Fußball in England:Symptome von Scheinheiligkeit und Dilettantismus

Premier League: Fans von Newcastle United

Beim ersten Heimspiel nach der Übernahme sprachen die Newcastle-Fans auf einem Banner vom Wiederaufbau - der soll nach Ansicht der Top-Klubs aber nicht zu schnell gehen.

(Foto: Simon Bellis/Sportimage/Imago)

18 von 19 Premier-League-Konkurrenten stellen sich in einer Abstimmung gegen das neureiche Newcastle United: Sponsorenverträge mit Firmen der Klubeigentümer sind vorerst verboten. Durch den Schritt torpediert die Liga ihr eigenes Erfolgsmodell.

Von Sven Haist, London

Auf dem Weg, die englische Premier League auf den Kopf zu stellen, lässt Newcastle United kaum Zeit vergehen. Zwei Wochen nach der Vereinsübernahme durch ein vom saudischen Public Investment Fund (PFI) angeführtes Konsortium hat der Traditionsklub aus Englands Norden die erste weitreichende Entscheidung getroffen: die Freistellung des Trainerveteranen Steve Bruce (60 Jahre alt, 1000 Spiele an der Seitenlinie). Bis ein namhafter Nachfolger eingestellt wird, betreut Assistenzcoach Graeme Jones vorübergehend die nach acht Spieltagen noch sieglose Mannschaft, zunächst am Samstag auswärts bei Crystal Palace.

Während der entlassene Bruce im Daily Telegraph bekannt gab, dass die beiden Amtsjahre am River Tyne für ihn die wohl letzten seiner Karriere gewesen seien, geht es für Newcastles neue Führungsriege jetzt erst richtig los - mit der Umstrukturierung des plötzlich reichen Vereins.

Das Großreinemachen dürfte nach dem Kurswechsel auf der Trainerposition bald auch beinahe alle Spieler des Profikaders betreffen. Durch die fast unbegrenzten Finanzmöglichkeiten des auf eine halbe Billion Euro taxierten saudischen Staatsfonds dürfte es nur logisch sein, dass United sich ein Team zusammenkauft, das im Aufzugtempo die Tabelle nach oben sausen wird. Und genau davor fürchten sich bereits die anderen 19 Klubs der Premier League.

Manager Steve Bruce Leaves Newcastle United Newcastle United v Rochdale AFC - FA Cup Third Round: Replay

Fiel den Umbaumaßnahmen in Newcastle als Erster zum Opfer: Trainer Steve Bruce.

(Foto: Ian MacNicol/Getty)

Als erste Maßnahme, um sich dem neuen Big Player Newcastle in den Weg zu stellen, setzte die Konkurrenz kurzfristig auf einer Dringlichkeitssitzung am vorigen Montag in seltener Einigkeit mit 18:2 Stimmen ein Verbot durch: Alle Vereine der Liga dürfen für die kommenden vier Wochen keine Sponsorenverträge mit Unternehmen aus dem Besitz ihrer Eigentümer abschließen. Die vorübergehende Sperre verschafft der Liga Zeit, um eine dauerhafte Regeländerung voranzutreiben. Zugleich wird verhindert, dass Newcastle sofort realitätsferne Finanzspritzen über künstlich hochgerechnete Sponsoring-Deals mit saudischen Staatsfirmen erhalten kann, die den Spielraum von United auf dem Transfermarkt unverzüglich vergrößern würden. Denn gemäß dem Ligareglement, das hier den Regularien des europäischen Financial Fairplay ähnelt, dürfen Klubs innerhalb eines Drei-Jahres-Zeitraums maximal einen Verlust von 105 Millionen Pfund schreiben.

Wie nicht anders zu erwarten, votierte einzig Newcastle gegen den Liga-Antrag. Das über die Herrscherfamilie von Abu Dhabi mit Ölmillionen subventionierte Manchester City enthielt sich, angeblich wegen Bedenken zur Rechtmäßigkeit der neuen Anordnung. Den eiligen Beschluss will die Liga dem Vernehmen nach als Rettungseinsatz zur Erhaltung eines fairen Wettbewerbs verstanden wissen.

