ziemliches Glück mit dem Wetter“, erzählt Niedermaier. „Am Abend oder am Nachmittag gewittert oder regnet es oft, dann wird es total dampfig.“ Die Höhenluft – Ruanda liegt auf einem Hochplateau – tangiert die gebürtige Rosenheimerin eher weniger: „Wir sind so auf 1500 Metern, aber das spüre ich jetzt tatsächlich nicht so sehr.“
Dass Antonia Niedermaier gut mit Anstiegen und Höhenluft zurechtkommt, verdankt sie auch ihrer ersten sportlichen Karriere. Als Jugendliche absolviert sie erfolgreich Bergläufe, steigt dann aufgrund einer lädierten Patellasehne aufs Skibergsteigen um. Auf Skiern fliegt sie geradezu die Hügel hoch, 2019 wird sie Dritte bei der Junioren-WM, nimmt später an den Olympischen Jugend-Winterspielen teil. Nebenbei fährt sie Rennrad – und zeigt dort ebenfalls ihr Talent. 2021 fährt sie ihre ersten Rennen, gewinnt auf Anhieb das Einzelzeitfahren der Junioren-DM und unterschreibt kurze Zeit später ihren ersten Profivertrag bei Canyon-Sram. 2023 und 2024 wird sie U23-Weltmeisterin im Einzelzeitfahren, 2025 deutsche Meisterin in dieser Disziplin.

„Sie ist erwachsener und selbstbewusster geworden“, sagt Ronny Lauke, Teamchef bei Canyon-Sram. „Als sie zu uns kam, hatte sie kaum Erfahrung im Radsport, aber sie brachte physische Stärke und einen großen Willen mit. Heute versteht sie viel klarer, wer sie ist und was sie will.“ Lauke verfolgt die WM aus der Ferne – Planung und Taktik liegen beim Bundestrainer –, kennt Niedermaier aber seit Jahren und hat ihre Entwicklung eng begleitet. Dass sie nun auch in Kigali bei der Elite antritt, auch wenn sie noch in der U23-Wertung hätte starten können, befürwortet er: „Du musst die Messlatte höher setzen. Wenn du alles erreicht hast im Nachwuchs, dann musst du dir neue Ziele setzen. Da brauchst du nicht zum dritten oder vierten Mal das zu bestätigen, was du schon bestätigt hast.“
Auch Niedermaier sagt: „Es war an der Zeit, den nächsten Schritt zu machen. Ich wollte mich mit den Besten vergleichen.“ In ihrer Paradedisziplin, dem Einzelzeitfahren, ist sie am Sonntag mit berechtigten Medaillenambitionen in Kigali an den Start gegangen, landete nach einem starken Rennen auf dem sechsten Platz – als eine der jüngsten Teilnehmerinnen. „Ich war ein bisschen enttäuscht“, sagt Niedermaier über das Rennen. „Nicht unbedingt wegen des sechsten Platzes, sondern weil ich meine Leistungen nicht abrufen konnte.“ Die Beine sind ungewohnt schwer, während des Rennens hat sie Probleme mit der Schaltung, dann geht auch noch der Bordcomputer verloren. „Es kommt ja meist alles zusammen“, sagt sie schulterzuckend. Auch im Mixed-Zeitfahren am Mittwoch bleibt das deutsche Team hinter den eigenen Erwartungen zurück, muss sich mit dem fünften Platz zufriedengeben.
Niedermaier blickt jedoch längst schon wieder nach vorn, auf das große Finale, das Straßenrennen am Samstag, das mitten durch die Stadt führt. „Da gibt’s wieder eine neue Chance.“ Ihr Antrieb: Liane Lippert und Franziska Koch bestmöglich unterstützen. Mit drei Starterinnen geht eine verhältnismäßig kleine und von krankheitsbedingten Ausfällen geplagte deutsche Equipe an den Start. Niedermaier freut sich dennoch auf die anspruchsvolle 165-Kilometer-Strecke mit mehr als 3000 Höhenmetern. „Ich glaube, es wird richtig happig“, sagt sie. „Es ist ein extrem harter Kurs, es geht eigentlich nur rauf und runter.“ Es gilt, noch ein letztes Mal alles zu geben – und sich von den Zuschauern feiern zu lassen. „Die Leute hier sind begeistert. Niemand findet es nervig oder blöd, dass Straßen abgesperrt sind, alle sind total angetan von der WM und stolz, dass sie hier stattfindet.“ Im Training habe sich auch schon mal ein Radfahrer mit einem voll beladenen Fahrrad in ihren Windschatten gehängt, erzählt Niedermaier – nur kurz, versteht sich, bevor sie ihm mit ihrem Rennrad wieder entschwunden ist.

