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Bundesliga:Und es bewegt sich was

Borussia Dortmund - Hertha BSC

Keine Gerechtigkeit, kein Frieden: Dortmunds Jadon Sancho beim Aufwärmen vor dem Spiel gegen Hertha BSC.

(Foto: Lars Baron/dpa)

Es ist ein gutes Zeichen, dass der Protest gegen Rassismus in der Liga weitergeht. Das schürt eine kleine Hoffnung auf die versprochene Veränderung im Fußball.

Kommentar von Sebastian Fischer

Der Fußball erlaubt sich dann doch immer wieder kleine Späße. RB Leipzig schien am Samstag der Qualifikation für die Champions League schon einen Schritt näher gekommen zu sein, kurz vor Schluss stand es im Spiel gegen den Tabellenletzten SC Paderborn 1:0. Doch dann sah Leipzigs Manager Markus Krösche auf der Tribüne, wie die Paderborner noch einmal angriffen - die Mannschaft des Underdogs also, die er als Manager von 2017 bis 2019 maßgeblich geprägt hatte. Ausgleich, Schlusspfiff, lange Gesichter beim Favoriten. Schön, was im Fußball alles möglich ist, wie nah alles beisammen liegt. Oder? Nun ja.

RB Leipzig, das berichtete am Samstag die Mitteldeutsche Zeitung, hat von seinem Geldgeber Red Bull für das Geschäftsjahr 2018/2019 100 Millionen Euro an Schulden erlassen bekommen. So was muss man sich auch erst mal leisten können. Obwohl, wie RB-Finanzdirektor Florian Hopp dazu sagte, es sich um "eine Transaktion" handele, "die völlig üblich ist, insbesondere in der freien Wirtschaft, aber auch im Fußballgeschäft".

Zu dem, was außerdem völlig üblich ist im deutschen Fußballgeschäft, zählen Siege des FC Bayern. Einen bravourösen Erfolg gab es auch am Samstag wieder, der Rekordmeister schlug Leverkusen mit teils wunderbaren Spielzügen 4:2 und dürfte - sollte sich der Fußball nicht ausnahmsweise noch ein paar außergewöhnlichste Späße erlauben - so ungefähr in zwei Wochen wieder als deutscher Meister feststehen.

Der FC Bayern trug zum Aufwärmen Anti-Rassismus-Shirts

Man könnte, wenn man nur auf die Tabelle schaut und nicht in die leeren Geisterspielstadien, auf die Idee kommen, dass in der Bundesliga einiges so ist wie immer. Aber gab es da nicht eigentlich einen anderen Plan? Ja, genau: Es sollte vieles anders werden im deutschen Fußball, zum Beispiel gerechter (viele Fans wünschen sich etwa schon lange eine noch gleichmäßigere Verteilung der Medienerlöse), vielleicht sogar maßvoller, nachhaltiger und verantwortungsbewusster - das waren in unterschiedlicher Deutlichkeit formulierte Prämissen, unter denen es mit dem Fußball in der Corona-Krise weiterging. Es ist aber zunächst mal wieder eher ruhig geworden um die hehren Vorsätze der Branche, von denen beim sogenannten Neustart der Saison noch oft die Rede war.

Ganz gut zu erkennen ist das zum Beispiel an der Art und Weise, wie inzwischen über das berühmte Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga gesprochen wird. War es vor dem ersten Corona-Spieltag noch ein kurioser Eklat, als Augsburgs Trainer Heiko Herrlich das Quarantäne-Hotel zum Zahnpasta-Kauf verließ, nennt Leverkusens Sport-Geschäftsführer Rudi Völler die Maskenpflicht für Co-Trainer und Ersatzspieler auf der Tribüne inzwischen "schwer nachvollziehbar", während "Menschen in Cafés ohne Mundschutz ihren Cappuccino trinken dürfen". Und natürlich wirkt es absurd, wenn Dortmunder Fußballer jetzt für einen Friseurbesuch bestraft werden müssen. Aber waren diese Regeln nicht andererseits der Grund, warum sich die Liga fürs Weiterspielen weltweit feiern ließ? Ist ein großes Umdenken nicht eher unrealistisch, wenn schon ein paar unkomfortable Restriktionen nach ein paar Wochen aller guter Vorsätze zum Trotz für Murren sorgen?

Und doch ist diese Woche genauso gut ein Beispiel dafür, dass sich auch der Fußball bewegen kann. Derselbe Sancho, der die Strafe durch die DFL in den sozialen Netzwerken patzig einen "absoluten Witz" nennt, hatte vor einer Woche als Zeichen gegen Rassismus eine Widmung für den in den USA nach Polizeigewalt verstorbenen George Floyd auf sein T-Shirt geschrieben. Sein Mitspieler Achraf Hakimi hatte es ihm gleichgetan, Gladbachs Marcus Thuram nach einem Tor gekniet. Und nachdem der Deutsche Fußball-Bund nach kurzem Lavieren unter der Woche ankündigte, den Protest der Fußballer nicht wegen des Verbots von Politik im Stadion zu bestrafen, folgten an diesem Spieltag weitere eindeutige Zeichen, die man sich von einer Branche mit derart großer Reichweite in den vergangenen Jahren ja auch schon mal vergeblich gewünscht hat: Spieler und Trainer vom BVB und Hertha BSC knieten vor dem Anpfiff, der FC Bayern trug zum Aufwärmen Anti-Rassismus-T-Shirts, der Mainzer Jean-Pierre Kunde kniete nach seinem Tor.

Es bleiben noch vier Spieltage, eher keine knappe Meisterschaftsentscheidung mehr, aber dafür immerhin ein hochklassiger Wettbewerb um die Europapokalplätze, ein voraussichtlich interessanter Abstiegskampf - und die vielleicht ebenso spannende Frage, in welche Richtung sich der Profifußball in diesem Jahr noch so bewegt.

© SZ vom 07.06.2020
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