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Premier League:Kniffe des teuflischen Zynikers

Ist er so sauer oder tut er nur so? Tottenham-Coach José Mourinho bellt seinen Mittelfeldspieler Pierre-Emile Hojbjerg an.

(Foto: Neil Hall/AP)

Die alte Nemesis verärgert Pep Guardiola: Mit Fußball am Rande der Totalverweigerung besiegt Mourinho wieder einmal seinen Rivalen - die Probleme bei ManCity werden immer deutlicher.

Von Jonas Beckenkamp

Pep Guardiola ging als Geschlagener, und sein Handschlag mit José Mourinho sagte eigentlich alles. Es dürfte die flüchtigste Schlusspfiffbegegnung seit Erfindung des Handshakes gewesen sein, dieses Kurztreffen der Trainergranden von Manchester City und Tottenham Hotspur. Guardiolas berüchtigte Säuerlichkeit drang in diesen Sekunden nach dem 0:2 (0:1) gegen seine alte Nemesis Mourinho deutlich durch. Gegen niemanden hasst er es so sehr zu verlieren wie gegen den teuflischen Taktiker "Mou". Und doch muss er damit leben, dass ihn der Portugiese wieder einmal überrumpelte. Es war ein Kunststück wie eh und je, ein Klassiker der strategischen Fußballverweigerung, mit dem Mourinho es nun in der Premier League nach oben geschafft hat, während sich die Misere von City im unteren Tabellen-Mittelfeld weiter zuspitzt.

Zwei Torschüsse, zwei Tore von Heung-Min Son (5.) und Giovani Lo Celso (65.) - diese Kaltblütigkeit ist typisch für Mourinho-Fußball. Keinem ist das Siegen mit solchen Mitteln ein solcher Hochgenuss wie dem 57-Jährigen: "Heute sollen lieber meine Spieler reden, sie haben unsere Strategie perfekt umgesetzt", raunte Mourinho, nicht ohne Andeutung, wer den Spielern die Taktik des Einigelns und Konterns mitgegeben hatte. Und tatsächlich: Wenn es darum geht, Guardiolas Ballbesitz-Mantra mit einem Handstreich wegzuwischen, dann ist Mourinho in dieser Disziplin auch nach all den Jahren noch eine Instanz.

Ihm ist es schnurzpiepegal, wie oft der Gegner sich hübsch die Kugel zuschiebt, solange sein Team ein bis zwei Mal dazwischengehen kann, um die ein, zwei entscheidenden Gegenangriffe zu setzen. Der Erfolg rechtfertigt beim ambitioniertesten Zyniker des Weltfußballs immer noch jeden Verzicht auf Ästhetik. Mourinho übertölpelt Guardiola - diese Pointe fasst aber auch treffend zusammen, was in der Premier League in dieser Saison los ist: Mit dem Absturz Citys könnte im Meisterschaftskampf ein Platz freiwerden, den nun die Spurs oder auch Teams wie Leicester und Chelsea beanspruchen könnten.

Neben dem von seinen Startschwierigkeiten erholten Meister FC Liverpool bietet der Mehrkampf dieser Klubs reichlich Spannung. Und die große Frage ist, ob Guardiola mit City noch mal die Kurve kriegt. Er muss es im Grunde, denn nach seiner Vertragsverlängerung in dieser Woche (er bleibt zwei weitere Jahre in Manchester) ist sein Projekt nach dem verpassten Titel in der vergangenen Saison immer noch unvollendet. Liga oder Champions League - eine Trophäe von beiden sollte es schon sein für den Katalanen, der gegen Tottenham wie so oft in dieser Runde mit dem Spielverlauf haderte: "Es war das ideale Szenario für sie: Wir kriegen das Gegentor nach fünf Minuten, und danach verteidigen sie so tief, dass die Räume minimal waren", seufzte Guardiola.

Tatsächlich erarbeiteten sich Kevin De Bruyne, Gabriel Jesus und all die Offensivkoryphäen von City einige Gelegenheiten, Verteidiger Aymeric Laporte erzielte sogar den vermeintlichen Treffer zum 1:1, aber der Videoschiedsrichter intervenierte wegen Handspiels. Man spiele schon Chancen heraus, monierte Guardiola, "aber die Realität ist, dass wir Probleme im Abschluss haben". Diese Erkenntnis wiederholt er seit einiger Zeit, und vielleicht ist Citys Torarmut (zehn in elf Partien) auch der Grund, weshalb die Medien auf der Insel zuletzt wieder über einen nicht ganz unbekannten Problemlöser in dieser Sache spekuliert hatten: Lionel Messi.

Der Daily Express schrie es unter der Woche nach dem Guardiola-Deal beinahe heraus: "Jetzt lasst uns Messi holen!" Beim Daily Mirror klang es etwas nüchterner, aber doch ähnlich: "Holt Messi!"

Doch Guardiola relativierte diese Gerüchte deutlich: "Sein Vertrag endet im kommenden Jahr, und ich weiß nicht, was in seinem Kopf passieren wird. Im Moment ist er ein Spieler von Barcelona", betonte der City-Teamchef. Beim 0:2 gegen die Spurs wurde zudem klar, dass ihm eigentlich ein ganz anderer Spielertyp fehlt: Ein klassischer "target man", einer, der vorne drin Bälle festzurrt, sie verteilt und selbst Gefahr ausstrahlt - einer wie Tottenhams Neuner Harry Kane.

Mehr noch als ein Mourinho-Team seien die Spurs ein "Harry-Kane-Team", so beschrieb es der Guardian in einer Eloge auf den Antreiber und Anführer im Tottenham-Angriff, der Citys Innenverteidiger "traumatisiert" habe mit seiner schieren Präsenz und seinen Diagonalpässen (er bereitete das 2:0 vor). Kane selbst sprach von einer "fantastischen Leistung" des Teams, man habe als Einheit verteidigt und auf Chancen gelauert. So einfach geht es derzeit gegen eine Guardiola-Elf.

Damit der Sieg auch angemessen Gewicht erhielt, verwies dessen Widersacher Mourinho auf die weiterhin bestehende Großartigkeit des Gegners - und das von Spielabsagen geprägte Tabellenbild. Aber natürlich ist jetzt erst einmal Fakt, was in diesem Tableau abzulesen ist: Tottenham liegt acht Zähler vor City. Und kommende Woche könnten die Spurs im Londoner Derby auch Chelsea distanzieren. Mourinho wird auch dafür bereits einen Plan haben.

© SZ vom 23.11.2020
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