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Premier League:Affäre mit pikanter Note

Die Affäre hat eine vertraute Note. Wie in der Betrugssystematik um die russische Leichtathletik, in der die nationale Anti- Doping-Agentur Rusada eine Schlüsselrolle hat, gerät jetzt die Ukad in den Ruch, auf der falschen Seite gespielt zu haben.

Denn angestoßen hatte die Recherche ein des Dopings überführter Athlet, der sich zunächst, im Frühjahr 2014, der Ukad als Whistleblower angeboten hatte. Er plauderte über Bonars Praktiken und soll dessen Rezepte für Testosteronpräparate, das Wachstumshormon Genotropin und Epo-Blutdopingmittel vorgelegt haben. Mit der Kooperation wollte der Informant die Reduzierung seiner Sperre erwirken.

Der Gynäkologe Mark Bonar, 38, arbeitet in einer Londoner Privatklinik. Laut Medienberichten soll er Spitzensportler mit verbotenen Mitteln versorgt haben.

(Foto: Cavendish Press)

Aber das Ansinnen verfing nicht. Anfang Januar 2015 teilte ihm die Ukad mit, sie sehe "keine Basis für weitere Maßnahmen" oder gar für ein Vorgehen gegen den Arzt. Die Sperre des Whistleblowers blieb bestehen - und der wandte sich nun an die Medien. In den folgenden Monaten wurde, mit als Managern getarnten Journalisten und einem als Lockvogel agierenden Spitzensportler, Bonars Wirken ausgeforscht.

Ukad pries am Sonntag zerknirscht die Enthüllungsleistung der Medien. Doch ihr selbst hätten die von dem Informanten vorgelegten Beweise nicht ausgereicht, um ein verbotenes Handeln des Arztes festzustellen. "UKAD erhielt im Oktober 2014 handgeschriebene Rezepte des Sportlers. Er behauptete, dass sie von Bonar ausgestellt seien", hieß es. Nach Prüfung durch einen unabhängigen Sachverständigen sei beschlossen worden, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Allerdings räumt Ukad auch selbst Versäumnisse ein: So sei die Ärztekammer trotz der konkreten Vorwürfe nie informiert worden. Auch heißt es, Bonar sei in England nicht ärztlich lizensiert. Die Enthüllungen stellen auch die Ernsthaftigkeit der bisher als vorbildlich gefeierten britischen Betrugsbekämpfung in Frage. Zwar hatte Ukad nicht verhindern können, dass beim Heimspiel bei den Sommerspielen 2012 in London zahlreiche Doper Medaillen abräumten. Trotzdem übertrug ihr die Wada nach Aufdeckung des weitflächigen Dopings in Russland die Planung der Tests der russischen Athleten. Das IOC bat die Briten sogar, weltweit alle Tests vor Olympia in Rio zu koordinieren. Nun häufen sich die Zweifel an der Anti-Doping-Politik auf der Insel. Schon in der Russland-Affäre gab der schottische Wada-Präsident Craig Reedie eine schwache Figur ab, ebenso sein Amtskollege an der Spitze des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, Englands Sportikone Sebastian Coe.

Die Affäre Bonar weist bemerkenswerte Parallelen zu den Dopingfällen um den Kollegen Eufemiano Fuentes auf. Wie der spanische Blutpfuscher ist Bonar ausgebildeter Gynäkologe. Und wie im spanischen Skandal 2006, gerät nun erneut die Spitze der Fußball- und Radsportwelt in den Fokus. Bonar soll im Video über seine angebliche Velo-Klientel geschwärmt haben: "Wie einer von denen bei der Tour die Steigungen bewältigt hat, das war unglaublich!"

Ungeachtet der Affäre Bonar gilt in der Fachwelt als offenes Geheimnis, dass Doping im Spitzenfußball weit verbreiteter ist, als es die Ergebnisse der spärlichen, in der Regel vorhersehbaren und grundsätzlich ohnehin wenig effektiven Dopingkontrollen besagen. Erst im November 2015 hatte Arsène Wenger, langjähriger Coach des FC Arsenal, seine Verdachtsmomente wiederholt. Der französischen Sportgazette L'Équipe sagte er, sein Klub habe "schon viele Male gegen Teams" spielen müssen, die wohl gedopt gewesen seien. Auch zuvor hatte Wenger Doping als ernsthaftes Problem im Profigeschäft beschrieben - und 2013 erklärt, der Fußball sei "voller Legenden, die in Wahrheit Betrug sind". Damals rief er die Europa- Union Uefa zu verstärkten Kontrollen auf.

Doch abseits alibihafter Tests ignoriert die Branche das Problem bisher. Enthüllungen von Ex-Profis, die in ihren Biografien detailliert Dopingpraktiken in den Glanzzeiten ihrer Klubs und Nationalteams beschrieben, blieben ebenso folgenlos wie die Schlüsse aus wissenschaftlichen Blut- und Testosteronstudien, die seit 2008 stattfinden. So hielten zum Beispiel die Experten, die bei der WM 2014 in Brasilien die Spieler untersuchten, fest, dass ihre Erkenntnisse im Widerspruch zu Blutmessungen bei der EM 2008 stünden. Doch harte Verdachtsmomente wie diese blieben bisher ohne jedes Echo.

© SZ vom 04.04.2016
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