Paris Saint-Germain:Willkommen in der härtesten Kabine der Welt

Lesezeit: 4 min

Paris Saint-Germain: Akribisch, streng, motivierend: Trainer Christophe Galtier soll künftig die komplizierte Pariser Mannschaft moderieren. Er ist der erste französische PSG-Trainer seit Antoine Kombouaré 2011.

Akribisch, streng, motivierend: Trainer Christophe Galtier soll künftig die komplizierte Pariser Mannschaft moderieren. Er ist der erste französische PSG-Trainer seit Antoine Kombouaré 2011.

(Foto: Aurelien Morissard/Panoramic/Imago)

Der neue PSG-Coach Christophe Galtier moderiert fortan den berüchtigten Pariser Star-Kader. Gegenüber seinen vielen Vorgängern hat er einen entscheidenden Vorteil.

Von Stefan Galler

Die großen Stars haben noch ein paar Tage Urlaub, zumindest eine kleine Gruppe von Profis wird diesen Montag aber im Camp des Loges, dem Trainingszentrum von Paris Saint-Germain, erwartet. Beim französischen Meister steht der Trainingsauftakt an, eine gute Gelegenheit, um gleich mal den neuen Übungsleiter zu präsentieren, nachdem sich der Abschied vom bisherigen Chefcoach Mauricio Pochettino wegen der Verhandlungen über seine Abfindung kompliziert gestaltet hatte.

Dabei war sich der Klub mit dem Nachfolger längst einig: Christophe Galtier, 55, wurde wiederum dem OGC Nizza abgeworben, auch dafür mussten die katarischen Geldgeber des Hauptstadtklubs dem Vernehmen nach tief in die Tasche greifen - die Ablöse dürfte an die zehn Millionen Euro ausgemacht haben. Und Galtiers Posten an der Côte d'Azur ging an den früheren Gladbach- und Dortmund-Coach Lucien Favre, der Nizza schon zwischen seinen beiden Bundesliga-Engagements trainiert hatte.

Seit dem Aus von PSG im Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid hatte sich abgezeichnet, dass Pochettino in Paris keine Zukunft mehr haben würde. Es schossen Spekulationen ins Kraut, wonach Zinedine Zidane die 1A-Lösung für seine Nachfolge sein sollte. Die Aufregung war groß, vor allem bei den Anhängern von Olympique Marseille. Es dürfe doch nicht sein, dass ihr "Zizou", geboren in der Provence-Metropole und Klubheiliger von OM, zu PSG geht, dem absoluten Erzfeind. Alles falscher Alarm, angeblich hatte es noch nicht einmal Kontakt gegeben zwischen PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi und Zidane, der nun als logischer Nachfolger von Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps nach der WM im Winter gilt.

Wie Zidane stammt auch Galtier aus Marseille - dennoch betonte er stets seine Sympathie zu Olympiques Erzrivalen PSG

Auch derjenige, der die vermutlich am härtesten zu moderierende Kabine im Weltfußball jetzt übernimmt, stammt aus Marseille: Christophe Galtier begann mit dem Fußballspielen beim kleinen Klub Caillolais, der zahlreiche spätere Profis hervorgebracht hat, darunter Eric Cantona. Mit 16 Jahren kam Galtier zu Olympique, er reifte zum Jugendnationalspieler und Ligue-1-Dauerbrenner. Trotz zahlreicher Wechsel blieb er ein leidenschaftlicher Marseillais, das hat Galtier immer wieder betont.

Und doch nie einen Hehl aus seiner Bewunderung für den Erzrivalen gemacht. Vor dem Champions-League-Finale 2020 der Pariser gegen den FC Bayern (0:1) etwa nannte er sich selbst den "ersten Unterstützer von PSG". Eine Ansicht, die nicht viele Marseille-Fans geteilt haben dürften, doch Galtier insistierte: "Ich bin ein Anhänger, wirklich ein Anhänger von Paris und von Thomas Tuchel", dem damaligen Trainer.

