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Proteste im Sport:Die Angst der Sportverbände vor mündigen Athleten

1968 Olympic Games Mexico City America s gold and bronze medallists Tommie Smith centre and John

Berühmte Fäuste: Tommie Smith und John Carlos (re.) bei ihrem ikonischen Protest 1968 in Mexiko-Stadt.

(Foto: imago)

Viele Sportler setzen gerade politische Zeichen. Funktionäre sehen das nicht gerne - sie wollen kontrollieren, wer was wo zum Ausdruck bringen darf.

Kommentar von Johannes Knuth

So ein Wendemanöver muss man auch erst mal schaffen. Vor ein paar Tagen kanzelte der höchste Repräsentant des deutschen Sports seine mitteilungsfreudigen Athleten noch als Selbstvermarkter ab. Mancher, der bei der Verschiebung der Olympischen Spiele um mehr Mitsprache geworben hatte, habe "Selbstinszenierung" betrieben, befand Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Und jetzt? Findet Hörmann, dass sich Athleten gar nicht genug äußern können, da in den USA die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt überkochen. "Sagt das, was Ihr denkt, zeigt das, was Ihr empfindet", richtete er aus, "wenn inakzeptable Themen weltweit passieren, ist es nicht nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Sports, die Stimme zu erheben."

So weit das Wort zum Dienstag. Aber irgendwie passt es ja in die Zeit. Sportler werden gerade immer häufiger und zahlreicher zu Aktivisten, und ihren Vorgesetzten fällt es zunehmend schwer, dazu eine Haltung zu entwickeln. Sogar Fußballer rufen in diesen Tagen in spontanen Gedenksekunden nach Gerechtigkeit für Opfer von Polizeigewalt. Just jener Berufsstand also, der sich ab einer gewissen Verdienststufe traditionell eher mit so Fragen beschäftigte, in welcher Sportwagenkarosserie sich die Sonne am besten spiegelt. Für den organisierten Sport ist das eine nicht unerhebliche Trendwende. Denn der Sport war schon immer eine politische Bühne, und wer diese bespielte und wie, das entschieden allein die Macher - je nachdem, wie es ihnen nützte.

Man muss dabei noch immer an Tommie Smith und John Carlos denken. Zwei schwarze Sprinter, die bei Olympia 1968 ihre Fäuste in schwarzen Handschuhen gen Himmel reckten, gegen Rassismus, für Gleichberechtigung. Selten hat eine Geste den Sport und seine Spiele so sehr aufgewühlt und politisiert - und ist ein halbes Jahrhundert später noch so aktuell, wie der Blick in die USA zeigt. Der Leichtathletik-Weltverband (der zuletzt übrigens einen Großsponsor aus China an Land zog) teilte in den sozialen Netzwerken jetzt wieder das Bild von Smith und Carlos, auf dem Podium von Mexiko-Stadt. Darunter die Botschaft, dass man seit 50 Jahren für eine gleichberechtigte Gesellschaft kämpfe und alle Athleten unterstütze, die sich dafür einsetzen.

Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) schmückte sich in seinem Museum in Lausanne bis zuletzt mit dem ikonischen Bild ("die Aktion ließ ein Bild entstehen, das eine Ära definierte"). Das IOC verabschiedete zuletzt nur auch - mit Hilfe stromlinienförmiger Athletenvertreter übrigens - ein Regelwerk, das just solche Gesten unterbinden soll: Im Netz und in Interviews dürfe weiter jeder sagen, was er will. Aber Proteste seien sonst untersagt, an allen Wettkampfstätten, im olympischen Dorf, bei Medaillenzeremonien und der Eröffnungs- und Schlussfeier. Keine politischen Botschaften, keine Handzeichen, nichts. Das schütze ja die Würde des Wettkampfes. Logisch.

Thomas Bach, der deutsche IOC-Präsident, spricht in diesem Kontext oft von "politischer Neutralität". Damit rechtfertigt das IOC gerne auch mal, warum norwegische Langläuferinnen keinen Trauerflor tragen dürfen, um eines Familienmitglieds zu gedenken. Das ist nur insofern ulkig, als das IOC selbst immer wieder politisiert, wenn nötig auch im hochwürdigen Wettkampf. Im olympischen Eishockeyturnier 2018 in Südkorea schickten die Gastgeber ein hastig zusammengewürfeltes Friedensteam aus Nord- und Südkorea ins Rennen, auf der Tribüne applaudierten Südkoreas Präsident, die Schwester des nordkoreanischen Diktators und dessen bizarres Cheerleader-Ensemble. Diese Friedensmission spaltete viele Meinungen und nutzte letztlich nur zwei Parteien: Nordkoreas Diktator, dem ein völlig überschminktes Bild seines Landes frei Haus geliefert wurde - und dem IOC, das seine notorisch runtergerockte Reputation verbessern wollte.

Für solche Organisationen sind mündige Sportleraktivisten eine große Gefahr. Es wäre ja auch blöd, wenn Athleten sich irgendwann nicht nur gegen Missstände auflehnen, die die Mehrheit verurteilt - sondern etwa auch gegen Politiker, die der organisierte Sport gerade hofiert. Oder, wie jetzt bei der Olympia-Verschiebung, gegen die eigenen Interessen.

Zu den jüngsten Athletenprotesten übermittelten die politisch neutralen Friedensengel des IOC bis zum Dienstagabend übrigens: kein Wort.

© SZ vom 03.06.2020/schm
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