Süddeutsche Zeitung

Premier League:Wildwest an der Merseyside

Der FC Everton zeigt sich "schockiert" vom Zehn-Punkte-Abzug, doch es könnte noch schlimmer kommen für den Premier-League-Klub: Die Absteiger Leeds, Leicester, Burnley und Southampton erwägen Klagen in Millionenhöhe.

Von Sven Haist, London

Das Spiel ohne Grenzen könnte in der Premier League langsam ein Ende finden. Seit Einführung der Liga 1992 ist der englische Spitzenfußball zunehmend zum Spielball der Vereinsbesitzer geworden. Im Streben nach immer mehr Wachstum und Expansion durften die Millionen- und Milliardeninvestoren bis heute quasi nach Belieben schalten und walten. Dabei kritisierte Ivan Gazidis, der frühere Gesch­äftsführer des FC Arsenal, der zuvor jahrelang dem Gründungsmanagement der US-amerikanischen Major League Soccer angehört hatte, deren Geschäftspraktiken schon 2009 als "ein bisschen wie im Wilden Westen". Er sehe Finanzexzesse, die in US-Ligen "nicht zulässig" wären. Sein Fazit: Diejenigen, die unethisch handelten, müssten ausgeschlossen werden.

Diesem hehren Ziel ist die viel zu lange wegschauende Premier League am vergangenen Freitag zumindest einen Schritt näher gekommen. In einem in der Fußballwelt viel beachteten Urteil, das sich auch bis zu den staatlichen Klubeigentümern am Persischen Golf herumgesprochen haben dürfte, strich eine unabhängige Premier-League-Kommission dem FC Everton zehn Punkte in der Tabelle - wegen Verstoßes gegen die Rentabilitäts- und Nachhaltigkeitsregeln der Liga. Der Merseyside-Verein rutschte damit aus dem hinteren Mittelfeld auf den vorletzten Platz ab. Es ist der größte Punktabzug in der Geschichte der Premier League. Und der erste seit der Saison 2009/2010, als der Portsmouth FC Insolvenz angemeldet hatte.

Das dreiköpfige Gericht bestätigte die Anklage der Premier League, dass Everton von der Saison 2018/19 bis 2021/22 einen Bilanzverlust von 124,5 Millionen Pfund verbuchte - 19,5 Millionen Pfund mehr, als es der Höchstwert von 105 Millionen Pfund im Dreijahreszyklus erlaubt hätte. Die Spielzeiten 19/20 und 20/21 wurden wegen der Corona-Pandemie zugunsten der Vereine in einem Durchschnittswert gebündelt. Das Gremium verfügte, dies sei ein "schwerwiegender Verstoß, der eine erhebliche Strafe" verlange. Da der Klub von einem "wohlhabenden Besitzer", dem britisch-iranischen Milliardär Farhad Moshiri, unterstützt werde, reiche eine Geldstrafe nicht aus. Moshiri investierte seit seinem Einstieg bei Everton im März 2016 eine Dreiviertelmilliarde und ist nun bestrebt, den Verein bis zum Jahresende an den US-Investor 777 Partners zu verkaufen. Eine prinzipielle Einigung ist bereits erzielt.

Sechzehnter statt Sechster - dadurch verpasste der Verein rund 21 Millionen Pfund zusätzliche TV-Einnahmen

Die 41 Seiten umfassende Urteilsbegründung, basierend auf 28 000 Akten, dokumentiert die Gründe des Everton-Scheiterns: das Missmanagement trotz wiederholter Warnungen der Liga, eine zu starke Abhängigkeit von den Eigentümer-Zuwendungen, kostspielige Transfers und zu wenige Spielerverkäufe sowie falsche sportliche Annahmen. So prognostizierte das seit Jahren abrutschende Everton für die Saison 2021/22 einen guten sechsten Platz - und landete auf Rang 16. Dadurch verpasste der Verein rund 21 Millionen Pfund zusätzliche TV-Einnahmen.

