Premier League:Ein Spiel wie ein Genesungsschreiben

Premier League: Thomas Tuchel und Spieler nach dem 2:2 zwischen dem FC Liverpool und Chelsea London

Alle zufrieden nach dem Abpfiff: Antonio Rüdiger, Mohamed Salah, Thomas Tuchel und Mason Mount (v. l.).

(Foto: Toby Melville/Reuters)

Während Jürgen Klopp mit Corona infiziert das Spiel verpasst, liefern sich Liverpool und Chelsea ein teils spektakuläres 2:2. Vom Gedanken an die Meisterschaft müssen sich beide Klubs aber sehr wahrscheinlich verabschieden.

Von Sven Haist, London

Wirklich etwas zu feiern hatten der FC Chelsea und der FC Liverpool am Sonntagabend natürlich nicht. Nur ein Unentschieden im Spitzenspiel an der Stamford Bridge, und trotzdem war die Laune in beiden Lagern ausgesprochen prächtig. Mit einem teils spektakulären 2:2 (2:2) schossen sich die Klubs regelrecht ins neue Kalenderjahr; die kernige Auseinandersetzung glich einem Genesungsschreiben an Liverpools mit Corona infizierten Trainer Jürgen Klopp, der mit leichten Krankheitssymptomen erstmals eine Partie in seiner fünfjährigen Amtszeit auf der Insel von zu Hause aus verfolgen musste.

Wie kaum ein anderer steht Klopp auf temperamentvollen Fußball, da dürfte er sich an der mitreißenden Darbietung beider Mannschaften erfreut haben, ebenso an den regen Gefühlsausbrüchen der Beteiligten auf und neben dem Platz. Manch einer schien Klopp im Überschwang zu imitieren, am nächsten dran am Original war Klopps ähnlich impulsiver Assistent Pepijn Lijnders, dessen Analyse sich verdächtig nach den typischen Worten seines Chefs anhörte. "Es ist nie langweilig mit uns, eh?", witzelte Lijnders. Selbst Chelseas zuletzt verstimmter deutscher Coach Thomas Tuchel frohlockte ungeachtet des nun vierten Remis im fünften Ligaspiel, dass jeder, der "heute nicht im Stadion" gewesen sei, etwas verpasst hätte.

Premier League: Begabter Klopp-Imitator: Liverpools Co-Trainer Pepijn Lijnders.

Begabter Klopp-Imitator: Liverpools Co-Trainer Pepijn Lijnders.

(Foto: Toby Melville/Reuters)

Meister können beide Klubs in dieser Saison allerdings nun kaum noch werden. Angesichts eines mittlerweile zweistelligen Punkterückstands auf den enteilten Tabellenführer Manchester City (53 Punkte) erübrigen sich für Chelsea (43 Punkte) und Liverpool (42 Punkte plus Nachholspiel) ab sofort Gedanken an den Titelgewinn. Auf die Frage, ob eine Restchance bestehe, bekräftigte Liverpools Abwehrchef Virgil van Dijk, dass Manchester dafür "den Titel" nun schon "verlieren" müsste.

Nach dem Spiel klingt Tuchel einigermaßen versöhnlich, was den Streit mit Lukaku betrifft

Noch im Dezember hatten Klopp und Tuchel in Worten und Taten scheinbar alles darangesetzt, um irgendwie in Schlagdistanz zu City zu bleiben. Die Nerven in London und Liverpool wirkten zuletzt arg strapaziert. Im Januar gilt es nun umso mehr, sich vor den anstehenden Pokalspielen dem Betriebsklima und der Personallage ausführlich zu widmen. Dabei steht insbesondere Tuchel erstmals in seiner Zeit bei Chelsea vor der Herausforderung, es in seinem Erfolgsstreben nicht zu übertreiben.

