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Deutsche Fußballer in Premier League:Als der "Diver" die Insel eroberte

Deutsche Fußballer in England, das hat Tradition: Kai Havertz könnte der nächste sein. Eine Auswahl deutscher Kicker, die ihre Spuren auf englischem Rasen hinterlassen haben.

Von Tim Brack

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Deutsche Spieler in der Premier League

Bert Trautmann City goalkeeper makes a fine save 1955 FA Cup Final at Wembley on 07 05 1955 Manc; Bernd Trautmann, Torhüter, Manchester City, Premier League

Quelle: imago/Colorsport

Die Geschichte der deutschen Spieler im englischen Fußball ist fast so lang wie die Rivalität dieser beiden Fußballnationen. Bert Trautmann (im Bild) ebnete nach dem Zweiten Weltkrieg als Torhüter bei Manchester City den Weg (er gewann das Pokalfinale trotz eines gebrochenen Genicks und wurde von der Queen mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet). Im moderneren Fußball ist die englische Premier League in vielerlei Hinsicht das Maß der Dinge - und damit der Sehnsuchtsort der besten Fußballer der Welt. Auch aus Deutschland haben sich einige Mutige auf den Weg in dieses umkämpfte Biotop gemacht, das es in dieser Form seit 1992 gibt. Kai Havertz könnte der erste Deutsche sein, für den eine Ablöse von 100 Millionen Euro bezahlt wird. Eine Auswahl der deutschen Fußballer in der Premier League.

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Dietmar Hamann

Dietmar Hamann (Liverpool) verwandelt seinen Elfmeter gegen Torwart Dida (Milan), die Fotografen stehen dichtgedrängt h; Dietmar Hamann, FC Liverpool

Quelle: imago images/Ulmer

Darf inoffiziell als deutsch-englischer Fußballbotschafter bezeichnet werden. Ist eng mit dem Mythos FC Liverpool verwoben, wo er zwischen 1999 und 2006 aufläuft. Mit dem Klub gewinnt er 2005 im Endspiel in Istanbul nach 0:3-Rückstand noch dramatisch die Champions League im Elfmeterschießen. Hamann tritt den ersten Versuch mit gebrochenem Fuß - und verwandelt. Vor seiner Station in Liverpool läuft er ein Jahr lang für Newcastle United auf. Insgesamt bringt er es auf 268 Spiele in der Premier League, nur ein Deutscher hat mehr angehäuft. Hat auch in der deutsch-englischen Beziehung einen besonderen Moment hinterlassen: Schießt im Trikot der Nationalmannschaft das letzte Tor im altehrwürdigen Wembley-Stadion vor dessen Abriss. Mit einem Freistoß-Treffer aus großer Distanz schickt er das Stadion auf die letzte Reise.

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Michael Ballack

Chelsea's Michael Ballack screams at referee Tom Henning Ovrebo after a possible handball by Barcelona during their Champions League second leg semi-final soccer match at Stamford Bridge in London

Quelle: Reuters

Ist seinerzeit das Alphatier des deutschen Fußballs und spielt beim deutschen Alphaklub, dem FC Bayern. Folgt 2006 den Verlockungen des neureichen Londoner Vereins FC Chelsea, wo der Oligarch Roman Abramowitsch fürstliche Gehälter aushändigt. Zum Abschied ruft Uli Hoeneß Ballack deswegen hinterher: "Es war immer klar, dass es Michael nicht darum ging, eine neue Sprache oder eine neue Kultur kennenzulernen, sondern eine neue Währung." In London wächst aber nicht nur Ballacks Konto, sondern auch seine Titelsammlung: Er wird Meister und dreimal Pokalsieger. Passt mit seinem breiten Kreuz sehr gut in die bullige Chelsea-Elf und macht sich einen Ruf für kraftvoll geschossene Elfmeter.

Der Auftritt, der den Anhängern des FC Chelsea womöglich am besten im Gedächtnis ist, hat Ballack an einem Champions-League-Abend. Im Halbfinal-Rückspiel der Saison 2009 gegen den FC Barcelona nimmt er Schiedsrichter Tom Henning Ovrebo nach einem versagten Elfmeter in Manndeckung, verfolgt ihn über den halben Platz, brüllt, wedelt mit den Armen, fordert, nörgelt. Seinen Traum vom Gewinn der Champions League kann sich Ballack auch mit dem FC Chelsea, dem er während seiner vier Jahre in England die Treue hält, nicht erfüllen.

