European Championships:Ein Deutscher mit chinesischem Tischtennis

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European Championships: Für einen in Schwaben geborenen Tischtennisprofi hat Dang Qiu einen unüblichen Schlägergriff.

Für einen in Schwaben geborenen Tischtennisprofi hat Dang Qiu einen unüblichen Schlägergriff.

(Foto: Imago)

Dang Qiu aus Nürtingen ist der jüngste der besten deutschen Tischtennisspieler. Bei der EM in München ist er ein Kandidat für gleich drei Medaillen - und mit seinem ungewöhnlichen Stil auch ein unberechenbarer Gegner für China.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

In den Adern von Dang Qiu fließt chinesisches Blut. Er sagt: "Ich trage chinesische DNA in mir." Sein Tischtennis hat er sich bei einer chinesischen Legende abgeschaut, mit Kontrahenten aus dem Reich der Mitte spricht er Mandarin, die Großeltern in China werden regelmäßig besucht und, klar, er liebt die chinesische Küche.

Ansonsten fühlt sich der 25-Jährige aber ziemlich deutsch. Im schwäbischen Nürtingen geboren, hat er die Nachwuchsförderung des Deutschen Tischtennis-Bunds (DTTB) durchlaufen, spielt seit einem Jahr für den Rekordmeister Borussia Düsseldorf und trainiert hier als Nationalspieler seit fünf Jahren am Deutschen Tischtennis-Zentrum. Bei der Europameisterschaft in München geht er mit gleich drei Medaillenchancen an den Tisch: im Einzel, mit Benedikt Duda im Doppel und mit Nina Mittelham im Mixed.

Von einer chinesischen Tischtennislegende, die gewiss gar nicht ahnt, welchen Anteil sie an der Erfolgsgeschichte des deutschen Aufsteigers hat, hängen in der Düsseldorfer Trainingshalle zwei große Fotos. Zufällig. Die beiden Siegerpodest-Aufnahmen, auf denen Timo Boll 2011 seine erste WM-Bronzemedaille um den Hals trägt und Dimitrij Ovtcharov 2012 sein erstes Olympia-Bronze, zeigen auch einen jeweils mit Silber dekorierten Wang Hao. Er war es, der Dang Qiu inspiriert hat.

Seine Eltern waren chinesische Nationalspieler und haben selbst den Penholder gespielt

Wenn er mehrere Stunden an jedem Tag trainiert und auch mal zu den Fotos aufschaut, dann denkt Dang Qiu daran zurück, wie er sich bei Wang Hao jenen chinesischen Penholder-Griff abgeschaut hat, mit dem er die Tischtenniswelt jetzt das Fürchten lehrt. Ein beängstigend starker Deutscher mit chinesischem Tischtennis - das erregt Aufsehen auch in China, wo Dang Qius Eltern einst zu den hoffnungsvollsten Talenten gehörten.

Sie waren chinesische Nationalspieler und haben selbst den Penholder gespielt, bei dem man den Griff des Schlägers hält wie einen Stift. Ihr Sohn sollte eigentlich den weltweit üblichen Shakehand-Griff spielen, bei dem man den Schläger hält, als gäbe man jemandem die Hand. Doch irgendetwas in Dang Qiu sträubte sich offenbar dagegen. "Ein halbes Jahr lang habe ich klassisches Tischtennis gespielt", erzählt er, "aber ich hatte tierische Probleme mit der Rückhand." Sein Vater, traditioneller chinesischer Penholder mit ausschließlich einer Noppenseite sowohl für Vorhand- wie für Rückhandschläge, riet dem Sohn darum, es mal mit dem chinesischen Griff zu probieren. "Damals war Wang Hao ein sehr beliebter Tischtennisspieler in China", erzählt Dang Qiu, "und noch heute bin ich von seinem Stil begeistert, wenn ich mir Youtube-Videos ansehe."

