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Qatar, das Paradies für Fußball-Rentner:Wasserträger in der Wüste

Die Scheichs heißen jetzt Effenberg, Basler oder Batistuta - wie ein fußballverrückter Prinz sein Land sportlich zu einer Weltmacht machen will.

(SZ vom 2.10.2003) - Das Paradies schließt abends um sechs. Die Sonne ist jetzt weg, der Arbeitstag von Stefan Effenberg beginnt. Für ein Stündchen muss er wieder raus aus der neuen Zauberwelt des süßen Nichts-Tuns, rein in eine Zukunft, die so gar nicht zur Vergangenheit passt. Da trabt dann der einst "beste Mittelfeldspieler der Welt" (Ottmar Hitzfeld) mit auch ihm unbekannten Qatar-Kickern über den Trainingsplatz.

Stefan Effenberg spielt jetzt bei Al Arabi in Qatar - natürlich mit der Nummer zehn.

(Foto: Foto: dpa)

Begibt sich auf Pfiff Richtung Liegestütz. Übt Stoppen-Gucken-Passen. Macht brav Rolle vorwärts, Rolle rückwärts und noch ein paar dieser Übungen, die sich Fußballtrainer so einfallen lassen. Schwatzt mit Gabriel Batistuta, dem anderen Fremdling im Team, auch so ein gewesener Weltstar. Und fährt wieder heim, ins Luxus-Hotel. Nimmt ein Late-Night-Diner im La Mer, dem exquisiten Restaurant im 23.Stock. Kerzenlicht, befrackte Ober, Blick über die Bucht. Das Paradies hat ihn wieder. Und morgen erst mal ausschlafen.

Ein paar Kilometer weiter wirkt Mario Basler, das andere Enfant terrible des deutschen Fußballs. Ein Vorbereitungsspiel im sehr neuen, sehr bunten Stadion. Zwei Dutzend Zuschauer. Basler trägt die 23. Wie Michael Jordan. Und David Beckham. Man erkennt ihn sofort. Die schlenkernden Arme. Wo andere sachte laufen, geht Basler. Mit Schlenkerarmen wie ein Passgänger.

Er gibt den letzten Mann. Schlägt diese langen, wunderschön-effektvollen Genuss-Pässe aus dem Stand, die man sich in der Bundesliga kaum erlauben kann. Hört seinen Trainer schreien: "Allez, allez!" Schreit selbst: "Come ooooon!" Versucht, mit seinen Qatari-Kollegen auf Abseits zu spielen. Wird überlaufen. Bedankt sich mit großer Geste beim Torwart. Sein Klub gewinnt, Baslers Knöchel schmerzen: Eisbeutel rechts und links. Sohn Maurice, 6, der während des Spiels seinen Ball aufs Feld bolzt, ohne dass es irgendjemanden stört, ruft Richtung Tribüne: "Mama, guck mol, de Babba hat zwei dicke Beule!" Basler sagt: "Komm Chef, mir gehn dusche." Zuhause im Kühlschrank wartet das Heineken.

Im Glanz der Petro-Dollars

Qatars General League First Division: zehn Teams, 18 Spiele, Saison von Oktober bis Mai. Gegründet 1969, international ohne Bedeutung. Bis 2002. Da ging es los mit den alternden Weltstars. Romario, 1994 Weltmeister mit Brasilien, heuerte mit 37 Jahren in Doha an. Yeboah, Paulo Sergio und andere folgten, das Fußball-Märchen hatte begonnen. In diesem Jahr kamen außer Basler (34) und Effenberg (35) noch: Batistuta (34), Argentiniens Ex-Nationalstürmer, von Italiens Publikum liebevoll Bati-Gol genannt, von seinem Nationaltrainer "das Inferno für alle Verteidiger". Von Real Madrid kam Kapitän Hierro (35), aus Marseille der französische Weltmeister Leboeuf (35), aus Glasgow der ewig langmähnige Argentinier Caniggia (36), von Español Barcelona Spielmacher de la Peña (27), dazu Guardiola (33, einst FC Barcelona) und Benarbia (34, Manchester City).

Sie alle kamen nicht wegen der lieben Kollegen, auch nicht wegen der überaus angenehmen Temperaturen im Winter, sondern wegen der Petro-Dollars: Plusminus zwei Millionen Dollar sollen Effe & Co für ihr achtmonatiges Gastspiel bekommen - das Paradies für Fußball-Rentner.