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Mesut Özil

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Quelle: AP

Vereint vielleicht so viel Gefühl in seinem Fuß wie es all seine deutschen Vorgänger in der Premier League zusammen besaßen. Hat mit 33 Toren die meisten geschossen und legte seinen Mitspielern in einer Saison mal 19 Treffer auf, mehr hat in der Premier-League-Geschichte in einer Spielzeit nur Arsenal-Legende Thierry Henry geschafft (20). Die Feinfüßigen haben es in der rauen englischen Luft aber manchmal nicht einfach. Wer nicht rennt bis zum Umfallen, grätscht bis der Gegner umfällt oder laut motzt (sieh Ballack) muss gerne mal Diskussionen über sich ergehen lassen. Aber Özil ist halt keiner, der Fußball kämpft, er ist sensibler Komponist. In England trifft er nicht immer den Geschmack der Fans, hinterlässt deswegen (unangemessene) Zweifel an seiner Schaffenskraft. Wird dieses Bild wohl nicht mehr ändern können. Offiziell spielt Özil zwar noch, doch man bekommt ihn immer seltener auf dem Platz zu sehen.

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Uwe Rösler

Fuï¬'ball/ENGLAND/

Quelle: picture-alliance / dpa

Ist zwar nicht der erste Deutsche, der auf einem Premier-League-Rasen spielt - dieser Eintrag ist Matthias Breitkreutz durch eine Einwechslung im Winter 1992 vorbehalten - dafür darf er das erste "deutsche" Tor in der englischen Spitzenliga sein Erbe nennen. 1994 führt der Mittelstürmer die Treffer-Premiere im Trikot von Manchester City auf. Rösler lässt in 101 weiteren Partien 28 Tore folgen. Im englischen Pokal schießt er einmal vier Tore in einem Spiel. Später folgen Spieler wie Ilkay Gündogan und Leroy Sané seinen Spuren nach Manchester. Rösler hält City auch nach dem Abstieg die Treue; die Fans widmen ihm mit ihrem schwarzen Humor ein T-Shirt, auf dem steht, sein Großvater habe Old Trafford - die Spielstätte von Stadtrivale Manchester United - bombardiert.

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Jürgen Klinsmann

Jürgen Klinsmann Diver Tottenham

Quelle: imago

Genauso oft wie Rösler ist auch Jürgen Klinsmann in der Premier League erfolgreich. Der Schwabe braucht für seine 29 Treffer allerdings nur 56 Spiele, die er ausschließlich im Trikot von Tottenham bestreitet. Er ist extrem populär. Doch zunächst schlägt ihm viel Skepsis auf der Insel entgegen. Er ist als Schwalbenkönig verschrien, die übelste Sünde für die hartgesottenen Engländer. Klinsmann begegnet den Ressentiments mit Humor: Sein erstes Tor bejubelt er mit dem "Diver". Eine schlagfertige Reaktion, die sich ins kollektive Gedächtnis der englischen Fans einprägt.

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Bastian Schweinsteiger

Louis van Gaal, Bastian Schweinsteiger

Quelle: Ted S. Warren/AP

Kommt bei Manchester United noch einmal mit seinem einstigen Mentor Louis van Gaal zusammen. Die beiden kennen sich aus Bayern-Zeiten, Schweinsteiger weiß auch, wie man die Fans umgarnt. Kurz nach seiner Verpflichtung sagt der 30-Jährige: "Bayern München ist ein großer Klub, aber Manchester United ist größer." Darf unter van Gaal als erster Deutscher in der ersten Mannschaft des Traditionsvereins auflaufen. Kommt auf 18 Einsätze, dann übernimmt José Mourinho, der Schweinsteiger kompromisslos aussortiert und in die Reservemannschaft versetzt. Der Weltmeister erträgt die Demütigung mit viel Würde und ohne großes Murren, was ihm den Respekt der Fans einbringt (und später eine Entschuldigung von Mourinho). Hinterlässt in England den Eindruck eines perfekten Gentlemans.

