Fußball in England:Barbarei und Dekadenz in der Premier League

Lesezeit: 2 min

Fußball in England: Hat sehr amerikanische Ideen für einen sehr englischen Sport: Chelsea-Besitzer Todd Boehly findet ein Allstar-Game für die Premier League gut.

Hat sehr amerikanische Ideen für einen sehr englischen Sport: Chelsea-Besitzer Todd Boehly findet ein Allstar-Game für die Premier League gut.

(Foto: Carlos Jasso/AFP)

Der neue Chelsea-Besitzer Todd Boehly regt an, nach US-Vorbild ein All-Star-Game in der Premier League zu veranstalten. Jürgen Klopp antwortet angemessen.

Kommentar von Philipp Selldorf

Die seltsamen Denk- und Verhaltensweisen ihrer amerikanischen Mitmenschen beschäftigten schon im 19. Jahrhundert die Londoner Gentlemen, wenn sie in ihren Klubs bei Roastbeef und Yorkshire Pudding zum Lunch zusammenkamen. Das Unwohlsein über die ungehobelten Eindringlinge aus der Neuen Welt fasste wie so oft der Dichter Oscar Wilde in die passenden Worte. Grob übersetzt stellte er fest, Amerika sei "das einzige Land, das aus der Barbarei in die Dekadenz verfallen ist, ohne zwischendurch eine Zivilisation gebildet zu haben".

Vermutlich wäre es ein wenig übertrieben, die Entlassung von Thomas Tuchel beim FC Chelsea als Barbarei zu bezeichnen, er selbst würde da allerdings nicht widersprechen, und dass eine amerikanische Handschrift hinter seiner rüden Vertreibung steckte, das steht außer Zweifel, nachdem im Sommer die US-Geschäftsleute Todd Boehly und Behdad Eghbali den Klub aus dem Londoner Westen übernommen haben.

Das Merkmal der Dekadenz darf man in dem Zusammenhang ebenfalls als erfüllt ansehen, da sich die neuen Eigner die Abfindung des ohne Not entfernten Trainers Tuchel circa 15 Millionen Euro kosten lassen und die Anwerbung des Nachfolgers Graham Potter sogar noch einige Millionen Euro mehr. Die Entschlussfreudigkeit beim Geldausgeben zeigt an, dass es den Männern aus Übersee gleichzeitig nichts und alles bedeutet.

Ein All-Star-Game in der Premier League? Jürgen Klopp hat die passende Antwort

Zweifel an der Kultur der neuen Herren beim FC Chelsea waren in eingeweihten Kreisen schon seit längerer Zeit aufgekommen. Vor ein paar Wochen sollen die Sportunternehmer Boehly und Eghbali, in den USA im Baseball und im Basketball engagiert, Tuchel eine 4-4-3-Feldformation vorgeschlagen haben - nach ihrer Rechnung stehen nämlich zwölf Freunde beim Fußball auf dem Platz. Als selbsternannte Sportdirektoren des FC Chelsea haben sie dem Vernehmen nach noch weitere Initiativen ergriffen, die für Unternehmungslust sprachen, nicht aber für Sachkenntnis in der Führung eines Fußballvereins.

FC Chelsea: Todd Boehly (re.) in einem Gespräch

Todd Boehly, neuer Chelsea-Besitzer (re.), hat zum Start seiner Amtszeit prompt ein paar Ideen.

(Foto: ADRIAN DENNIS/AFP)

Nun hat Todd Boehly angeregt, nach US-Vorbild ein All-Star-Game in den Kalender der Premier League aufzunehmen, in dem die besten Spieler aus den Klubs des Nordens gegen die besten Spieler aus den Klubs des Südens spielen. Zweck der brillanten Idee: Mehr Geld zu erwirtschaften. Vielleicht, damit man es in noch höhere Abfindungen stecken kann.

Profis des FC Everton und des FC Liverpool oder von Tottenham und Arsenal in eine gemeinsame Elf zu stecken, das hätten aber schon vor 100 Jahren die Gentlemen als Verstoß gegen die Zivilisation angesehen. Nun übernahm es ein Deutscher, Boehlys Vorschlag angemessen zu beantworten. "Will er auch noch die Harlem Globetrotters mitbringen und gegen ein Fußballteam spielen lassen?", erwiderte Jürgen Klopp im Namen des alten Europa.

Zur SZ-Startseite

MeinungTrainerentlassungen im Fußball
:Wer wartet, verliert

Trennungen wie jene von Thomas Tuchel zeigen: Die von Investoren geführten Vereine orientieren sich an anderen Dingen - sie sehen ein Produkt, das nicht an Wert verlieren darf.

Lesen Sie mehr zum Thema