Was bleibt den großen Kickern nach 15, 20 Jahren Profi-Fußball? In die zweite oder dritte Liga will keiner, ebenso wenig wie ins bürgerliche Leben. Typen wie Katsche Schwarzenbeck mit seiner viel zitierten Lotto-Annahmestelle sind die Ausnahme.

Die meisten bleiben beim Fußball hängen: büffeln für Trainerscheine, spähen nach Talenten, versuchen sich beim Fernsehen oder im Marketing, werden Kolumnist, Manager, Spielervermittler. Und träumen von einem Ort, einem warmen Arkadien, wo man mit alten Kumpels noch ein bisschen kicken und danach ohne Zapfenstreich ein Bierchen trinken kann. Und natürlich eine Unmenge Geld bekommt. Der Ort hat nun einen Namen: Fußballers Garten Eden heißt Doha.

Gutes Spiel trotz Handicap

Bislang kennt man die Ortsmarke vor allem wegen des Fernsehsenders al-Dschasira, der seit sechs Jahren auf Sendung ist. Oder von Berichten über das Hauptquartier der US-Streitkräfte während des Irak-Kriegs. Oder als ungewöhnlich ruhigen, da sicheren Tagungsort der Welthandelsorganisation im Herbst 2001. Oder aus Statistiken über die reichsten Ländern der Erde. Qatar, halb so groß wie Hessen, besitzt das drittgrößte Erdgasvorkommen der Welt, die eifrig wachsende staatliche Fluglinie unterzeichnete im Juni einen Fünf-Milliarden-Dollar-Auftrag für Airbus. Bis zur Unabhängigkeit 1971 war Qatar britisches Protektorat, seitdem regiert der Emir.

Doch Seine Hoheit Sheikh Hamad Bin Khalifa Al Thani, Staatsoberhaupt, seitdem er vor acht Jahren seinen Vater entmachtete, scheint der Sinn nach Demokratie zu stehen. 1999 wurde erstmals ein 29-köpfiger Rat gewählt, sogar Frauen durften zur Wahl. Ende April stand nun ein Verfassungsentwurf zur Volksabstimmung, der die Quasi-Monarchie bald zur Demokratie wandeln könnte. 77 Prozent stimmten mit Ja. Kurz darauf ernannte der Emir eine Frau zur Bildungsministerin - ein einmaliger Vorgang in der Golf-Region.

Aber vor allem im Sport sorgt Qatar dafür, dass es wahrgenommen wird. Seit zehn Jahren gehört das Tennis-Turnier zur Männer-Tour, nächstes Jahr kommen auch die Damen. Bei den Golf-Cracks steht das Qatar Masters im Kalender. Ein Motorrad-Grand-Prix kommt hinzu, im März 2004 die Tischtennis-WM, 2005 die Westasien-Spiele. Und als Höhepunkt: die Asienspiele im Jahr 2006, 33 Sportarten, 5000 Athleten. Bei der Handball-WM der Junioren schlug der 600.000-Einwohner-Staat die Auswahl des weltgrößten Handballverbandes: Deutschland. In der Leichtathletik folgten die ersten kenianischen Läufer dem Lockruf des Geldes: SaifSaeed Shaheen holte bei der WM in Paris die erste Goldmedaille für das Emirat. Und jetzt auch noch Fußball.

Einer, der viel damit zu tun hat, spielt mit Mario Basler Golf: Roland Klein, Spielervermittler aus der Schweiz. Er spielt lange nicht so gut Golf wie Basler. Der hat Handicap 15, was für einen, der erst zwei Jahre spielt unverschämt gut ist. Klein hat ein anderes Handicap: Er hat kein Eisen, keinen Schläger für den Abschlag. Spielt er halt ohne, geht auch. Der Mann weiß sich zurechtzufinden.

Nach seiner Fußball-Karriere beim FC Winterthur ("hinten Mitte, am Schluss auch noch Trainer und Manager") landete er 1995 in Vietnam. "Eigentlich suchten die einen Trainer, hatten aber kein Geld", erzählt Klein, "da hab' ich gesagt: Ich könnte euer Marketing machen, ich hab' Kaufmann gelernt." So wurde Klein TV-Rechte-Händler, zunächst für Vietnam, zur WM '98 schon für 16 weitere asiatische Staaten, kannte bald alle wichtigen Fußball-Funktionäre Asiens. Auch Saud al Mohannadi, den Generalsekretär der Qatar Football Association.

