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Fankultur im Fußball:Bundesregierung lehnt kalte Pyrotechnik ab

Inter Mailand - Eintracht Frankfurt

Fans aus Frankfurt brennen in Mailand Pyrotechnik ab.

(Foto: dpa)
  • Die deutsche Fankultur hat es schwer: In anderen Ländern ist kalte Pyrotechnik erprobt, in Deutschland bleibt sie jedoch wohl weiterhin verboten.
  • Doch während es bei Polizei und Feuerwehr nach wie vor Widerstände gegen jede Form von Pyrotechnik gibt, sind viele Klubs das Katz-und-Maus-Spiel mit den Ultras leid und fordern effektive Lösungen.

Sandkübel, Löschdecken, Feuerlöscher sind im Grunde nicht unbedingt die Utensilien für einen wilden Emotions-Ausbruch, den Ultras ja am besten mit dem Abbrennen von Pyrotechnik dokumentiert sehen. Insofern hielt sich die Begeisterung bei den Ultras von Rapid Wien auch in Grenzen, als Österreichs Fußball-Verband 2010 beschloss, das bis dato geltende komplette Pyroverbot aufzuheben und das kontrollierte Abbrennen in eigens ausgewiesenen Zonen mit Einschränkungen zu erlauben. Dazu gehört das komplette Arsenal an Feuerwehr-Utensilien, das immer in Reichweite zu sein hat, und die Vorgabe, dass "kalte Pyrotechnik" verwandt werden muss. Statt der üblichen bis zu 2500 Grad heißen Fackeln sind also nur noch Bengalos erlaubt, die eine Höchsttemperatur von 200 Grad erreichen.

Die "Ultras Rapid" fanden damals, dass ein derartig reglementiertes Vergnügen dafür sorge, dass "Emotionalität und Spontaneität verloren gehen." 2018 protestierten sie vehement, als die mittlerweile zurückgetretene Mitte-Rechts-Regierung die "Raucherbereiche" zwischenzeitlich wieder abschaffen wollte - und damit auch bei den meisten Vereinsführungen Kritik erntete. Tatsächlich hat sich die Situation in Österreich seit 2010 merklich entspannt: Das illegale Abbrennen von Bengalos ging um 90 Prozent zurück, in den überwachten Pyro-Bereichen gab es seit 2010 keinen einzigen Verletzten mehr.

Kein Wunder also, dass auch in Deutschland der Druck auf Politik und Verbände wächst, der "kalten Pyrotechnik" oder "Tifontaine" zumindest eine Testphase einzuräumen. Zumal auch Dänemark, die USA und Norwegen gute Erfahrungen damit gemacht haben. In Deutschland wurden in der Saison 2017/2018 insgesamt 53 Menschen in den ersten drei Ligen durch den Einsatz von Pyrotechnik verletzt - bei 21 Millionen Zuschauern ist das wenig. Aber 53 Verletzte sind auch 53 zu viel.

Bundesregierung steht kalter Pyrotechnik ablehnend gegenüber

Das findet zumindest die Leipziger Grünen-Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, die eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt hat, deren Beantwortung nun vorliegt. Doch die fällt deutlich anders aus als von Lazar erhofft. "Die Bundesregierung steht der Nutzung auch der kalten Pyrotechnik in Stadien durch Zuschauer ablehnend gegenüber", heißt es einleitend. Schon das Attribut "kalt" sei irreführend, "da auch beim Abbrennen der so bezeichneten Gegenstände eine erhebliche Hitze- und Rauchentwicklung" stattfinde. Man nehme "keine Bewertung von Modellprojekten in ausländischen Staaten vor". Dementsprechend enttäuscht äußert sich Lazar, die von "ideologischen Scheuklappen" spricht: "Die Bundesregierung sollte endlich auch Projekte zum alternativen Umgang mit Pyrotechnik ermöglichen." Zumal "jede Fackel, die kontrolliert abgebrannt" werde, "die Sicherheit im Stadion im Vergleich zum bisherigen völlig unkontrollierten Zündeln" erhöhe.

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Spannend wird es nun sein, wie die Vereine auf die ablehnende Haltung der Bundesregierung reagieren. Denn während es bei Polizei und Feuerwehr nach wie vor Widerstände gegen jede Form von Pyrotechnik gibt, sind viele Klubs das Katz-und-Maus-Spiel mit den Ultras leid, das nicht zuletzt auch hohe Kosten verursacht. Zum einen durch die Geldstrafen, die der DFB denjenigen Klubs aufbrummt, in deren Kurven gezündelt wird. Vor allem aber, weil bei jedem Ligaspiel hunderte Ordner vor allem damit beschäftigt sind, an den Eingängen nach pyrotechnischen Gegenständen zu suchen, die sie meist sowieso nicht finden, weil sie oft auf anderen Wegen ins Stadion gelangen.

In Dänemark war es dann auch keine Fanszene, sondern ein Verein, der in Sachen kalter Pyrotechnik als erster aktiv wurde: Brøndby Kopenhagen, das jahrelang hohe Strafen bezahlen musste, drängte auf die Erprobung der "kalten" Bengalos, die bei Hautkontakt offenbar tatsächlich nicht mehr Wärme entwickeln als eine brennende Kerze.

Auch in Deutschland hatten zuletzt Vereinsvertreter wie Bremens Präsident Hubertus Hess-Grunewald ein Umdenken gefordert. In Bremen hat die Feuerwehr "Tifontaine" zusammen mit dem Verein getestet und erst einmal für zu gefährlich bewertet, weil sich Kleidung daran entzünden könne. Hess-Grunewald will nun den dänischen Erfinder von "Tifontaine", den Pyrotechniker Tommy Cordsen nach Bremen einladen, um nach einer Lösung zu suchen. "Die einfache Sanktionierung von Pyro-Vergehen hat bislang zu keinem besseren Umgang mit der Thematik geführt - ganz im Gegenteil", sagt auch der HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann: "Wir brauchen einen anderen Umgang damit." Der scheint allerdings erst einmal blockiert zu sein.

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