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Debatte um die Premier League:"Wann sollen wir denn dann die Partien nachholen?"

Premier League - Manchester United v Wolverhampton Wanderers

Lehnt eine Saison-Unterbrechung ab: Manchester Uniteds Trainer Ole Gunnar Solskjaer (r.).

(Foto: MICHAEL REGAN/Pool via REUTERS)

Die nächste Spielabsage und sechs Corona-Fälle bei ManCity: Die Premier League erfasst eine Debatte, ob die Saison eine Zeit lang ausgesetzt werden muss. Die Trainer mehrerer Spitzen-Teams positionieren sich deutlich dagegen.

Von Sven Haist

Am Samstag vermeldete die Premier League die Absage des für Sonntag angesetzten Spiels zwischen Burnley und Fulham - wegen zu vieler Spieler und Betreuer bei Fulham, die positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. An den unteren Absätzen der Erklärung ließ sich Routine ablesen, man hatte ja nicht zum ersten Mal in dieser Saison einen Spielausfall bekanntzugeben. Wie bei den in der Vorwoche gestrichenen Partien (Everton - Manchester City; Tottenham - Fulham) verwendete sie dieselbe Formulierung: Angesichts "einer geringen Anzahl positiver Tests bei der überwältigenden Mehrheit der Klubs" habe man weiterhin "volles Vertrauen" in die Austragung der Spiele. Den Erkrankten wünschte die Liga eine "sichere und schnelle Genesung".

Mit dem Verweis auf die Fortsetzung der Saison ist die Premier League bemüht, die rasant an Fahrt aufgenommene Debatte einzufangen, ob die Saison eine Zeit lang ausgesetzt werden muss. Aufgrund der steigenden Infektionszahlen in England hatte Sam Allardyce, neuer Trainer des Tabellenvorletzten West Bromwich, im Nachgang des 0:5 gegen Leeds am Dienstag einen "Circuit Breaker" gefordert: eine zweiwöchige Unterbrechung. Er sei 66 Jahre alt, und das Letzte, was er wolle, sei Corona zu bekommen, so Allardyce; daher sei er "sehr besorgt" um den Fußball: "Die Sicherheit ist wichtiger als alles andere." Tags darauf antwortete die Premier League in einem Schreiben, weder über eine Pause diskutiert zu haben noch eine zu planen.

Auslöser für Allardyces Vorpreschen waren mitunter die zuvor veröffentlichten Ergebnisse der Corona-Testreihe nach Weihnachten. Bei 1479 überprüften Spielern und Klubmitarbeitern fanden sich 18 Positivfälle, die meisten in dieser Spielzeit. In den vier englischen Profiligen mussten allein im Dezember 31 Spiele verlegt werden. Die New York Times schrieb, die Premier League habe zwar einen Spielkalender, aber vor allem benötige sie einen Plan.

Vor der dritten Runde des FA-Cups am nächsten Wochenende, in der etliche klassentiefere Klubs vertreten sind, besteht die Gefahr weiterer Verlegungen. Die 72 Profiklubs unterhalb der Premier League haben in ihren Ligen bisher an keinem regelmäßigen Testprogramm teilgenommen. Die Kosten für das Verfahren (circa 4000 Pfund pro Testreihe) stellen eine erhebliche Bürde dar. Im Ligapokal kam Tottenham im September sogar kampflos weiter, weil sich mehrere Spieler des Viertligisten Lleyton Orient das Coronavirus eingefangen hatten - und der Wettbewerb eine Woche später schon mit dem Achtelfinale weiterging.

Der Wettbewerb könne weiterlaufen, findet Liverpools Meistercoach Jürgen Klopp

Mit dem Ruf nach einer Pause hat Allardyce - der am Samstag nach West Broms 0:4 im Duell mit Arsenal darauf verzichtete, sein Verlangen zu erneuern - die Meinungen auf der Insel gespalten. Neben der Zustimmung früherer Weggefährten weist die Mehrheit, vor allem die im Europapokal vertretenen Spitzenklubs, den Einwand rigide zurück. Der Wettbewerb könne weiterlaufen, findet Liverpools Meistercoach Jürgen Klopp, man sei in diesem Fall "kein Teil der Gesellschaft", weil man sich praktisch abkapseln würde. Trainerkollege Ole Gunnar Solskjaer von Manchester United sieht es ähnlich: "Ich kann den Nutzen eines Spielstopps nicht erkennen - wann sollen wir denn dann die Partien nachholen?" Eine Verlängerung der Saison wäre schwerlich umsetzbar, da für Juni bereits die EM terminiert ist - und Nachholspiele unter der Woche wären kaum in Einklang zu bringen mit den Ansetzungen der nationalen und internationalen Pokalwettbewerbe.

Monatelang suchte die Premier League zuletzt nach einem Termin für zwei am ersten Spieltag verlegte Partien, die nun im Januar stattfinden sollen. Und Tottenham musste im Herbst bereits vier Spiele in acht Tagen bestreiten. Falls wieder "irgendein Einstein" mit einer solchen Idee um die Ecke käme, warnte Tottenham-Coach José Mourinho, könne man das nicht akzeptieren.

Unstrittig ist jedenfalls, dass selbst in der Premier League zunehmend Vereine mit der höheren Infektionsrate zu kämpfen haben. Nach Einzelfällen zu Saisonbeginn traf das Coronavirus kürzlich Newcastle United am ärgsten: Der Klub musste im Dezember für einige Tage das Trainingsgelände schließen und die Partie gegen Aston Villa verlegen. Mittlerweile sind ebenso Sheffield United und Fulham stark betroffen - sowie Ralph Hasenhüttl, Trainer des FC Southampton, der dem Spiel seines Teams bei West Ham fernblieb, nachdem ein Mitglied seines Haushalts positiv getestet wurde.

Als prominentestes Beispiel gilt Manchester City: Am Sonntagabend trat das Team ohne sechs positiv getestete Spieler, darunter Kyle Walker und Gabriel Jesus, bei Chelsea an - trotzdem siegte City 3:1 (3:0). Mittelfeldspieler Gündogan (18.) traf dabei für Pep Guardiolas ersatzgeschwächte Mannschaft zur frühen Führung. Die Statuten verpflichten die Klubs zum Spielen, solange mindestens 14 Spieler einsatzfähig sind. Die bisherigen Absagen in der Premier League wurden aus Vorsorge getätigt, um kein unnötiges Risiko einzugehen.

Verzwickt macht die Lage, dass sich kaum einsehen lässt, wie viel Eigenverschulden hinter den positiven Tests steckt. In den sozialen Medien macht ein Foto die Runde, das Erik Lamela, Giovanni Lo Celso und Sergio Reguilon (alle Tottenham) sowie Manuel Lanzini (West Ham) mit ihren Familien bei einer Weihnachtsfeier zeigt. Die Vereine äußerten sich "enttäuscht" über das Fehlverhalten. Zudem soll Benjamin Mendy von Manchester City an Silvester ebenso Corona-Regeln missachtet haben wie Luka Milivojevic (Palace) und Aleksandar Mitrovic (Fulham), die beide zu Gast waren bei einer Fete. Ob Mitrovic zu den positiv getesteten Profis gehört, woraus die Spielabsage von Fulham am Samstag resultierte, ist nicht bekannt.

© SZ/chge/klef
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