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Liverpool, United und City:Die Premier League spielt verrückt

FC Liverpool: Jürgen Klopp 2020 bei einem Spiel gegen Arsenal

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp.

(Foto: Pool via REUTERS)

Liverpool kassiert sieben Gegentore, Manchester United sechs - und auch City strauchelt: Die Topklubs erleben einen kuriosen Spieltag. Ein ähnliches Desaster hat Jürgen Klopp in seiner Trainerkarriere nur einmal erlebt.

Von Sven Haist, London

Die Anzahl an Gegentoren hat Jürgen Klopp umgehauen. Normalerweise verfolgt der Trainer des FC Liverpool die Spiele im Stehen, in der Schlussphase der Auswärtspartie bei Aston Villa aber ließ Klopp sich auf einer Werbebande nieder, fernab seines eigentlichen Arbeitsplatzes - so, als hätte er persönlich mit den sieben Gegentreffern seines Teams absolut nichts zu tun.

Seit der Deutsche vor fünf Jahren seine Arbeit am River Mersey begann, war der Umgang mit historischen Niederlagen meistens Sache der anderen Trainer gewesen. Am Sonntagabend bekam Klopp beim krachenden 2:7 im Villa-Park nun zu spüren, wie die Kollegen Darko Milanic (NK Maribor/0:7) und Massimo Carrera (Spartak Moskau/0:7) sich gefühlt haben müssen, als ihre Klubs jeweils im Herbst 2017 von Liverpool in der Champions League düpiert wurden. In seiner Trainerkarriere ist Klopp einzig mit Mainz 05 ein ähnliches Desaster widerfahren: beim 1:6 gegen Werder Bremen vor 14 Jahren.

Mit den meisten Gegentoren eines englischen Meisters in einem Ligaspiel seit Arsenals 1:7 in Sunderland 1953 hat es Liverpool auf die fettgedruckten Titelseiten des Boulevards geschafft - was nicht einfach gewesen ist, gemessen daran, dass der Vorjahresdritte Manchester United vor Anpfiff des Liverpool-Spiels mit 1:6 den Tottenham Hotspur im heimischen Old Trafford unterlag. Und der Vizemeister Manchester City in der Vorwoche gegen Leicester City ein 2:5 kassiert hatte und sich beim 1:1 im Duell mit Leeds United am Samstag wieder locker fünf Stück hätte einfangen können.

"Crazy", schreiben die Zeitungen - und das war es wirklich

Die meisten Zeitungen benutzten für ihre Schlagzeilen unisono ein Wort: "crazy" - verrückt! Und das war es diesmal wirklich: In der Chronologie des Inselfußballs, dessen bisherige 121 Spielzeiten bis ins Jahr 1888 zurückreichen, lässt sich kein Tag finden, an dem die beiden erfolgreichsten Klubs Manchester United (20 Titel) und FC Liverpool (19 Titel) gemeinsam eine vergleichbare Zurechtweisung erlebten. Das kostenlose Klatschblatt Metro fragte nicht zu Unrecht: "Ist das tatsächlich so passiert?"

Bei der Deutung der Ergebnisse kommt man nicht um den Gedanken herum, dass eventuell eine höhere Macht des Fußballs die Zeit für gekommen hielt, den drei besten Klubs der Vorsaison auf der Insel mal richtig die Leviten zu lesen. Die sagenhaften Resultate für Villa (Tore: Ollie Watkins 4./22./39., John McGinn 35., Ross Barkley 55., Jack Grealish 66./75.), Tottenham (Tanguy Ndombele 4., Son Heung-min 7./37., Harry Kane 30./79./Elfmeter, Serge Aurier 51.) und Aufsteiger Leeds (Rodrigo 59.) an diesem Wochenende würden so gesehen stellvertretend für die Burnleys, Sheffields und Fulhams dieser Liga stehen, deren Dasein in der Premier League für die gehypten Topvereine oft nur darin liegt, sich wöchentlich zu deren Spielzeugen zu machen.

Mehr denn je meinen einige Trainer, mit ihren Spielphilosophien dem Fußball seine Unberechenbarkeit, also die Spannung nehmen zu können. Jetzt hat der Fußball auf eindrucksvolle Art zurückgeschlagen - indem die herben Niederlagen der Branchenführer aufzeigen, dass weiterhin kein Verein, kein Trainer, kein Spieler und auch keine Spieltheorie größer ist als das Spiel selbst. Als Klopp gefragt wurde, wie er sich die schrägen Resultate der Favoriten erkläre, schaute er in die Luft. Eine adäquate Antwort fand er nicht. Das Massenblatt Sun titelte über sein Team: "Top of the Flops!"

"Wir haben alle unsere schlimmen Fehler in ein Spiel gepackt", sagte Klopp

Seit Jahren verfolgt Klopp die Strategie, dem Gegner sofort den Ball wegnehmen zu wollen, wenn er ihn mal hat. Diesen Ansatz trieb Liverpool im Duell mit Villa auf die Spitze: Gegen den üblichen Impuls, zum eigenen Tor zurückzuweichen, wenn die Offensivakteure ausgespielt werden und keiner den Ballführenden des Gegners attackieren kann, blieb die eigene Abwehrreihe einfach stehen. Als wären die verteidigenden Spieler sich zu schade, nach hinten zu rennen, spielte Liverpool ständig auf Abseits - und wurde folgerichtig fast die ganze Zeit überrannt.