Galtier ist ein gewiefter Taktiker - als Trainer und auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Er schafft es auch medial, seine Karriere zu befeuern. Nach dem Meistertitel mit Lille 2021 lehnte er etliche Anfragen ab, auch aus Italien und England, und ging letztlich zu OGC Nizza. Gegenüber Reportern stellte Galtier klar, dass er keine Ambitionen mehr auf ein Auslandsengagement habe. Das sei vor vier, fünf Jahren noch anders gewesen. "Aber die Ligue 1 ist meine Meisterschaft, dort fühle ich mich wohl, und ich sehe, wie sich diese Liga positiv entwickelt."

Eine Anspielung darauf, dass immer mehr internationale Investoren bei den Klubs einsteigen - und Stars wie Neymar oder Messi mittlerweile in Frankreich spielen. Er begegnete beiden stets respektvoll, allerdings ist gut möglich, dass er Ersteren bei PSG gar nicht mehr antrifft, der Klub will Neymar wegen dessen fehlender Professionalität angeblich loswerden. Es würde die Arbeit Galtiers womöglich etwas erleichtern, aber starke Charaktere gibt es auch sonst jede Menge im Kader, man nehme Sergio Ramos, Marco Verratti oder auch Kylian Mbappé, den Galtier stets aus der Ferne lobte - womöglich nicht ohne Berechnung.

In der vergangenen Saison blieb Galtier mit Nizza in drei Spielen gegen PSG ohne jedes Gegentor

Galtier ist mit der Ligue 1 eng verbunden, er selbst bestritt fast 300 Spiele als Aktiver, nicht nur für OM, sondern auch für Lille, Toulouse, Nîmes und Angers; als Coach war er lange Jahre Assistent von Alain Perrin (Sochaux, Lyon), ehe er St. Etienne aus dem Tabellenkeller bis auf Rang fünf und zum Ligapokalsieg 2013 führte. Der Erfolg brachte Galtier die Auszeichnung zum besten Trainer des Jahres ein, die er sich mit dem damaligen PSG-Übungsleiter Carlo Ancelotti teilte.

2017 ging er zum Abstiegskandidaten Lille und bildete dort ein kongeniales Duo mit Sportdirektor Luis Campos, auf den er nun bei PSG erneut trifft und dessen Wunschkandidat er gewesen sein soll. Gemeinsam schufen sie jene Mannschaft um Torwart Mike Maignan, Kapitän José Fonte, Renato Sanches und Torjäger Burak Yilmaz, die 2021 Paris den Titel wegschnappte.

Akribische Arbeit, Strenge und die Fähigkeit, den Spielern ein immenses Selbstvertrauen zu geben, machen den Trainer Galtier aus. Und so holte ihn Milliardär Jim Ratcliffe vor einem Jahr nach Nizza. Er konnte die Erwartungen nicht ganz erfüllen, das Pokalfinale gegen Nantes ging überraschend verloren, man verpasste knapp das Podium in der Liga und zog mit Rang fünf nur in die Conference League ein. Doch Galtier schaffte ein anderes Kunststück: Er blieb mit seinen Niçois in drei Saisonpartien gegen die Offensivkünstler von PSG nicht nur unbesiegt, sondern sogar ohne Gegentor (0:0, 1:0 in der Liga, 0:0/5:4 nach Elfmeterschießen im Pokal).

Gut möglich, dass Galtier in Paris ruhiger arbeiten kann als seine Vorgänger. Die Voraussetzungen sind jedenfalls schon alleine wegen seines vertrauensvollen Verhältnisses zu Sportdirektor Campos besser als für Unai Emery, Tuchel und Pochettino, die ständig mit ihren Sportlichen Leitern im Clinch lagen. Und obwohl auch Olympique Marseille womöglich Anfang der Woche einen neuen Trainer präsentiert - Nachfolger von Jorge Sampaoli wird dort der Kroate Igor Tudor - dürften alle Augen in Frankreich auf Paris gerichtet sein, wenn Christophe Galtier erstmals als PSG-Coach auftritt.

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