Frühzeitiges Regulieren wurde von der Liga fahrlässig versäumt

Dabei ist nicht das Spiel an sich ein Fall für den Notarzt geworden, sondern die Liga selbst, deren Symptome von Dilettantismus, Hybris und Scheinheiligkeit eigentlich dringend behandelt gehören. Das fast klägliche Vorgehen der Vereine lässt sich schon daran erkennen, dass sich das Interesse der Saudis, in den englischen Fußball einzusteigen, seit mindestens eineinhalb Jahren abgezeichnet hatte, als erstmals Gerüchte aufkamen. Doch die Durchführung des Besitzerwechsels in Newcastle hing bis zuletzt allein am Versprechen der Saudis, den Premier-League-Fernsehrechte-Inhaber BeIN Sports aus Katar auf eigenem Landesgebiet zuzulassen - und der Liga "rechtsverbindliche Zusicherungen" zu geben, dass der autokratische Staat nicht formal den Klub United kontrolliere.

Die verpasste Gelegenheit, frühzeitig die Regularien zu schärfen (auch im Sinne der Integrität der Vereinseigner), versuchen die Klubs jetzt mit dem üblichen Anflug von Überheblichkeit auszugleichen, indem sie sich über die Statutenänderung eine Fußballwelt gestalten, wie sie ihnen gefällt. Schon in der coronageprägten Saison 2019/20 drängten einige Vereine auf die Aussetzung des Abstiegs, ehe die Top-Klubs ein Arbeitspapier vorschlugen, dass die Hinterbänkler entmachtet hätte - mit dem unrühmlichen Höhepunkt, dass sie mit der geplanten Gründung einer europäischen Superliga künftig gleich ganz nach eigenen Regeln spielen wollten.

Noch irritierender als der Größenwahn wirkt jedoch nun die Dreistigkeit, Geldgaben der Klubeigentümer von jetzt an - und nicht mehr rückwirkend für bestehende Verträge - zu untersagen, wo doch der Sinn des Klubbesitztums überwiegend darin besteht, dass die Inhaber einen Teil ihres Vermögens, über welche Wege auch immer, in die Vereine schleusen, um die Erfolgsaussichten zu erhöhen.

Als Paradebeispiel gilt Meister Manchester City, der sich vom eigentümernahen Hauptsponsor Etihad seit Jahren durchfinanzieren lässt. Die nationale Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate ist nicht nur Namensgeber des Stadions, Trainingsgeländes und der Tram-Station, sondern auch auf allen Trikots zu finden. Ähnlich offensichtlich verhält es sich mit der finanziellen Vernetzung zwischen Eignern und Vereinen bei Leicester City (King Power) und dem FC Everton (USM Finch Farm). Und bei dieser Auflistung ist noch gar nicht inbegriffen, wie viele Klubs in der Vergangenheit durch Übernahmen vor dem Bankrott gerettet wurden, weil die Inhaber direkt für die Schulden aufkamen. Selbst der sich gerne als moralische Instanz inszenierende FC Liverpool stand 2010 vor der Auflösung, hätte nicht der aktuelle Besitzer John W. Henry über seine jetzt Fenway Sports Group heißende Firma die Insolvenz verhindert.

Mit der aktuellen Regelung schafft die Premier League bis auf Weiteres also ein wesentliches Element ihres eigenen Erfolgsmodells ab. Indirekt sorgt dies zumindest dafür, dass der finanzielle Überbietungswettkampf ein wenig eingebremst wird. Sofern es den Klubs aber, wie behauptet, tatsächlich um eine faire Auseinandersetzung auf dem Platz ginge, hätte die Liga schon längst mal - und darin liegt die Ironie der Abstimmung - Partei für Newcastle United ergreifen müssen. Denn seit dem Einstieg des vorherigen Eigentümers Mike Ashley 2007 wurde der Verein als nahezu kostenlose Litfaßsäule für dessen Einzelhandelsimperium Sports Direct ausgenutzt. Trotz der Anbringung von, wie die Times kürzlich zählte, 140 Logos seiner Firma rund ums Stadion St. James' Park hatte Ashley zu keinem Zeitpunkt einen adäquaten Marktpreis für die Werbeflächen an seinen Verein gezahlt.

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