Der war mit seinem Konzept nicht erfolgreich: Einzelne Spieler von Qatars U23-Nationalkader auf europäische Klubs zu verteilen, klappte nur in einem Fall, in Antwerpen. Mit Klein bastelte er ein neues Konzept: Lass halt die Stars zu uns kommen! Von denen können wir Taktik, Technik und Organisation lernen. Geld spielt keine Rolle. Der Kronprinz, der mittlerweile zugunsten seines Bruders auf die Nachfolge verzichtet hat, ist ein Sport-Verrückter und der größte Förderer des Booms.

Klein schloss einen Exklusiv-Vertrag mit dem Fußballverband, präsentierte dem Scheich eine Spieler-Wunschliste inklusive grober Kostenübersicht und begab sich auf Einkaufs-Tour. Und hatte Glück: In Europa haben die Klubs nach dem Transfer-Wahnsinn der vergangenen Jahre vor allem Schulden und wollen ihre alten, aber immer noch teuren Stars loswerden. "Erstaunlich viele Anfragen" habe er von "großen Spielern" bekommen, sagt Klein, "massenweise, mehr als 30". Auch mit Thomas Häßler, Andy Möller und Ex-Torschützenkönig Martin Max hat er verhandelt - "leider vergebens".

Das Vertrauen in die Stars ist groß, man wähnt das Geld gut angelegt. Auch wenn laut Klein alle genannten Gehaltszahlen zu hoch sind. "Warum sollten wir nicht die Besten nehmen, wenn wir es uns leisten können?", fragt Saud al Mohannadi, Chef des Fußballverbands. Das olympische Komitee zahlt die Gehälter der Stars, Mohannadi verteilt sie auf die Klubs: Effe und Bati-Gol zu Al-Arabi, Basler und Hierro zu Al Rayyan und so weiter.

Mohannadi residiert hinter der Spiegelfassade des neuen 27-Stock-Wolkenkratzers des Qatar National Olympic Committees. Hier blinkt und glänzt alles, als würde nicht stündlich, sondern im Minutentakt gewienert. Kein Krümel beleidigt den Marmorboden oder die roten Samtfauteuils. Die Wassergläser ziert ein Goldrand, der Kristallaschenbecher ist kiloschwer. Jeder Verband hat eine Etage, sogar Gewichtheben und Wrestling. Fußball braucht zwei Etagen.

Ist ja auch Sportart Nummer eins in Qatar, sagt Mohannadi. 1960, als der Verband gegründet wurde, verfügte man über den ersten Rasenplatz am Golf. In den Vierziger Jahren hatten die britischen Öl-Gesellschaften den Fußball in die Wüste gebracht, doch aufgegangen ist die Saat nie. Nun versucht man alles, damit Doha "Hauptstadt des Sports in Asien wird", wie Mohannadi sagt. Sein Vorgänger Mohamed Bin Hammam ist ins Exekutive-Komitee der Fifa aufgerückt, im Oktober tagt der Weltfußballverband in Doha.

Die Diaspora blüht

Nicht nur zahlreiche Hochhäuser, sondern auch fünf der acht Stadien werden neu gebaut. Mit dem Franzosen Philippe Troussier wurde aus Japan ein Nationaltrainer geholt, der weiß, wie man eine Diaspora zum Blühen bringt. Auch dort hatte man vor zehn, 15 Jahren damit begonnen, alternde Stars mit dem Geld großer Firmen in das Fußball-Entwicklungsland zu locken: Pierre Littbarski, Gary Lineker, Toto Scillaci und andere. Vor neun Jahren gewann Qatar noch 4:0 gegen Japan. Vergangenes Jahr feierten die Ostasiaten eine aufregende WM, spielten prima mit. Qatar scheiterte in der Qualifikation knapp: an China, einer weiteren WM-Überraschung.

Die Kluft zu den Riesen-Völkern in Fernost scheint nicht allzu groß zu sein. Die WM 2010 ist das Ziel. Oder vielleicht doch schon 2006 in Deutschland. Viel hängt von diesem Jahr ab, glauben Klein und Mohannadi. Wenn sich die Stars wohlfühlen und Positives in ihre Heimatländer berichten, rechnet man mit einem Touristen-Boom wie im benachbarten Dubai, das sich schon zu einem Mallorca für Besserverdiener entwickelt hat.

