Fifa-Prozess:Nach dem Schimpfen wird es interessant

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Fifa-Prozess: Der frühere Fifa-Präsident Sepp Blatter beim Prozess in Bellinzona.

Der frühere Fifa-Präsident Sepp Blatter beim Prozess in Bellinzona.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Die einstigen Fußballfunktionäre Sepp Blatter und Michel Platini weisen bei denkwürdigen Auftritten im Prozess alle Vorwürfe zurück. Ein früherer Ermittler präsentiert eine neue Version rund um die ominöse Millionenzahlung.

Von Johannes Aumüller, Bellinzona

Als Erstes ist also Sepp Blatter dran, der frühere Präsident des Fußballweltverbandes. Leicht nach vorne gebeugt sitzt er meistens in dem Stuhl, in dem er nun die Fragen des Bundesstrafgerichtes beantworten muss. Vor ihm liegt ein Zettel, auf dem er sich die wichtigsten Aspekte zurechtgelegt hat, und über weite Strecken der Vernehmung wirkt er so entspannt, dass er noch ein paar seiner typischen Blatter-Sprüche einbaut. "Einige Universitäten haben mir den Dr. h.c. weggenommen", sagt er, "aber unbescheiden wie ich bin: Ich habe noch sechs andere."

Kurz nach Blatter kommt dann Michel Platini, einstmals der Präsident von Europas Fußball-Union. Der hat zwar oft die Arme verschränkt, wirkt aber insgesamt nicht minder entspannt. Diese ganzen Finanzsachen, die hätten ihn doch nie wirklich interessiert, gibt er zu verstehen. Einmal lacht er richtig auf, als ihn die Richterin fragt, warum er denn Anfang 2011 nur zwei Millionen Franken von der Fifa gefordert habe, wenn sich aus der Logik seines Vortrages doch ergebe, dass es 2,8 Millionen Franken hätten sein müssen. "Das bin ich, ich habe mich getäuscht", sagt er.

Die einst mächtigsten Fußballfunktionäre der Welt vor Gericht, das ist ein denkwürdiger Tag im Weltfußball. Und das Duo ist natürlich nicht durchgehend entspannt, als es vor dem Gericht in Bellinzona erklären soll, warum Blatters Fifa im Jahr 2011 zwei Millionen Franken an Platini überwies. Die Bundesanwaltschaft (BA) vermutet dahinter Betrug, das Funktionärsduo verteidigt dies als verspätet ausgereichtes Beraterhonorar, dessen Skandalisierung ein großer Affront sei.

Laut BA-Ermittler Thormann erhielt er die Hinweise von Fifa-Finanzchef Kattner

Er sei durch die Eröffnung des Verfahrens im Herbst 2015 weltweit "geächtet" worden, sagt Blatter am Donnerstag, und dieser Schock von damals, der wirke auch sieben Jahre später noch nach. Platini zürnt nicht minder lustvoll. "Was die Fifa mit ihrem Präsidenten und mir gemacht hat, ist ein Skandal", sagt er: "Das Ziel war, dass ich nicht Fifa-Präsident werden sollte."

In der Tat war Platini 2015 der designierte neue Fifa-Chef, bis er über die plötzlich publik gewordene Zahlung stolperte - und der Weg an die Fifa-Spitze frei war für Gianni Infantino. Schon lange ist daher die Frage, wie die Bundesanwaltschaft (BA) vor sieben Jahren an die Information über den Geldfluss kam und auf welcher Basis sie das Verfahren eröffnete. Und so unterhaltsam-bissig die Auftritte von Blatter und Platini auch sind, so ist der spannendste Auftritt des Tages der Vortrag jenes Mannes, der nach ihnen kommt: der Jurist Olivier Thormann, früher bei der Bundesanwaltschaft für den großen Fußballkomplex zuständig - und auch für das im Herbst 2015 eröffnete Verfahren rund um die Zwei-Millionen-Zahlung.

Fifa-Prozess: "Das Ziel war, dass ich nicht Fifa-Präsident werden sollte", sagte Michel Platini beim Prozess in Bellinzona.

"Das Ziel war, dass ich nicht Fifa-Präsident werden sollte", sagte Michel Platini beim Prozess in Bellinzona.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Thormann soll also erklären, wie das Verfahren in Gang kam. Und er trägt vor, dass ihm der Hinweis im Rahmen der großen Hausdurchsuchung am 27. Mai 2015 gegeben worden sei, die die BA wegen ihrer Ermittlungen rund um die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018/2022 nach Russland und Katar durchführte. Damals sicherte die Bundesanwaltschaft in der Fifa-Zentrale neun Terabyte an Daten. Zugleich hätten sie Lohnauszüge der 24 Exko-Mitglieder gewünscht, so Thormann. An jenem Tag sei auch der damalige Fifa-Finanzchef, also Markus Kattner, auf ihn zugekommen und habe ihm separat etwas übergeben und mündlich weiter erläutert. Dabei handelte es sich um eine Liste, auf der Zahlungen an Mitglieder der Fifa-Exekutive dokumentiert waren, also auch Zuwendungen an Platini. Auch ein Bestätigungsschreiben über die Zwei-Millionen-Zahlung, das just von Kattner ein Jahr nach dem Geldtransfer ausgestellt worden war, erhielt die BA an jenem Tag. Daraufhin habe die Bundesanwaltschaft ihre Analysen begonnen.