Klopp sagte: "Wir haben alle unsere schlimmen Fehler in ein Spiel gepackt. Unsere Absicherung war unterdurchschnittlich und unsere Körpersprache nicht auf der Höhe." Zur allgemeinen Konfusion trug Ersatztorwart Ádrian massiv bei (der den verletzten Alisson Becker vertrat), als er den Ball beim ersten Gegentor verschluderte, statt ihn wegzuschlagen. Bei Sky Sports schäumte der frühere Abwehrrecke Jamie Carragher vor Wut über das tollkühne Defensivverhalten seines Herzensvereins, was am Ende in Spott überging. "Schau den Goalie an ...", johlte der TV-Experte ins Mikrofon, nachdem Ádrian bei einer Flanke einmal mehr meilenweit am Ball vorbeigesprungen war - und man konnte Carragher das aufgrund der Situationskomik nicht mal wirklich verübeln.

Im Kontrast zu Klopp lehrt Pep Guardiola seinem Team bei Manchester City, den Ball endlos in den eigenen Reihen zu halten. Das Gefühl der totalen Dominanz sorgte in den Vorjahren dafür, dass es City herzlich egal zu sein schien, welche Spieler nun genau die Verteidigung bildeten. Wie soll ein Gegner schon vors eigene Tor kommen, wenn City dauerhaft den Ball hat? Mittlerweile hat sich City allerdings wohl selbst müde gespielt, wodurch die Defizite in der Abwehr ins Gewicht fallen und die Spielkontrolle plötzlich in Gefahr gerät. Die Statistik wies Aufsteiger Leeds mit mehr Ballbesitz, mehr gespielten Pässen und mehr Schüssen aufs Tor aus. "Nach einer Sekunde bin ich nicht in der Lage, das Spiel zu analysieren. Ich muss zunächst verarbeiten, wie das Spiel war", meinte Guardiola.

Eine Debatte über die Spielkultur hat Manchester United nicht am Hals - beim Rekordmeister geht es nach drei Spielen bereits um wesentlich fundamentalere Dinge. Seit dem Abgang des Ewigkeitstrainers Sir Alex Ferguson handelt United als einer der umsatzstärksten Vereine in der Welt vornehmlich nach der Maxime, sich die teuersten Spieler zusammenzukaufen. Über eine Milliarde Euro hat der Klub seit 2013 auf diese Weise in Ablösezahlungen für neue Spieler gesteckt, um nach der höchsten Niederlage in der Premier League (zusammen mit dem 1:6 gegen Stadtrivale City 2011) direkt wieder den Reflex nach abermaligen Zugängen zu bedienen: Am Montag sollen kurz vor Transferschluss als Notnagel noch der vertragslose uruguayische Angreifer Edinson Cavani, zuletzt Paris Saint-Germain, und der brasilianische Linksverteidiger Alex Telles vom FC Porto kommen.

Mourinho kostet den Erfolg genüsslich aus

Das sowieso schon fürchterliche Ergebnis hätte indes noch drastischer ausfallen können. Nach der roten Karte für Anthony Martial wegen Tätlichkeit (28.) hätten in der zweiten Halbzeit genauso Paul Pogba, Eric Bailly und Luke Shaw nach ihren Frustfouls vom Platz gestellt werden müssen. Vermutlich wäre es für United sogar erträglicher gewesen, wenn die Partie vorzeitig mangels eigener Spieler auf dem Rasen abgebrochen worden wäre. "Das war nur peinlich. Ich halte meine Hände hoch, weil ich dafür verantwortlich bin", sagte United-Coach Ole-Gunnar Solskjaer: "Es ist mein schlimmster Tag!"

Vor knapp einem Jahr tätschelte Solskjaer nach Uniteds 2:1 über Tottenham triumphierend den Kopf seines Trainervorgängers José Mourinho - jetzt fiel ihm diese Maßlosigkeit auf die Füße. Nach seiner unschönen Freistellung bei United im Dezember 2018 kannte Mourinho mit seinem früheren Klub kein Erbarmen und ließ seine Spieler immer weiter aufs nächste Tor spielen. "Das ist Geschichte für Tottenham, Geschichte für meine Spieler und ich kann auch nicht verhehlen, dass es Geschichte für mich ist", kostete Mourinho den Erfolg genüsslich aus.

Die Verwirbelungen des vierten Spieltags in der Premier League weisen bei United nun ein Torverhältnis von -6 auf, City steht bei -1, beide Klubs befinden sich mit einem Spiel weniger in der unteren Tabellenhälfte. Mit neun Punkten und 11:11 Toren ist der FC Liverpool hinter Spitzenreiter Everton auf Platz fünf zurückgefallen. Von sich aus ging Klopp in seiner Analyse auf Ex-Profi Roy Keane ein, der in der Vorwoche Liverpools Leistung beim 3:1 über Arsenal als "nachlässig" deklarierte. "Heute waren wir nicht nachlässig, sondern einfach schlecht. Das müssen wir zugeben", fand Klopp - und räumte damit indirekt ein, dass Keane mit seiner Einschätzung, die er zuvor heftig kritisiert hatte, so verkehrt nicht gelegen haben kann.

© SZ.de/chge

Jürgen Klopp im Zoff mit Roy Keane
:"Habe ich das richtig gehört?"

Der FC Liverpool siegt 3:1 gegen Arsenal - doch Trainer Jürgen Klopp ist in Rage: Er streitet sich nach dem Spiel mit dem TV-Experten Roy Keane.

Von Jonas Beckenkamp

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