Im Gegensatz zum Großteil seines bisherigen Wirkens, in dem ihm sein Gespür für die Bedürfnisse der Spieler zu hohem Ansehen verholfen hatte, setzte Tuchel in den Vorwochen vorwiegend aufs immergleiche Startpersonal. Trotz seiner zahlreichen Klagen über Spielerausfälle kamen renommierte Profis wie Hakim Ziyech, Ross Barkley, Saúl Níguez und Malang Sarr kaum mehr zum Einsatz. Im Duell mit Liverpool schöpfte Tuchel nicht mal sein Wechselkontingent aus, obwohl er kürzlich die Müdigkeit seiner Mannschaft anführte und eine Erhöhung der erlaubten Einwechslungen von drei auf fünf forderte. Das offenkundige Misstrauen gegenüber der Qualität mancher Ersatzkräfte könnte ihm die Gefolgschaft einiger Profis erschweren.

Die Situation rund um die geringen Einsatzzeiten des im Herbst am Sprunggelenk verletzten und später an Corona erkrankten Romelu Lukaku, 28, ist bereits eskaliert. Der belgische Torjäger, im Sommer für die Klubrekordablöse von 115 Millionen Euro verpflichtet, kritisierte Tuchel in einem unautorisierten Interview mit Sky Italia relativ offen, indem er dessen Umgang und Taktik rügte sowie eine Rückkehr zu Inter Mailand in den Raum stellte. Die Gesprächspassagen entfachten auf der Insel enormen Wirbel, sodass Tuchel ihn kurzerhand aus dem Kader suspendierte. Allerdings wird sich Chelsea die Strafmaßnahme wohl nicht allzu lange leisten können, weil außer Lukaku gerade eher kein Angreifer verlässlich den Ball ins Netz befördert. Sonst hätten die Blues aufgrund ihrer Spielkontrolle speziell in der zweiten Halbzeit gegen Liverpool mehr Tore erzielen müssen als lediglich die Treffer von Christian Pulisic (42.) und Mateo Kovacic (45.+1), der im Stile einer Tipp-Kick-Figur seinen Schuss aus dem Stand sehenswert in den Winkel platzierte.

Nach dem Spiel klang Tuchel einigermaßen versöhnlich, als er mitteilte, am Montag ein Gespräch mit Lukaku suchen zu wollen. Er habe sich vom Stürmer "nicht persönlich angegriffen" gefühlt, eine direkte Rückkehr in den Kader ließ er jedoch offen. "Wir müssen erst verstehen, was er gesagt hat und warum. Dann werden wir entscheiden, ob er einsatzfähig ist", sagte Tuchel.

Eine Sorge sind Liverpool und Chelsea erstmal los: die Meisterschaft

Vergleichbar angespannt ist die Lage in Liverpool. Analog zur Verletzungsmisere im Vorjahr brechen dem Klub erneut im Winter plötzlich mehrere Schlüsselspieler auf einmal weg. Neben den Corona-Fällen um Torwart Alisson Becker, Innenverteidiger Joel Matip und Angreifer Roberto Firmino muss Liverpool bis mindestens Monatsende auf die am Afrika-Cup teilnehmenden Naby Keita (Guinea), Sadio Mané (Senegal) und Mohamed Salah (Ägypten) verzichten. Im Duell mit Chelsea schlug das Weltklassesturmduo Mané (9.) und Salah (26.) erneut zu und hat dadurch inzwischen knapp die Hälfte der Ligatreffer für Liverpool in dieser Saison erzielt.

Erschwerend kommt für Klopp hinzu, dass seiner Mannschaft oftmals die notwendige Dominanz im Mittelfeld abgeht, auch weil mit dem kürzlich coronakranken und nun an Hüftproblemen laborierenden Thiago der Taktgeber des Teams ständig nicht zur Verfügung steht. Wie Manchester City lag Liverpool in dieser Spielzeit bereits in 17 Ligapartien vorn, allerdings gaben die Reds im Kontrast zum makellosen City fünf Mal einen Vorsprung noch aus der Hand.

In Anbetracht der dringend aufzuarbeitenden Defizite sind Chelsea und Liverpool seit diesem Wochenende zumindest mal eine Sorge los: die Meisterschaft.

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