Insgesamt wies das Gründungsmitglied der Football League und Premier League für den betreffenden Zeitraum ein Minus von 417,7 Millionen Pfund aus. Davon konnte der FC Everton unter anderem die Infrastrukturkosten und die damit verbundenen Zinsen für das immer kostspieliger werdende neue Stadion abziehen (aktuelle Schätzung: 760 Millionen Pfund), Ausgaben für den Frauenfußball und die Jugendförderung sowie pandemiebedingte Einbußen. So kam der Klub nach eigener Rechnung nur auf einen Verlust von 87,1 Millionen, also deutlich unter der 105-Millionen-Schwelle. Nach monatelangen Verhandlungen mit der Premier League gestand Everton plötzlich vor der Anhörung ein Defizit von 114,7 Millionen ein. Beharrte jedoch in einer bisher einmaligen und letztlich abgewiesenen Argumentation darauf, eine verpflichtende Abgabe auf Transfergebühren, die in einen Professional Game Youth Fund überführt werden, als Nachwuchsausgaben in der Gewinn- und Verlustrechnung absetzen zu dürfen.

Vom Ausgang des Verfahrens zeigte sich der Everton Football Club in einer Stellungnahme "schockiert und enttäuscht" und hält die Sanktion für "völlig unverhältnismäßig und ungerecht". Der Verein hält weiter daran fest, nach bestem Wissen und Gewissen an der Aufarbeitung der eigenen Misere mitgewirkt zu haben. Pikanterweise heißt es dazu im Report unter dem Punkt 107, ein Everton-Repräsentant habe argumentiert, es sei seine Aufgabe, die Premier-League-Regeln zum Vorteil seines Arbeitgebers zu interpretieren.

Manchester City ist in 115 Fällen wegen Vergehen gegen die Ligastatuten angeklagt

Der Klub kündigte gegen den Beschluss bereits Berufung an. Das Vorhaben erscheint auch deshalb unerlässlich zu sein, weil Kommissionschef David Phillips KC im Mai 2023 verfügte, dass im Falle einer Verurteilung den von Everton geschädigten Vereinen eventuell Schadenersatzzahlungen zustehen. Die Premier-League-Absteiger Leeds, Leicester, Burnley und Southampton erwägen Klagen in Millionenhöhe und haben dafür nun eine Frist von 28 Tagen. Je nach Ausgang der möglichen Regressansprüche könnte sich dies auf die Übernahmeambitionen von 777 Partners in Everton auswirken.

Das Urteil schlug auf der Insel extrem hohe Wellen. Der ehemalige englische Nationalspieler Jamie Carragher schimpfte, Everton werde von der Premier League benutzt, um zu zeigen, dass keine Notwendigkeit für eine gesetzlich verankerte unabhängige Regulierungsbehörde bestehe. Deren Etablierung kündigte die UK-Regierung an. Ein solches Aufsichtsgremium würde die Befugnisse der Liga beschneiden. Die Idee entstand nach dem gescheiterten Versuch von sechs Premier-League-Topvereinen im Frühjahr 2021, zusammen mit anderen europäischen Klubs eine European Super League zu gründen. Die Abtrünnigen kamen damals jeweils mit einer läppischen Geldstrafe davon (3,3 Millionen Pfund).

Die mangelnde Verhältnismäßigkeit ist der größte Kritikpunkt am Everton-Verdikt. Manchester Citys früherer Finanzanwalt Stefan Borson empfindet den Zehn-Punkte-Abzug "für einen einfachen Verstoß" gegen die Rentabilitäts- und Nachhaltigkeitsregeln als sehr hart. Aus seiner Sicht müssten dann die Sanktionen gegen seinen Ex-Klub City bei einer Verurteilung zum Abstieg führen. Der Dauerchampion ist gerade in 115 (!) Fällen wegen Vergehen gegen die Ligastatuten angeklagt. Am Ausgang dieses Verfahrens wird sich wohl zeigen, wie lange in der Premier League noch eigene Gesetze vorherrschen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6305952
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/klef/sjo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.