Protest bei Siegerehrung:Auf Kollisionskurs

Tokio 2020 - Leichtathletik

"Sollen sie doch versuchen, mir die Medaille zu nehmen": Raven Saunders nach ihrem Silber-Gewinn in Tokio.

(Foto: Francisco Seco/dpa)

Die amerikanische Kugelstoßerin Raven Saunders demonstriert auf dem Podium für die Rechte "unterdrückter Menschen" - und bringt das Internationale Olympische Komitee mal wieder in Zug.

Von Saskia Aleythe, Tokio

Man würde Raven Saunders sicherlich nicht zu nah treten mit der Behauptung, dass sie sich um Konventionen nicht allzu sehr schert. Die 25-Jährige fällt auf, wenn sie ein Stadion betritt: Die Haare kurz geschoren, halb lila, halb grün, und als sie am Sonntag im Olympiastadion in Tokio um den Sieg im Kugelstoßen kämpfte, trug sie eine Maske mit Hulk-Aufdruck. Ein mächtiges Erscheinungsbild, auch ihre Gesten nach dem Silber-Gewinn waren nicht von Schüchternheit geprägt. Man darf nur nicht den Fehler machen und glauben, dass hinter der Schutzhülle nichts anderes steckt.

Ein paar Stunden nach der Entscheidung im Ring hat die Amerikanerin ihre Medaille erhalten, die Athleten müssen sie sich aufgrund der Corona-Auflagen selber von einem Tablett nehmen. Gold hatte Chinas Gong Lijiao gewonnen, auch die Neuseeländerin Valerie Adams, die zweimalige Olympiasiegerin, stand mal wieder auf dem Podium, alle hängten sich das Edelmetall um. Doch Saunders erweiterte das Protokoll noch um einen Punkt, auf eigene Faust: Als alle Athletinnen mit ihrer Medaille fürs Foto posieren sollten, kreuzte sie die Arme über dem Kopf. Worin das Internationale Olympische Komitee nun eine "politische" Geste entdeckte, und die sind bei Olympia im Rahmen der Siegerehrung verboten. Also wird Saunders Aktion von den Ringe-Richtern untersucht.

Das amerikanische Olympia-Komitee verzichtet darauf, Saunders zu sanktionieren

Schon direkt nach dem Medaillenkampf hatte sie dem amerikanischen TV-Sender NBC gesagt, dass sie nicht nur in Tokio sei, um sich olympische Träume zu erfüllen. "Ich kämpfe nicht nur für mich selbst, sondern auch für viele andere", sagte sie, "ich möchte alle aus der LGBTQ Community grüßen. Alle, die mit mentalen Problemen zu kämpfen haben. Alle, die schwarz sind. Ich grüße sie alle." 2016 in Rio hatte sie als Fünfte den Schritt aufs Treppchen verpasst, zwei Jahre später kämpfte sie gegen Depressionen. Nun ist sie eine, die offen darüber spricht, was hinter der schimmernden Sportwelt bei den Athleten oft doch nicht so glänzt.

Mit den gekreuzten Armen habe sie Solidarität für die Rechte "unterdrückter Menschen" ausdrücken wollen, sagte Saunders nach der Siegerehrung. Ein inhaltlich recht grob gefasstes Anliegen, doch das IOC sah darin die Regel 50 der Olympischen Charta verletzt, nach der politische Protestaktionen im Rahmen der Siegerehrung nicht stattfinden dürfen. Also dann, wenn die meisten Bilder geschossen und verbreitet werden. Die deutsche Hockey-Kapitänin Nike Lorenz durfte in Tokio eine Regenbogenbinde auf dem Spielfeld tragen, nachdem ein entsprechender Antrag vom IOC bewilligt wurde.

Saunders reagierte auf ihrem Twitter-Kanal mit einer Kampfansage. "Sollen sie doch versuchen, mir die Medaille zu nehmen. Ich renne über die Grenze, auch wenn ich nicht schwimmen kann." Dahinter setzte sie einen Tränen lachenden Smiley. "Wir werden uns die Sache anschauen und dann die nächsten Schritte abwägen", sagte IOC-Sprecher Mark Adams am Montag. Vom Olympischen Komitee der Amerikaner hat Saunders nichts zu befürchten: Ihre Geste, teilte der Dachverband mit, sei respektvoll gegenüber ihren Gegnerinnen gewesen. Das US-Komitee hatte schon vor den Spielen ausgerichtet, dass es protestierende Athleten auf den Podien nicht sanktionieren werde.

© SZ/jkn
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