Hohe Erwartungen, auch an die einstigen schwarzen Schafe der Bundesliga. Basler und Effenberg wollen ordentlich arbeiten in diesem "sehr, sehr gut bezahlten Job", sagt Effenberg. "In meinem Alter das noch mal zu erleben, das ist ja noch mal nett. Aber das ist ja kein Larifari hier, bisschen rumstehen und aufs Tor schießen." Wie ihre Klubtrainer heißen, wissen allerdings beide nicht.

Baslers Gedanken sind immer noch bei dem mal wieder darbenden 1. FC Kaiserslautern. Dort begann und endete seine Achterbahn-Karriere in der Bundesliga. Der Abschied war bitter: Beim Pokalfinale gegen den FC Bayern saß er auf der Bank. Trotzdem fiebert er noch mit, erfährt per SMS von jedem Tor, das beim FCK fällt, stürzt sich sofort auf den aus der Heimat mitgebrachten Kicker. Trainer will er auf jeden Fall werden, vielleicht in den nächsten zwei, drei Jahren in Qatar oder zuhause, am liebsten beim FCK.

Leben mit Knödeln und Golf

Jetzt aber genießt er seinen überschaubaren Arbeitstag, freut sich an Haus und Pool, den Shopping-Malls, den Wüsten-Touren - und am Golfplatz. Den kennt er schon besser als die Namen seiner Mitspieler, schreckt auch bei mehr als 40 Grad nicht vor einer vierstündigen Runde zurück. Statt vom Zweitliga-Niveau der Qatar-Liga redet er lieber vom Golfen, von seinen Anfängen, als der Schläger im hohen Bogen flog: "So'n Kotelett hab' ich dem in die Wiese gehauen."

Bald kommt sein Manager und Schwager zu Besuch, der Spielervermittler Roger Wittmann, auch so ein Golf-Junkie. Die Ehefrau nimmt Trainerstunden, und demnächst wird Familie Basler ihr zweites Zuhause im Doha Golf Club gefunden haben. "Was meinste denn, wie schön das ist!", sagt Basler verträumt.

Stefan Effenbergs Welt sieht anders aus. Er wird acht Monate lang in der Amiri-Suite des Ritz-Carlton wohnen: 151 Quadratmeter mit allem erdenklichen Luxus, inklusive ARD, ZDF und RTL, 2500 Dollar kostet eine Nacht. Pool, Jacuzzis, Sauna, Tennis, Squash, neun Restaurants, ein Zigarrenklub, eine Wasserpfeifenlounge, jeden Dienstag deutsche Küche mit Knödel, Sauerkraut und Griesnockerlsuppe - es gibt wenig, was es in diesem Hotel nicht gibt. Freundin Claudia Strunz wird ab und zu vorbeischauen und ihren Stefan in den Admirals Club, die hauseigene Disco, schleppen und auf die Tanzfläche nötigen: "If you want me to stay, dance with me!"

Und Stefan tanzt. Wenigstens ein bisschen. Vier, fünf Hotelbars - mehr Nightlife ist nicht in Doha. Könnte fad werden auf Dauer. Aber Effenberg will die Zeit ja nutzen, sich sortieren, überlegen, was nach dem Fußball kommen könnte. "Ich hab' so ein paar Dinge im Kopf: Fernsehen oder auch nicht. Erst mal cool down, das Leben genießen. Man weiß ja nie, was wächst. Das ist ja das Schöne am Fußball, äh, am Leben." Im Mai ist für ihn definitiv Schluss, dann geht es zurück nach Naples, Florida, wo Ex-Frau Martina mit den Kindern lebt.

Bis dahin wird er jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang in seinen Geländewagen steigen, um dahin zu fahren, wo er Liegestütze und ein paar Rollen vor- und rückwärts machen darf. Wie jeden Abend wird Punkt sechs der Muezzin zum Gebet rufen, werden Effenbergs Mitspieler in ihren roten Al-Arabi-Trikots statt auf den Trainingsplatz noch schnell in die benachbarte Moschee laufen. Danach wird wie immer sein Blondschopf aus der Menge der dribbelnden Qataris ragen. Und auf den Zuschauerrängen werden sich die Scheichs in ihren weißen, knöchellangen Dischdaschas mit den goldenen Manschettenknöpfen innerlich auf die Schulter klopfen und sagen: "Der gehört jetzt uns."