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WM-2006-Affäre:Vor dem Prozess besuchte DFB-Präsident Keller Fifa-Boss Infantino

Beide Verbände beteuern unentwegt, alles für die Aufklärung der Sache zu tun. Aber beide hätten perfekte Druckmittel. Die Fifa hat ja die WM 2022 in Katar. Auch traf ihr Boss Gianni Infantino über die Jahre immer wieder heimlich den BA-Chef Lauber: Hätte man Katars Sturheit nicht mit Sanktionen im Kontext der WM 2022 ahnden können? Der DFB wiederum wagt sich nicht an den obersten Geheimnisträger Beckenbauer. Und er schloss sogar einen bemerkenswerten Vertrag mit seinem Ex-Präsidenten Zwanziger. Darin erklärte sich dieser unter anderem bereit, eine Schadenersatzklage gegen den DFB zurückzuziehen. Im Gegenzug erhielt er fast 12 500 Euro, und die Zusage, der DFB werde bei der Fifa-Spitze auf Bin Hammams Einvernahme drängen. Explizit wurde die WM 2022 als möglicher Hebel genannt.

Doch auf konkrete Nachfragen zu dieser Übereinkunft und wie er mit der Zusage zu Bin Hammam umging, weicht der DFB aus: Er beziehe zum laufenden Verfahren keine Stellung. Das Gleiche gilt für einen besonders bemerkenswerten Vorgang: Am Mittwoch besuchte DFB-Präsident Keller den Fifa-Chef Infantino in Zürich. Das gemeinsame Foto zeigt strahlende Gesichter beim engen Händedruck. Das wirkte nicht nur irritierend, weil Infantino gerade rigoros spalterisch gegen die Interessen des europäischen Fußballs vorgeht. Es irritiert auch mit Blick auf den Prozess.

Denn dort sind beide, Fifa und DFB, Privatkläger. Sie betrachten sich als womöglich geschädigte Organisation, je nach Urteil können sie Kompensation von den Beschuldigten verlangen. Schweizer Juristen registrieren verdutzt, dass sich die Top-Repräsentanten zweier Prozessparteien kurz vor der Eröffnung so herzlich verbunden auf die Bühne stellen. Ging es beim Treff in Zürich auch um die Privatklägerschaft? Der DFB, der so gern von seiner neuen Transparenz redet, sagt auch dazu nichts.

Statt die Vorgänge von 2002 ernsthaft aufzuklären, hat es die Bundesanwaltschaft allen Beteiligten bequem gemacht. "Die Anklageschrift ist merkwürdig, weil sie entscheidende Fragen offen lässt", rügt der Schweizer Korruptionsexperte Mark Pieth. Er kennt das Metier, er war früher Chef einer Fifa-Reformgruppe. Sein Resümee zur Anklage: "Sie greift sehr kurz!"

Eine perfekte, zugleich absurde Erklärung

In der Tat. Zum Zweck der zehn Millionen hält die Bundesanwaltschaft nur lapidar fest, dieser sei nicht zweifelsfrei feststellbar. Und so können sich die Beteiligten jetzt locker an den bizarren Vortrag Beckenbauers anhängen: Die Millionen, behauptet der damalige WM-Chef, hätten fließen müssen, um von der Fifa 250 Millionen Franken Organisationszuschuss zu bekommen. Dass das nicht stimmen kann, liegt auf der Hand und wird auch von Fifa-Seite strikt bestritten. Tatsächlich lag zum Zeitpunkt, als der Kredit von Louis-Dreyfus floss, sogar die erste Rate des Fifa-Zuschusses auf dem deutschen WM-Konto.

Für die meisten Beteiligten, auch für den DFB, ist das aber die bequemste Version: Wäre es so gewesen, hätte der Geldfluss mit der WM zu tun gehabt, und die Rückzahlung 2005 wäre als Betriebsausgabe korrekt abgesetzt worden. Das ist wichtig für den Verband, weil das deutsche Finanzamt das anders sieht und 19 Millionen Euro zusätzliche Steuern forderte. Eine perfekte, zugleich absurde Erklärung.

Absurd ist sie, weil viele massive Hinweise auf den wahren Deal vorliegen. Gebündelt sind sie in der internen Notiz von Louis-Dreyfus' damaliger Bankberaterin: Sie hielt als Verwendungszweck des Kredits fest, der Kunde habe einem Geschäftsfreund namens "F.B." zehn Millionen Franken für den Erwerb von TV-Rechten aus dem Nachlass der Kirch-Gruppe geliehen.

Die legendäre Kirch-Gruppe war damals, 2002, pleitegegangen, und aus ihren Trümmern entstand gerade die Firma Infront, die das Filetstück erhielt: die TV-Rechte an den WM-Turnieren 2006 und 2010. Unter den neuen Besitzern: Louis-Dreyfus sowie der arabische Scheich Kamel, ein enger Geschäftsfreund Bin Hammams. Später floss in diesem Dreieck sogar nachweislich Geld an Beckenbauer und dessen Schattenmann Fedor Radmann. Erst 1,7 Millionen Euro aus Katar, 2007 nochmal 5,4 Millionen von Louis-Dreyfus - ganz kurz, bevor der Scheich und Bin Hammam bei Infront mit Millionengewinnen wieder ausstiegen.

Hier liegt der Ansatz zur Aufklärung des Mysteriums. Na und? Das Gericht wird sich nicht ums heikle Rechtethema kümmern, sondern nur um die Rückzahlung. Und prozessuale Fragen erörtern wie die, ob die Schweiz überhaupt zuständig ist.

Was die Absenz von Beschuldigten angeht, hat das Gericht zwei Möglichkeiten. Hält es die Abwesenheitsgründe für nicht glaubhaft, wird die Hauptverhandlung trotzdem durchgezogen. Oder es erkennt die Atteste an, dann können die Verfahren abgetrennt werden und rasch beendet sein. Die Schweizer Strafermittler haben sich durch ihre merkwürdig schleppende Arbeitsweise seit Herbst 2015 selbst unter Druck gesetzt: Die ganze Chose verjährt, wenn bis zum 27. April kein Urteil vorliegt. Dann ist die Akte Sommermärchen zu.

© SZ vom 29.02.2020/sonn

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