Graham Potter beim FC Chelsea:Liebling der Taktiknerds und Theaterkritiker

Lesezeit: 3 min

Graham Potter beim FC Chelsea: Graham Potter hatte zuletzt in Brighton viel Grund zu jubeln.

Graham Potter hatte zuletzt in Brighton viel Grund zu jubeln.

(Foto: Mike Hewitt/Getty Images)

Der Werdegang von Graham Potter liest sich wie in einem Computerspiel: Noch vor elf Jahren trainierte er in Schwedens vierter Liga - nun bezahlt der FC Chelsea für den Tuchel-Nachfolger 23 Millionen Euro.

Von David Kulessa

Nach dem überraschenden Aus von Thomas Tuchel beim FC Chelsea hat der Klub am Donnerstag seinen Nachfolger präsentiert. Graham Potter, 47, ist die nächste Millionenverpflichtung der neuen Besitzer um den US-Milliardär Todd Boehly. Schon die Transferausgaben für Spieler in diesem Sommer lagen bei rund 280 Millionen Euro, jetzt überweist der Verein wohl 23 Millionen für einen weitgehend unbekannten Trainer nach Brighton. Wer ist der Mann, den Chelsea in seiner Pressemitteilung als "einen der aufregendsten Trainer des Spiels" anpreist?

Die Antwort hat viel mit Östersunds FK zu tun, einem kleinen Klub in der schwedischen Provinz. 2011 begann Potter, zuvor unter anderem technischer Direktor von Ghanas Frauennationalteam, dort als Trainer zu arbeiten - in der vierten Liga.

Die folgende Erfolgsgeschichte liest sich, als entstamme sie einem Managerspiel. Nach dem Durchmarsch in die zweite Liga gelang auch dort in der dritten Saison der Aufstieg. Egal auf welchem Niveau, Potters Mannschaft überzeugte stets mit hoher taktischer Flexibilität und offensivem Ballbesitzfußball. 2017, gut sechs Jahre nach Amtsantritt in der vierten Liga, gewann er mit Östersund den schwedischen Pokal und qualifizierte sich für die Europa League.

In Schweden stand er mit seiner Mannschaft regelmäßig auf der Theaterbühne

Auch abseits des Platzes sorgten Spieler und Trainer für Staunen - weil sie ihre trainingsfreie Zeit mit Theaterstücken, Tanzaufführungen und Konzerten verbrachten. Nicht mit Besuchen derer wohlgemerkt, obwohl das außergewöhnlich genug wäre. Die Angestellten des ÖFK waren die Darsteller der Aufführungen. Unter anderem eine Tanzperformance, angelehnt an das Ballett "Schwanensee", brachten sie auf die Bühne.

Sportlich machte der Engländer die Fußballöffentlichkeit 2018 erstmals nachhaltig auf sich aufmerksam. Mit seiner Mannschaft, zu großen Teilen noch mit Spielern aus der Zweitklassigkeit bestückt, überstand er nicht nur die Playoffs für die Europa League, sondern erreichte dort sogar das Sechzehntelfinale. Dort trafen die Schweden auf den FC Arsenal. Nach einer 0:3-Heimniederlage im Hinspiel begeisterte das Team im Rückspiel die englischen Medien und sogar die Arsenal-Fans.

Bereits nach 23 Minuten führte der Außenseiter mit 2:0 und war drauf und dran, das Ergebnis aus dem Hinspiel zu egalisieren. Ein 2:1 reichte am Ende zwar nicht zum Weiterkommen, doch Östersund dominierte die Partie stellenweise, hatte mehr Ballbesitz und schoss öfter aufs Tor. Nach diesem Auftritt galt Potter als Anwärter auf einen Trainerjob in der Premier League. Daniel Kindberg, der Potter 2011 nach Östersund geholt hatte, sagte 2018 dem Magazin 11 Freunde gar: "Graham Potter ist mit Abstand der beste Trainer der Welt."

Potter begnügte sich vorerst mit einem Job in Englands zweiter Liga. Er führte Swansea City dort 2019 auf den zehnten Tabellenplatz. Erst dann folgte er dem Ruf aus der Premier League und übernahm Brighton & Hove Albion. Stets mit geringem Etat und (für englische Verhältnisse) überschaubaren Transferausgaben, schaffte er zweimal souverän den Klassenerhalt und beendete die vergangene Saison dann auf einem hervorragenden neunten Platz.

Potter-Ball bedeutet Flexibilität und Ballbesitz

Anhänger hat Graham Potter spätestens seit seiner Zeit in Brighton vor allem unter den Taktiknerds auf der Insel. Allein auf Youtube gibt es zahlreiche Videos, die seine Spielweise analysieren. In einigen davon verschiebt er selbst bunte Steine auf einer Taktiktafel. Die zwei entscheidenden Merkmale des Potter-Balls: Flexibilität und Ballbesitz.

Regelmäßig ändert er seine Formation und Ausrichtung. Nicht nur zwischen, sondern auch während Spielen wechseln seine Mannschaften scheinbar mühelos zwischen Vierer- und Dreierkette, zwischen Angriffs- und Abwehrpressing. Trotz Außenseiterstatus in den meisten Spielen setzt Graham Potter auf Kontrolle. Nur Manchester City, Liverpool und Chelsea hatten vergangene Saison mehr Ballbesitz als Brighton. Wie er sich das Spiel mit Ball vorstellt, konnte man unter anderem am ersten Spieltag dieser Saison sehr gut beobachten.

Auswärts bei Manchester United trug Brighton seine Angriffe flach, schnell und zielstrebig vor - mit Erfolg. Doppeltorschütze beim 2:1-Sieg war Pascal Groß, ehemals FC Ingolstadt, der unter Graham Potter zum absoluten Leistungsträger gewachsen ist. Nur Lewis Dunk, Leandro Trossard und Neal Maupay spielten in Potters Amtszeit öfter für Brighton. Wem diese Namen nichts sagen, braucht sich nicht grämen. Denn sie stehen sinnbildlich dafür, dass Graham Potter bei seinen bisherigen Stationen stets selbst der Star war.

Auch Marc Cucurella ist vielen vermutlich erst ein Begriff, seitdem er Anfang August für 65 Millionen Euro von Brighton zum FC Chelsea gewechselt ist. Rund einen Monat später folgt ihm Trainer Potter, der jetzt mit Weltspielern wie Raheem Sterling, Kai Havertz und N'Golo Kanté zusammenarbeitet. Das Portal The Athletic berichtet, dass Tuchel zuletzt kaum noch mit seinen Spielern kommuniziert habe.

Die Schwächen, die seinem Vorgänger hin und wieder nachgesagt werden, hat der Sozialwissenschaftler Potter übrigens studiert. Der Titel seiner Masterarbeit: "Füh­rungs­qua­li­täten und emo­tio­nale Intel­li­genz".

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFC Chelsea
:Ein erkennbar gestresster, erschöpfter Tuchel

Der teuer, aber disharmonisch verstärkte FC Chelsea trennt sich nach mäßigem Saisonstart von Thomas Tuchel. Der Trainer bekommt die neue Besitzermacht des US-Großkapitals zu spüren.

Lesen Sie mehr zum Thema