Es ist eine zentrale Frage, ob die BA die Dokumente überhaupt benutzen durfte

Damit liegt nun also eine neue Version über die Entstehung des Verfahrens vor. Für Thormann ist alles weitere normale Ermittlungsarbeit. Doch das beantwortet längst nicht alle offenen Punkte rund um die Eröffnung des Verfahrens. Denn der Zeitablauf bleibt weiter erstaunlich. Am 23. Juli 2015, also knapp zwei Monate nach der Razzia, wandte sich die BA an Platinis Bank - nach SZ-Informationen zunächst nur mit der Bitte um allgemeine Unterlagen und nicht konkret zu der Zwei-Millionen-Zahlung. Auf der von Kattner überreichten Liste standen aber auch noch andere Funktionäre mit hohen Bezügen. Die Frage, ob diese Liste auch bei anderen Funktionären außer bei Platini Anlass für Bankeditionen gab, beantwortete die BA zunächst nicht.

Zugleich fand zwischen der Razzia im Mai und diesem Schreiben an die Bank ein bemerkenswertes Treffen statt. Am 8. Juli 2015 kamen der damalige BA-Chef Michael Lauber, sein damalige Sprecher André Marty sowie der Walliser Kantonsjurist Rinaldo Arnold zusammen. Letzterer ist ein alter Freund von Fifa-Chef Infantino, der später das erste von mehreren Geheimtreffen zwischen Lauber und Infantino einfädelte. Thormann erklärt nun vor Gericht, dass aus diesem Treffen keinerlei Informationen in das vorliegende Verfahren geflossen seien. Aber das Kontrollorgan der Bundesanwaltschaft, die AB-BA, kam in einer Untersuchung zum Komplex Lauber/Infantino zu dem Schluss, dass das Treffen aus Arnolds Sicht sehr wohl in Infantinos Sinne war.

Fifa-Prozess: Erst die publik gewordenen Zahlungen zwischen Platini und Blatter machte seinen Weg an die Fifa-Spitze frei: Gianni Infantino.

Erst die publik gewordenen Zahlungen zwischen Platini und Blatter machte seinen Weg an die Fifa-Spitze frei: Gianni Infantino.

(Foto: Pradeep Dambarage/dpa)

Daneben ist nun eine zentrale Frage, inwieweit die Bundesanwaltschaft die Dokumente von der Razzia überhaupt so schnell für ihr weiteres Verfahren benutzen durfte. Denn der Weltverband verlangte damals eine sogenannte Siegelung der sichergestellten Unterlagen - das ist in der Schweiz ein übliches Vorgehen bei Durchsuchungen. Nur: Gesiegelte Unterlagen sind zunächst einmal tabu. Laut AB-BA betraf diese Siegelung sämtliche Dokumente und Dateien. Die Fifa scheint nun in Bellinzona den Eindruck erwecken zu wollen, als betreffe dies nur die elektronischen Dateien. Bis Montag will das Gericht diese Frage final klären, es könnte das Verfahren noch erheblich beeinflussen.

Wer kann außer Blatter und Platini die mündliche Vereinbarung bestätigen?

Rein inhaltlich geht es Blatter und Platini am Donnerstag vor allem darum, darzulegen, dass der Zwei-Millionen-Transfer auf eine alte, mündlich getroffene Vereinbarung aus dem Jahr 1998 zurückgehe. Vor Blatters damaliger Wahl zum Fifa-Präsidenten habe man sich darauf verständigt, dass Platini als Berater für ihn arbeiten werde. "Ich bin eine Million wert", habe Platini damals gesagt. Doch als Blatter gewählt war, konnte er seinem französischen Kompagnon nicht die versprochene Summe ausreichen. Stattdessen gab es zunächst einen schriftlichen Vertrag mit einem Salär von 300 000 Franken für vier Jahre. Ein konkretes Datum, wann der Rest fließen soll, hätten sie nie vereinbart. Als Platini dann mitbekommen habe, dass ausgeschiedene Fifa-Mitarbeiter hohe Abfindungen erhielten, habe er sich 2010 noch mal an den Weltverband gewandt und schließlich 500 000 Franken für jedes der vier Beraterjahre in Rechnung gestellt - 200 000 weniger als die eigentlich verbliebene Differenz.

Eine Frage ist nur, wer außer den beiden diesen mündlichen Vertrag bestätigen kann. Auf Frage des Gerichtes räumt Blatter am Donnerstag ein, dass er zwischen 2002 und 2010 nicht einmal den Finanzchef Grondona über die ausstehende Schuld informiert habe. Platini hingegen trägt vor, dass er bereits 1998 dem früheren Uefa-Mann Antonio Matarrese von der Vereinbarung berichtet habe, als dieser kurz vor der Wahl versuchte, Platini auf die Seite der Uefa und gegen Blatter zu ziehen. Matarrese soll kommende Woche als Zeuge gehört werden.

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