Wang Hao, heute 38, aber schon seit 2015 im Tischtennis-Ruhestand, spielte den Penholder allerdings nicht nur mit der Vorhand, sondern mit beiden Seiten. Er avancierte zur Ikone der Penholder-Rückhand und revolutionierte eine eigentlich schon dem Niedergang geweihte Spielart. "Er ist eine Legende und war mein Idol, weil er das moderne Tischtennis weiterentwickelt hat", sagt Dang Qiu. Trotz der Ungewissheit, sich mit diesem Griff etwas anzugewöhnen, das ihm den Weg in die Weltspitze womöglich einst verwehren könnte, trainierte Dang Qiu fortan in der Tradition seiner Eltern, spielte aber wie Wang Hao mit beiden Seiten des Schlägers.

Die Eltern hatten sich bereits in Jugendjahren beim Tischtennis in der Auswahlmannschaft der Provinz Nanjing kennengelernt. Später sind beide Nationalspieler geworden und Ende der Achtziger nach Deutschland emigriert. Der Vater, Qiu Jianxin, spielte für Steinhagen, Mülheim und Frickenhausen in der Bundesliga. In Frickenhausen wurde er später auch Trainer und führte den Klub 2006 und 2007 zu zwei Meistertiteln.

Heute trainiert er mitunter so viel, dass sein Düsseldorfer Klubtrainer Danny Heister ihm rät, zwischendurch auch mal abzuschalten

Damals war Dang Qiu, jüngerer zweier Söhne, gerade zehn Jahre alt. Auch der ältere Bruder Liang Qiu spielt Tischtennis, beim Drittligisten Neckarsulm. "Tischtennis wurde uns in die Wiege gelegt", sagt Dang Qiu, "es gibt ein Babyfoto, auf dem ich einen Minischläger halte." Als kleiner Junge stand er auf einem Podest an der Platte. "An EM, WM oder Olympia habe ich damals natürlich nicht gedacht." Doch mit den Jahren und mit jedem neuen Titel wuchsen die Ambitionen: Esslinger Kreismeister, baden-württembergischer Landesmeister, deutscher Schülermeister, EM-Zweiter der U21. Nach dem Abitur 2015 konzentrierte er sich ganz aufs Tischtennis.

Heute trainiert er mitunter so viel, dass sein Düsseldorfer Klubtrainer Danny Heister ihm rät, zwischendurch auch mal abzuschalten. Doch der sehr freundliche und gern lustige Dang Qiu hat den Turbo gezündet und fühlt sich auf der Überholspur pudelwohl. Derzeit amtiert er als deutscher Einzelmeister, Mannschaftsmeister mit Borussia Düsseldorf, Mannschaftseuropameister sowie Mixed-Europameister mit Nina Mittelham. Im Juni eroberte er erstmals kurz die Top Ten der Weltrangliste und verdrängte Timo Boll, 41, vom zehnten Platz. Der jüngste der derzeit vier besten deutschen Spieler hat den ältesten überholt. In den Top 15 der Welt leisten ihnen in Dimitrij Ovtcharov, 33, und Patrick Franziska, 30, zwei weitere Deutsche Gesellschaft. Solch ein starkes Quartett hatte das heimische Tischtennis noch nie.

"Die Erfolge der vergangenen Monate waren herausragend", sagt Dang Qiu. "Ich habe viele Jahre hart trainiert, meine Philosophie ist die Kontinuität, und wenn es zwischendurch auch mal nicht so gut läuft, muss man trotzdem immer weitermachen und daran glauben." Nach seinen Erfolgen befragt, sagt er demütig: "Wenn ich mir allein die Erfolge unserer Legenden in der deutschen Mannschaft ansehe, weiß ich, dass ich noch nicht viel erreicht habe."

Die weltweite Konkurrenz ist riesig. "Es gibt gefühlt 400 Spieler, die auf einem ähnlichen Niveau spielen und es jederzeit schaffen können", sagt er. Doch das macht die Sache nur umso spannender. "Die Konkurrenz für die Chinesen wird immer größer", prophezeit Dang Qiu. Mit seiner chinesischen DNA will er irgendwann auch die chinesische Übermacht angreifen. Wenn einer weiß, wo die weltbesten Tischtennisspieler verwundbar sind, dann er.

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