Blatter-Platini-Prozess:Plädoyers mit Scheuklappen

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Blatter-Platini-Prozess: Die Ankläger fordern Geld- und Bewährungsstrafen für Michel Platini (Foto) und Sepp Blatter

Die Ankläger fordern Geld- und Bewährungsstrafen für Michel Platini (Foto) und Sepp Blatter

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Die Bundesanwaltschaft fordert für die einstigen Topfunktionäre Blatter und Platini Bewährungs- und Geldstrafen. Doch den Anklägern fehlt weiter ein Motiv - und sowieso hat der Prozess längst eine zweite, brisantere Ebene erreicht.

Von Thomas Kistner

Im Strafprozess um eine Zwei-Millionen-Franken-Zahlung des früheren Fifa-Präsidenten Sepp Blatter an den damaligen Uefa-Chef Michel Platini laufen die Plädoyers. Am Mittwoch schickte die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) ihren Ankläger Thomas Hildbrand in die Bütt, tags darauf war der Fußball-Weltverband als Nebenkläger dran. Wobei noch deutlicher wurde, dass sich der Strafprozess in Bellinzona aufgespalten hat: Er findet auf zwei Ebenen statt.

Die entscheidende, von Fifa und BA ignorierte Ebene ist die, die das Bundesstrafgericht unter der Vorsitzenden Joséphine Contu Albrizio eröffnet hat. Dort treten immer heiklere Erkenntnisse zutage: Es geht darum, wie die BA im Jahr 2015 überhaupt so flott auf die strittige Millionenzahlung stoßen und sie in eine Strafermittlung umwandeln konnte - die dann den Fifa-Thronfavoriten Platini ausschaltete und dessen Generalsekretär aus dem Nichts an die Fifa-Spitze katapultierte: Gianni Infantino. Heute hat der Schweizer selber zwei Strafverfahren am Hals.

Stark in die Defensive geriet die BA zuletzt durch ihren einstigen Chefermittler Olivier Thormann. Der trug in Bellinzona vor, wie er aus der Blatter-Platini-Zahlung Relevantes für ein von ihm geführtes Ermittlungsverfahren zu Stimmkäufen bei den WM-Vergaben 2018 (Russland) und 2022 (Katar) gefiltert haben will. Dafür benannte er den damaligen Fifa-Finanzdirektor Markus Kattner als Hinweisgeber. Den lud das Gericht dann aber vor, trotz Gegenwehr von Fifa und BA - und Kattner wies Thormanns Darstellung glaubhaft zurück. Auch ist generell klar: Die Blatter/Platini-Zahlung hatte, was immer ihr Anlass war, nichts mit der WM-Vergabe zu tun.

Der Standpunkt der Ankläger: Es gebe keine rechtliche Grundlage für die Zahlung, Punkt!

Das behauptet auch die BA heute nicht mehr, obwohl ihre Ermittlung 2015 auf diesen Verdacht errichtet war. In ihrem Plädoyer bemühte sie sich, die brisanten Ermittlungsumstände völlig auszublenden. Im Gleichschritt, wie so oft, hoben BA und Fifa allein auf die Frage nach dem Millionentransfer zwischen den Fußballbossen ab; sie forderten hohe Strafen.

Nur: BA-Anklagevertreter Hildbrand lieferte im Plädoyer keinerlei griffiges Motiv für die zwei Millionen Franken, die die Beschuldigten als Nachzahlung für Fifa-Beraterdienste Platinis ein Jahrzehnt zuvor erklären. Erfolgt war diese Überweisung zu Jahresanfang 2011, also spekulierte Hildbrand auf Blatters Wiederwahl im Mai 2011: Der Geldsegen könnte ein Dankeschön gewesen sein, damit Platini damals nicht selbst antrat.

Jedoch ist es so, dass Platini seine Geldforderung schon ein ganzes Jahr zuvor gestellt hatte, und da waren Fifa-Wahlen kein Thema. Auch nicht für den Franzosen, der kaum drei Jahre zuvor nur mühsam den Uefa-Thron ergattert hatte, mit 27:23 Voten. Dass zudem Zeugen vor Gericht nun Ansprüche Platinis auf eine Nachzahlung bestätigten, scherte den BA-Vertreter nicht: Es gebe keine rechtliche Grundlage für die Zahlung, Punkt. Hildbrand forderte 20 Monate Haft auf Bewährung für beide. Platini soll zudem 2,2 Millionen Franken Strafe zahlen.

Auch die Fifa hielt sich nicht mit der Motivsuche auf. Sie will eine Verurteilung und bezweifelt, dass es die von Blatter/Platini behauptete mündliche Vereinbarung gab, nach welcher der Franzose nicht die vertraglich fixierten 300 000 Franken, sondern eine Million jährlich erhalten sollte. Die Plädoyers der Verteidiger stehen noch aus - den Chefermittler Thormann hat Platini aber bereits verklagt: wegen Falschaussage im Prozess.

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