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Champions League:Brutaler Abend für PSG

Paris Saint-Germain verabschiedet sich gegen Manchester City aus der Champions League, wird vorgeführt und dekonstruiert. Über das Ende einer Illusion.

Von Oliver Meiler

Am Ende war nur Frust, unverhohlen. Und Frust zerrt ja dann besonders stark am Nervenkostüm, wenn er zu einem schönen Teil selbstverschuldet ist. Paris Saint-Germain ist out, vorgeführt und dekonstruiert. "The End", titelt die Zeitung L'Équipe über ihre ganze erste Seite zu einem Bild von Ángel Di Mara. Der wischt sich mit dem Bund seines Trikots das Gesicht ab beim frühzeitigen Verlassen des Spielfelds im Etihad Stadium zu Manchester, das er gerade mit einem dümmlichen Fußtritt zum Schlachtfeld verwandelt hatte und dafür Rot sah. Oder versteckt er das Gesicht unter dem Leibchen? Man weiß es nicht.

"Das Ende eines Traums", schrieb Le Parisien. Alles mit Ende passt. Auch die hitzige Debatte im Nachgang des Spiels. In seinem Interview am Spielfeldrand erzählte der Baske Ander Herrera, Schiedsrichter Björn Kuipers aus Holland habe Pariser Spieler auf unelegante Art zum Teufel geschickt. Zu Leandro Paredes habe er "Fuck off" gesagt. "Wenn wir sowas sagen, sperrt man uns für vier oder fünf Spiele." Dann kam Marco Verratti zum Interview und lieferte eine noch koloriertere Fassung der Zwischenmenschlichkeiten im Spiel. "Zu mir sagte er 'Fuck you', zweimal. So wird man mit der Zeit nervös." Verratti schickte dann noch nach, dass die Unflätigkeiten Kuipers' natürlich keine Entschuldigung für das Ausscheiden sei, aber erwähnt werden müsse es dennoch. Als Nachhall zum Ende.

Vielleicht steht man in Paris im Jahr zehn der katarischen Ära auch vor einem größeren Umbau des Teams. Ob Kylian Mbappé wohl bleibt? Und Neymar Junior? Mit beiden Ausnahmespielern laufen seit Monaten Vertragsverhandlungen. Katar will unbedingt mit einer hochdotierten Mannschaft in die nächsten zwei Spielzeiten gehen, schließlich findet 2022 die WM unter den Palmen des Emirs statt, und darauf ist nun einmal alles ausgerichtet, der ganze Pariser Masterplan. Katar will strahlen als Mäzen des schönsten und besten Fußballs. Die Zeitung Le Parisien ist skeptisch: "Damit ein Baum gut wachsen kann, muss man zuweilen ein paar schöne Äste abschneiden."

PSG wurde dank Neymar und Mbappé zur Weltmarke. Aber was ist mit dem Spiel?

Es ist eben auch das Ende einer Illusion. In Paris (und vor allem in Doha) dachte man bisher immer, dass es reichen würde, einige herausragende Herrschaften dieses Sports sehr gut zu bezahlen, und die würden dann schon dafür sorgen, dass ein toller Pokal dabei herauskommt - einer mit Henkeln wie Ohren. Neymar zum Beispiel verdient drei Millionen Euro im Monat, netto. Mbappé bekommt etwas weniger, nun bietet man ihm aber dieselbe Summe an. PSG ist dank dieser Stars zu einer Weltmarke geworden, ihre Leibchen werden überall verkauft. Aber was ist mit dem Spiel?

Der kalte Abend in Manchester offenbarte die Grenzen des Pariser Schaufensterfußballs fast exemplarisch. Zumal City, das mit ähnlich gigantischen Mitteln vom Golf eine etwas andere Personalphilosophie verfolgt, den Katarern auch noch den Spiegel vorsetzte. Brutal, muss man dazu sagen.

Der Abend begann mit einem Bild von der Tribüne. Dort saß Mbappé eingepackt in Daunenjacke und Wollmütze, als Ersatzspieler wegen seiner leicht lädierten rechten Wade. An den Füßen trug er Tennisschuhe, das entging den französischen Kommentatoren natürlich nicht. Vor dem Spiel war viel spekuliert worden, ob es Mbappé nicht doch schaffen könnte. Citys Trainer Pep Guardiola dachte gar, Paris führe da nur einen Zirkus auf, um ihn bei den Vorbereitungen zu narren. Doch da saß er nun, mit leerem Blick.

Auf dem Platz sammelte Neymar den Rest der Mannschaft um sich für eine halbmeditative Selbstmotivierungsrunde, das ist sonst nicht seine Rolle. Doch der Brasilianer nahm die Sache mit der Finalqualifikation sehr persönlich. "Ich werde zur Not sterben auf dem Platz", hatte er vor der Reise gesagt. Der Brillant-Ohrring blitzte dazu.

Riyad Mahrez trifft für City: ein Algerier aus einer Banlieue von Paris

Nun, Mbappé sollte keine einzige Minute spielen, obwohl er mit Fußballschuhen aus der Halbzeitpause kam. Und Neymar, der improvisierte Vorkämpfer, bot mal wieder eine schlechte Version seines Repertoires, dribbelte um des Dribbelns willen, spielte auch dann nicht ab, wenn er umringt war von drei, vier Citizens. Zuweilen holte er sich den Ball tief in der eigenen Hälfte, um den Kollegen ihr eigenes Unvermögen zu signalisieren. Kein einziger Abschluss von PSG hätte ins Tor gepasst - eine Pariser Premiere, seit diese Statistik in der Champions League erhoben wird, seit 2004 also. So wuchs der Frust mit zunehmender Spieldauer, bis er ganz Überhand nahm.

Und City? Wie ein Chor, einstimmig, ein richtiges Team. Alle immer in Bewegung, wogend, hin und her. PSG hingegen verteidigt fast nie als Kollektiv, da öffnen sich hinten und auf den Flanken immer groteske Räume für Konter. Fehlen die Stars, oder bleiben sie mal unter dem bezahlten Niveau, fällt die gesamte, ansonsten recht dürftig bestellte Mannschaft völlig auseinander. Citys linker Flügelspieler Riyad Mahrez, Algerier aus Sarcelles, einer Banlieue von Paris, traf drei Mal in 180 Minuten. Und das ist die Geschichte in der Geschichte, eine Art Fortsetzung des Finals von Lissabon. Damals gewann der FC Bayern gegen PSG dank eines Tors von Kingsley Coman aus Moissy-Cramayel, so heißt eine andere Vorstadt von Paris. Beide, Coman und Mahrez, waren PSG mal nicht gut genug.

Immerhin, die rechte Wade Mbappés blieb geschont. Es steht nun nämlich noch ein kleines Pflichtprogramm an, daheim, auf der kleineren Bühne. PSG ist in der Ligue 1, die es auf einem Bein gewinnen müsste, nur Zweiter, hinter Lille. Und auch Lyon kämpft noch mit um den Titel. Werden die Pariser in diesem Jahr nicht einmal Meister, dann stünde wohl auch Mauricio Pochettino schon wieder vor dem Ende. "Wir haben die zwei Spiele dominiert", sagte der argentinische Coach nach dem 1:4 aus Hin- und Rückspiel gegen City: "Das gibt uns Hoffnung für die Zukunft." Manchmal lässt sich der Frust eben nur mit einer Dosis Selbsttäuschung besänftigen.

© SZ/ebc/ska/bkl
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