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Jens Lehmann

Arsenal's goalkeeper Lehmann makes save during training session at London Colney in southern England

Quelle: REUTERS

Ist für immer Teil einer legendären Saison: Gleich in seinem ersten Jahr in England gewinnt Lehmann die Meisterschaft mit Arsenal ohne eine einzige Niederlage - dieses Kunststück gelingt erstmals in der Geschichte der Premier League und erst zum zweiten Mal in der Geschichte der höchsten englischen Liga. Die Arsenal-Mannschaft geht als Invincibles in die Geschichte ein. Lehmann hat großen Anteil daran, ist aber aufgrund seines draufgängerischen Stils nicht unumstritten. In den folgend Spielzeiten muss er seinen Status als Nummer eins immer wieder verteidigen, was ihm nicht immer, aber meistens gelingt. Ganz oder gar nicht heißt es auch 2006 in der Champions League. Erst führte Lehmann Arsenal mit grandiosen Leistungen ins Finale, wo er dann mit einer frühen roten Karte den Spielverlauf entscheidend zu Ungunsten Arsenals beeinflusst.

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Per Mertesacker

Arsenal FC v FC Bayern Munchen - UEFA Champions League

Quelle: Getty Images

Der lange deutsche Schlacks hat anfangs Schwierigkeiten, sich in der rasanten Premier League zurechtzufinden, bleibt seinem Spielstil bei Arsenal London aber treu und gewinnt fix die Herzen der Fans. Sie verpassen ihm den Spitznamen BFG, angelehnt an das Kinderbuch "Big Friendly Giant" von Roald Dahl. Das Stadion ist kein Kindergarten, die Fans singen lieber "Big Fucking German", was unbedingt als Huldigung verstanden werden muss. Auch in der Gunst der Trainer steigt Mertesacker schnell, er wird Stammspieler, Kapitän und drei Mal Pokalsieger - einmal zusammen mit Lukas Podolski. In London mögen sie ihren freundlichen Riesen so sehr, dass sie ihm nach dem Karriereende als Leiter er Jugendakademie einsetzen.

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Robert Huth

Leicester City v Everton - Premier League; Huth

Quelle: Getty Images

Wagt schon als 16-Jähriger den Schritt nach England und tritt deswegen lange nicht ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Von Berlin geht es für den Innenverteidiger nach London, zum FC Chelsea. Er ist nicht der glanzvollste Spieler, der sofort in den Sinn kommt, wenn man an die deutschen Legionäre in der Premier League denkt. Aber Huth ist beständig - und erfolgreich. Der Mann mit dem Schädel für Kopfballtore bestreitet 322 Spiel in der Premier League. Kein Deutscher hat annähernd so viele vorzuweisen. Mit Chelsea gewinnt er zweimal als Nebendarsteller die Meisterschaft (2005 und 2006). Bei Leicester ist er zehn Jahre später Hauptdarsteller, als der Titel-Coup des Außenseiters gelingt.

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Thomas Hitzlsperger

Nationalspieler Hitzlsperger wechselt zum VfB Stuttgart

Quelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wie Huth wählt Hitzlsperger schon früh den Schritt nach England. Als 18-Jähriger wechselt er aus Bayerns Jugend zu Aston Villa. In der Premier League angekommen entlockt er den TV-Kommentatoren schon bald die schönsten Ausrufe mit seinen kraftvollen Distanzschüssen. "What a screamer", rufen sie ins Mikrofon, wenn der Mittelfelspieler mit seinem linken Fuß die Bälle ins Tor drischt. Hitzlsperger wird zum Fanliebling. Spitzname: The Hammer. Auf 117 Einsätze bringt er es in der obersten englischen Spieklasse, dann geht es nach Stuttgart, wo er seine Schussfertigkeiten zum Gewinn der Meisterschaft einsetzt. Gegen Cottbus: Ecke, Volley, Tor, what a screamer.

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Steffen Freund

LEEDS UNITED - TOTTENHAM HOTSPURS

Quelle: DPA/DPAWEB

Ein Tor gelingt dem defensiven Mittelfeldspieler (rechts im Bild) in seinen fünf Jahren bei Tottenham Hotspur nicht, auch fällt er nicht als großer Spielgestalter auf. In London lieben ihn die Anhänger trotzdem, weil er Herz ins Spiel bringt. Die Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, Freund ist nah dran an den Fans. Einmal, als er ein Derby gegen Arsenal aufgrund einer Sperre verpasst, sitzt er angeblich im Publikum und feuert zusammen mit den Anhängern seine Mannschaft an. Auch nach seinem Karriereende gibt er sich Fan-nah. 2005 mischt er sich im Auswärtsspiel gegen Manchester United unter die mitgereisten Anhänger. Dabei trägt er sein eigenes Trikot vom League-Cup-Finale 1999. Man muss eben nicht immer der Beste sein, um in Erinnerung zu bleiben.

© SZ.de/ska

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