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Posse in Aserbaidschan:Berti Vogts mit Klopapier bedroht

Zwei Tage vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan soll Nationaltrainer Berti Vogts tätlich angegriffen worden sein.

Daniel Theweleit

Ein gewisses Unbehagen war Berti Vogts anzusehen, als er am Sonntagmorgen hinter einem schmalen Tisch im Tofik-Bachramow-Stadion in Baku Platz nahm. Der deutsche Trainer der Nationalmannschaft von Aserbaidschan war noch nie jemand, dem das Treffen mit Journalisten Freude bereitet. Nun drängelten sich rund 20 Berichterstatter in dem Raum, und einige der Herren waren mächtig verärgert. Denn Aserbaidschan hatte am Freitagabend 1:2 in Kasachstan verloren, gegen ein Team, das bis zu diesem Moment ohne Punkte und ohne Tore auf dem letzten Platz der EM-Qualifikationsgruppe A stand.

Er sei ja auch "enttäuscht über die Einstellung seiner Spieler, die nicht alles gegeben haben", versuchte Vogts zu beschwichtigen. Aber es dauere eben noch "fünf, sechs Jahre", bis Aserbaidschan zumindest "europäisches Mittelmaß" erreichen könne. Für Ausführungen dieser Art hatten die Anwesenden kein offenes Ohr, das wurde schnell klar. Eigentlich wollten sie nur eins hören: "Ich trete zurück." Diesen Satz sagte Vogts aber nicht. "Wie lange wollen Sie noch Trainer in Aserbaidschan bleiben?", fragte jemand. "Um vier Uhr geht eine Maschine über Istanbul nach Deutschland, wenn der Verbandspräsident das möchte, dann werde ich die nehmen", erwiderte Vogts. Als dieser Satz vollständig übersetzt war, applaudierte etwa die Hälfte de Anwesenden.

Als die Pressekonferenz zu Ende war, hatten sich sechs, sieben Berichterstatter in dem Gang vor dem Konferenzraum positioniert und wedelten mit Klopapierrollen, die sich mehr und mehr abwickelten. Auch eine rote Gießkanne wurde geschwenkt, offenbar mangels anderer Gegenstände. Wahrscheinlich wurde Vogts von ein bisschen Klopapier berührt, und aus dieser Situation muss wohl die Geschichte vom tätlichen Angriff entstanden sein, die der Sport-Informations-Dienst am Sonntag nach einem Telefonat mit Vogts verbreitete. Er wolle Anzeige erstatten, sagte Vogts der Agentur, und vielleicht hat er den bizarren Protest tatsächlich als bedrohlich empfunden. Aber Sicherheitskräfte waren definitiv zu keinem Zeitpunkt nötig. Später, als die Krawallmacher davonstapften, lächelte der einstige Bundestrainer jedenfalls schon wieder und versuchte, die beiden anwesenden deutschen Journalisten über die Hintergründe dieser Abneigung aufzuklären. Einige Klubtrainer in der nationalen Liga seien verärgert über seine Forderung, härter und professioneller zu trainieren, erläuterte Vogts, diese Fußball-Lehrer hetzten gegen ihn und kollaborierten mit den Protestlern.

Der 64-Jährige hatte schon immer das Problem, dass seine Qualitäten nur am Rande wahrgenommen werden. Bevor die Situation eskalierte, hatte Vogts erläutert, dass auf sein Betreiben hin "Fußballakademien in Aserbaidschan gegründet worden sind, dass Fußballplätze gebaut werden", und nicht zuletzt hat das Nationalteam mit dem erstaunlichen 1:0 gegen die Türkei in der EM-Qualifikation auch schon einen sportlichen Erfolg hinbekommen. Im Nachhinein sei das eher schädlich gewesen, sagte Vogts. Seither seien die Erwartungen nicht mehr beherrschbar. Immerhin öffnet ihm dieser überraschende Sieg vom letzten Herbst vielleicht eine neue Tür. Denn nach dem 1:1 der Türken in Belgien spekulieren Medien darüber, dass Vogts Guss Hiddink als Trainer ablösen wird. "Dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen", sagte Vogts.

© SZ vom 06.06.2011
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