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Paris Saint-Germain:Ein Morgen zum Pfeifen

Paris Saint-Germain: PSG-Stürmer Mbappé und Neymar jubeln gegen den FC Bayern

"Schneesterne" werden sie jetzt genannt: Kylian Mbappé und Neymar.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Die französischen Medien können den Sieg der Pariser gegen den FC Bayern kaum fassen. Neben Spekulationen um Kylian Mbappé dominiert aber der "Heidenbammel" vor dem Rückspiel.

Von Oliver Meiler

Vielleicht müsste man den Parisern einmal sagen, dass sie kein Underdog sind, schon lange nicht mehr. PSG hat Geld wie ein ganz Großer und mit Katar gleich einen ganzen, reichen Staat als Gönner und Dauerinvestor. Der Verein hat sich deshalb auch Spieler aus der Kategorie Weltstar leisten können, Kylian Mbappé und Neymar gehören in die Top fünf der Zunft. Und im vergangenen Jahr stand Paris Saint-Germain schon einmal im Finale der Champions League. Dennoch geriert es sich immer noch gerne als Kleiner, als zufälliger, unverdienter Sieger.

Nach dem 3:2 in München schreibt die Zeitung Le Parisien, die sich immer besonders rührig um die Seele der Anhänger kümmert: "Das ist ein leichter Morgen, zum Pfeifen in den Straßen." Heldenhaft sei man gewesen, alle zusammen, die Stadt gleich mit: "Paris héroïque!", so steht es auf der ersten Seite, als hätte sich der FC Bayern nicht in erster Linie selbst geschlagen.

Die Sportzeitung L'Équipe hat mitgezählt: Keylor Navas, Torwart von PSG, hat nicht nur zehn Bälle pariert, die auf sein Tor zuflogen oder zukullerten, mit mehr oder weniger Wumms - er berührte das Leder insgesamt 55 Mal. Von den Parisern war nur Idrissa Gueye, der Mittelfeldspieler, häufiger am Ball als Navas, aber nur einmal mehr: 56 Mal. Diese Statistik allein sagt natürlich eine Menge aus, und der Mann mit den blondierten Haaren aus Costa Rica, einst mit wenig Überzeugung von Real Madrid geholt, steht jetzt kurz vor der Seligsprechung. Bayern habe "total dominiert", hieß es auch auf BFM-TV, dem Rund-um-die-Uhr-Nachrichtensender. In der Morgensendung um 7 Uhr war der Trotz-allem-Sieg der Pariser die erste Nachricht - vor Corona und Astra Zeneca und allem Bedrückenden, was diese Zeit sonst noch bereithält. "Le crime parfait", schrieb L'Équipe schon kurz nach Ende des Spiels auf ihrer Webseite, das perfekte Verbrechen. Zum Pfeifen in den Straßen.

Die Angst vor dem Siegen ist zum Fluch geworden

Mit seinen zwei Toren rächte sich Mbappé nebenbei für die Kritik, die er sich in den vergangenen Wochen anhören musste und die er, selbstredend, völlig unfair findet. Ihm wird vorgeworfen, dass er es zuweilen am Engagement mangeln lasse, zumal dann, wenn er nur die kleine Bühne der Ligue 1 bespielen darf. Nun sagte er: "Ich liebe solche Spiele, ich verstecke mich nicht, ich war bereit, die Herausforderung anzunehmen. Ich liebe es, entscheidend zu sein." Ich, ich, ich. Vor einigen Tagen, als der Frust über die Kritik einmal besonders groß war, erinnerte er mal alle daran, dass er, Kyky Mbappé, Weltmeister und Großhoffnung dieses Sports, im Gegensatz zu anderen immer noch in der Heimat spiele.

Es hörte sich so an, als würde er es als Opfer empfinden, oder umgekehrt: als sei es sein Geschenk an die Kollektivität, wo doch die halbe Welt und vor allem Real Madrid um ihn buhlt. Ist er bald weg? Mbappés Vertrag läuft 2022 aus, die Verhandlungen über eine Verlängerung ziehen sich schon Monate hin und machen den Emir in Doha nervös.

Auch Neymar musste sich beweisen nach seinem Platzverweis gegen Lille am vergangenen Wochenende, es war schon sein zweiter in dieser Saison, nach dürftigster Leistung auch noch. Zwei Torvorlagen. Für einen Abend kombinierten die beiden da vorne wieder, wie man sich das erwartet. "Schneesterne" werden sie jetzt genannt, überhaupt: Die meteorologischen Metaphern sind natürlich schnell zur Hand. "À déguster glacé" titelte L'Équipe: "Eiskalt zu genießen" - mit einem Foto von Mbappé im Schneegestöber. Le Monde fand gar, das Ambiente in der Allianz Arena habe an Szenen aus einer Verfolgungsjagd im Biathlon erinnert.

Aber in Paris ist man auch gebrannt: Zwei Mal in jüngerer Vergangenheit wähnte man sich schon in der nächsten Runde nach einem Sieg im Hinspiel gegen einen wirklich großen Verein, 2017 gegen den FC Barcelona und 2019 gegen Manchester United, und flog dann doch noch aus der Königsklasse. Diese Angst vor dem Siegen ist zum Fluch geworden, zum Gespenst.

"Wenn wir mal ehrlich sein wollten", schreibt Vincent Duluc, der Chefkommentator der Équipe, "es gibt nichts zu feiern. Dieses verrückte und wunderbare Spiel verlängert nur unseren Heidenbammel um eine Woche, die Geschichte kann noch böse enden." Den Sieg in München habe man der Logik entrissen, mehr noch als dem Zufall. Man hätte auch gut sieben Tore kassieren können. Aber was ist schon Logik im Fußball?

© SZ/schm/ska/bkl
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