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Englischer Referee Mike Dean:Nach den roten Karten kommen die Morddrohungen

FILE PHOTO: Premier League - Fulham v West Ham United

Schiedsrichter Mike Dean (links) zückt die rote Karte für West Hams Tomas Soucek (Mitte).

(Foto: Clive Rose/Reuters)

Mike Dean ist ein Urgestein unter den Premier-League-Schiedsrichtern. Er polarisiert oft und gerne. Aber jetzt setzt er auf eigenen Wunsch einen Spieltag aus, um ein Zeichen gegen öffentliche Anfeindungen zu setzen.

Von Tim Brack

Mike Dean ist kein Schiedsrichter, der es scheut, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Der Unparteiische pfeift seit 2000 in der englischen Premier League und hat schon Raubeine wie Roy Keane zähmen müssen. Nun wurde der 52-Jährige aber zu einer Entscheidung abseits des Rasens gezwungen. Dean bat die Liga darum, ihn am kommenden Ligaspieltag nicht einzusetzen, seine Bitte wurde erhört. Grund für die Pause sind Anfeindungen in sozialen Medien. Gegen Dean, aber auch gegen seine Familie. Die Auslassungen mündeten sogar in Todesdrohungen. Der Schiedsrichter hat die Polizei eingeschaltet.

Dean kann durchaus als Schiedsrichter beschrieben werden, der mit seiner Spielführung polarisiert. Er ist bekannt für seine auffällige Gestik und kleine Späße. In fast 21 Jahren in Englands Oberhaus erwarb er sich zudem den Ruf eines lockeren Handgelenks. Sein Griff an die Brusttasche erfolgt oft schnell. 1927 gelbe Karten in 524 Partien führen die Statistiker der Premier League an. Im Dezember vergangenen Jahres berichteten englische Medien gar von Deans wettbewerbsübergreifender 3000. Verwarnung.

Der Auslöser für die Attacken gegen Dean sind aber rote Karten. Zwei davon zückte der Mann aus Heswall jüngst; eine gegen West Hams Tomas Soucek im Spiel gegen Fulham, die andere gegen Southampton-Verteidiger Jan Bednarek beim 0:9 gegen Manchester United. Beide waren umstritten.

In Souceks Fall hatte Dean wegen eines vermeintlichen Ellenbogenschlags auf Platzverweis entschieden. Er hatte die Szene überhaupt erst auf Zuruf des Videoassistenten auf dem Bildschirm kontrolliert. Dort war zu sehen, wie Soucek seinen Gegenspieler zwar am Kopf touchiert, doch ein absichtlicher Schlag ist nicht auszumachen. Der englische Verband hob eine Sperre nach Einspruch von West Ham auf. Ebenso im Fall von Bednarek, der nach einem sanften Zupfer an Anthony Martial früh im Übereifer vom Platz gestellt worden war.

"Was ist falsch mit den Leuten?", fragt Gary Lineker

Die Kontrollinstanzen hatten den Schaden also begrenzt, aber solche Details interessieren wütende Fans - ob im realen oder digitalen Leben - genauso wenig wie die natürliche Fehlbarkeit eines jeden Menschen. Ja, Mike Dean hatte überhart durchgegriffen. Er hatte Fehler begangen, die ihm nicht unterlaufen sollten. Aber mit dem Tod bedroht zu werden? Auch Fußball-Beobachter Gary Lineker äußerte sich verstört über diesen Umstand. "Dass Dean Todesdrohungen erhält, ist einfach schrecklich. Was ist falsch mit den Leuten?"

Diese Frage dürften sich auch Entscheidungsträger im englischen Fußball immer öfter stellen. In den sozialen Medien häuften sich in jüngerer Vergangenheit die Attacken, vor allem Beleidigungen gegen People of Colour sind ein hartnäckiges Problem. Englische Nationalspieler wie Raheem Sterling oder Marcus Rashford bekommen immer wieder offen Rassismus zu spüren. Ob gegen schwarze Spieler oder fehlbare Schiedsrichter, der Hass bahnt sich auf den Plattformen besonders schnell und einfach den Weg, unabhängig von Motiven.

Dass Schiedsrichter regelmäßig beleidigt werden, gehört zu den traurigen Wahrheiten des Fußballs. Von Amateurligen bis hinauf zur Premier League ertragen die Männer und Frauen mit dem undankbarsten Job Anfeindungen aller Art. Die Dynamik hat sich durch die sozialen Medien aber verändert. Es gibt kein Durchschnaufen mehr. "Ich bin keiner, der in der Vergangenheit lebt, aber als ich Schiedsrichter war, musste ich einiges einstecken während der Spiele oder wenn ich danach auf den Parkplatz kam", erzählte der heutige TV-Experte Dermot Gallagher bei Sky. "Leider haben wir jetzt die sozialen Medien, und es geht immer weiter und weiter und kreiert Möglichkeiten wie diese, die sehr geschmacklos sind."

Komplett zieht sich Mike Dean noch lange nicht aus der Öffentlichkeit und dem Fußball zurück. Das Pokal-Achtelfinale zwischen Leicester und Brighton am Mittwochabend will er pfeifen.

© SZ/jki/mp
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