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Pyro-Technik im Stadion:Das Alibi des flammenden Protests muss weg

Vor knapp einem Jahr beendete der Deutsche Fußball-Bund abrupt einen kontroversen Dialog - gibt es einen Weg, in Stadien legal Pyro-Technik abzubrennen? Diese Kommunikationspanne dient einigen Ultras als Vorwand für ihr Handeln. Das Spiel des VfB Stuttgart in der Europa League zeigt: Wo geredet wird, brennt es weniger.

Klaus Hoeltzenbein

FC Copenhagen vs VfB Stuttgart

VfB-Trainer Bruno Labbadia stellte sich den Fans entgegen, die mit ihrem Verhalten beinahe einen Abbruch der Partie in Kopenhagen provoziert hätten.

(Foto: dpa)

Wer exemplarisch verfolgen will, wie eine Debatte in dieser Gesellschaft nicht laufen darf, der kann sich in die jüngere Geschichte des Feuerwerks in Fußballstadien einarbeiten. Er kann es aber auch sein lassen; die Geschichte ist zu umfangreich und zu verfahren, als dass von Außenstehenden verlangt werden kann, in den Details nachzuvollziehen, warum es in den Fankurven gefährlich knallt und brennt. Warum Nebel geworfen wird, der suggeriert, dort habe die Vorhölle ihren Stammplatz. So werden Brennpunkt-Sendungen im Fernsehen provoziert, über Aggression in Stadien, obwohl Statistiken signalisieren, dass die kriminellen Kraftakte eigentlich rückläufig sind. Und dass der Fußball den Vergleich mit Vorfällen auf Volksfesten, etwa dem Oktoberfest, durchaus aushalten könnte.

Doch der Fußball bekommt zunehmend schlechte Argumente, wenn es dampft wie Donnerstagnacht in Kopenhagen, wo das Europa-League-Spiel des VfB Stuttgart vor dem Abbruch stand. Der Spuk war allerdings schnell vorbei, nachdem sich Sportdirektor Bobic und Trainer Labbadia den Randalierern entgegenstellten. Die Szenerie hatte Bedrohliches, und dennoch Beruhigendes, signalisierte sie doch: Es genügte ein hitziger Dialog - schon blieb die zweite Halbzeit raketenfrei. Damit steht Kopenhagen stellvertretend für das Dilemma: Sobald mehr geredet wird, wird offenbar weniger geknallt. Und umgekehrt.

Feuerwerk im Stadion ist Blödsinn

Das Thema lodert schon seit Jahren, und wichtig fürs Verständnis ist das Datum des 1. September 2011. An diesem Tag beendete der Deutsche Fußball-Bund (DFB) abrupt den bis dahin zumindest kontroversen Dialog, ob es Fangruppen möglich sei, in Fußball-Stadien kontrolliert, also feuerpolizeilich erlaubt, Pyro-Technik abbrennen zu können. Seither dient dieses Datum Teilen jener Gruppen, die sich hinter dem indifferenten Begriff "Ultras" sammeln, als Alibi dafür, dass sie in den Stadien ihren flammenden Protest nun unkontrolliert entzünden. Und dieses Alibi muss weg.

Eine Chance wäre, dass sich der DFB für die Kommunikationspanne vom September 2011 entschuldigt. Um so wieder selbst den Einstieg in einen Dialog mit dem kleineren, aber lauteren Teil der eigenen Kundschaft zu finden und diesen nicht der immer fordernderen Law-and-order-Politik zu überlassen. Am Ende der Debatte wird die Erkenntnis stehen, dass Feuerwerk im Stadion ein Blödsinn ist. Aber auch, dass es beispielsweise zum Saisonabschluss ruhig mal wie an Silvester knallen darf, wenn Klub, Fans und Behörden kooperativ Lunte legen.

© SZ vom 10.11.2012/mane
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