Premier League Doping in England: "Jahrelang. So ziemlich in jedem Sport"

Doping in Großbritannien - die Anzeichen verdichten sich.

(Foto: dpa)

Ein Arzt soll etwa 150 Top-Athleten mit Dopingmitteln versorgt haben - auch Premier-League-Fußballer vom FC Chelsea und Leicester City. Die Klubs dementieren aufs Heftigste.

Von Thomas Kistner

Die nächste Sportart, derselbe Betrugsverdacht. Diesmal ist es jedoch der Fußball, die globale Königsdisziplin, die von massiven Dopingenthüllungen erschüttert wird. Und diesmal spielt die Affäre nicht wieder in den olympischen Weiten Russlands, Asiens oder Afrikas, sondern angeblich in der renommiertesten Liga der Welt: in Englands Premier League. Zwei Monate vor Beginn der Fußball-EM nähren Recherchen der ARD und der britischen Zeitung Sunday Times den Verdacht, dass ein Londoner Arzt über die vergangenen sechs Jahre rund 150 Top-Athleten mit Dopingmitteln versorgt haben soll.

Zum Klientenkreis des englischen Mediziners Mark Bonar sollen den Berichten zufolge Profifußballer des FC Arsenal, des FC Chelsea sowie des seit Monaten die Fachwelt verblüffenden Tabellenführers Leicester City zählen. Und auch andere Athleten sollen den Arzt frequentiert haben, darunter Teilnehmer der Tour de France, Boxer, Tennis- und Cricketspieler, Bodybuilder und sogar professionelle Tänzer einer beliebten Fernsehshow.

Die Reporter von Sunday Times und ARD griffen bei ihren Recherchen auf das Instrument der versteckten Kamera zurück. In dem Beitrag, der Sonntagabend in der ARD-Sportschau gezeigt wurde, berichtete der Arzt den Undercover-Journalisten über Monate hinweg von seinem ausufernden, diskreten Dopingbetrieb. "Natürlich sind einige der Behandlungen, die ich mache, im Profisport verboten", wird Bonar wiedergegeben, aber er habe das ja "schon mit vielen Sportlern gemacht.

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Der englische Überraschungs-Tabellenführer hat bereits sieben Punkte Vorsprung. Auch Chelsea und Arsenal gewinnen - Bayern-Gegner Benfica Lissabon siegt 5:1.

Jahrelang. So ziemlich aus jedem Sport". Alle drei Erstligisten wiesen die Dopingvorwürfe strikt zurück. "Die Anschuldigungen sind falsch und entbehren jeder Grundlage", teilte der FC Chelsea mit. Niemals habe der Klub Bonars Dienste bemüht; man habe auch keinerlei Kenntnis davon, dass Chelsea-Profis von ihm behandelt worden seien. Auch der FC Arsenal, Arbeitgeber der deutschen Weltmeister Mesut Özil und Per Mertesacker, versicherte, man halte sich vollständig an die Anti-Doping-Regeln.

Den Dementis der Vereine stehen Bonars im Film festgehaltene Aussagen gegenüber, dass er mit englischen und ausländischen Profis gearbeitet habe. "Auch mit einem ganz Großen", wird der Arzt zitiert, "dem habe ich Epo, Testosteron und Wachstumshormone gegeben." Auch hält er fest: "Fußballer werden sowieso kaum getestet. Ältere Spieler über 30 müssen was machen, die können mit jungen Spielern um die 18 sonst gar nicht mithalten."

Zweifel am Wahrheitsgehalt der Enthüllungen zerstreut Bonar sogar selbst. Zwar bestritt der Arzt Doping in der Sunday Times, aber nicht, dass er Athleten betreut habe: "Die Tatsache, dass einige meiner Patienten Profisportler sind, ist irrelevant. Wenn sie Symptome von Blutmängeln aufweisen, behandele ich sie. Sie sind sich der Risiken dieser Medikamente im Profisport voll bewusst und es ist ihre Verantwortung, die Anti-Doping-Regeln zu erfüllen."

Zitate

"Spieler über 30 müssen was machen, die können mit den jungen Spielern um die 18 sonst gar nicht mithalten."

Mark Bonar, dem von "Sunday Times" und ARD Doping vorgeworfen wird, zu Undercover-Reportern

"Es ist sehr beängstigend für mich zu sehen, wie ein Mediziner ein solches Verhalten an den Tag legt."

Olivier Niggli, designierter Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)

Die Reporter hatten ihr Material vorab Oliver Niggli, dem künftigen Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, sowie britischen Politikern gezeigt. Niggli reagierte entgeistert: "Es ist sehr beängstigend zu sehen, wie ein Mediziner so ein Verhalten an den Tag legt." Der britische Kulturminister John Whittingdale ordnete, "geschockt und zutiefst besorgt", eine Untersuchung der Vorwürfe an - gegen die britische Anti-Doping-Agentur (Ukad), die durch die Affäre massiv unter Druck gerät. Am Sonntag teilte der britische Parlamentarier und Sportpolitiker Damian Collins der SZ mit, nun müsse eine "sehr ernsthafte Ermittlung" herausfinden, ob die Ukad "von der Arbeit des speziellen Doktors wusste und es unterließ, zu handeln".

Minister Whittingdale denkt außerdem über Gesetzesverschärfungen nach.