Portugals 3:0 gegen die Türkei:Größer als die Hagia Sophia

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Torwart Altay Bayindir und Zeki Celik versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist: Sie können das Eigentor durch Samet Akaydin gegen Portugal nicht mehr verhindern. (Foto: Bernadett Szabo/Reuters)

Während die Portugiesen ein Loblied auf die Selbstlosigkeit von Cristiano Ronaldo anstimmen und sich nur über die vielen Flitzer ärgern, reden die Türken jenes Missverständnis klein, das zum bisher kuriosesten Eigentor des Turniers führte.

Von Javier Cáceres, Dortmund

Wenn Leverkusens Meistertrainer Xabi Alonso an eine Sternstunde des Fußballs zurückdenkt, an das heillos verrückte Champions-League-Finale von 2005, dann denkt er vor allem an Istanbul. An die Magie, die der Bosporus verströmt und diese Stadt atmet. Vielleicht hilft ihm diese Magie, das damals Geschehene zu verstehen. Denn so war jenes Finale ja gewesen: unerklärlich. Xabi Alonso holte seinerzeit mit dem FC Liverpool die Trophäe der Königsklasse gegen Milan nach einem 0:3-Pausenrückstand; er selbst traf mit dem ersten Strafstoß seiner Karriere als Profi zum 3:3-Endstand, dem ein siegreiches Elfmeterschießen folgte. Am Samstag fand nun bei der EM ein Spiel zwischen Portugal und der Türkei statt, und dabei gab es derart beispiellose Vorfälle, dass sich die Frage aufdrängte, ob die vielen türkischen Anhänger nicht ein wenig von dieser betörenden Magie ihrer heimatlichen Metropole bis ins Ruhrgebiet getragen hatten. Sie hatten das BVB-Stadion in Dortmund in ein Klein-Istanbul verwandelt – mit einem bösen Ende für ihr Team.

Wie sollte man zum Beispiel erklären, dass sich Portugals Ersatzstürmer Gonçalo Ramos am Samstag beinahe schlimm verletzt hätte, obwohl er keine einzige Minute gespielt hatte – aufgrund einer Grätsche eines Ordners in Signalweste? Der Sicherheitsmann war nach dem 3:0-Sieg Portugals in Ramos’ Beine gerauscht, weil er ausgerutscht war beim Versuch, den insgesamt siebten (!) Flitzer des Abends zu erhaschen. Gäbe es einen Video-Referee für Sicherheitskräfte, so wäre unter Berücksichtigung des Trefferbilds die Frage erörtert worden, ob eine rote Karte wegen Fahrlässigkeit angezeigt gewesen wäre.

Die vielen Flitzer waren auf den Dortmunder Rasen gestürmt, um Fotos mit Portugals Superpromi Cristiano Ronaldo zu machen. Die Portugiesen waren deswegen für ihre Verhältnisse außer sich und stellten sotto voce die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen bei der EM. „Diese Platzstürme sind eine Sorge“, sagte Trainer Roberto Martínez. „Heute hatten wir Glück, weil die (Flitzer) mit guten Absichten kamen“, erklärte er, „aber an einem anderen Tag sind sie es vielleicht nicht. Das sollte nicht passieren.“ Am Sonntag reagierte die Europäische Fußball-Union auf die Geschehnisse vom Vorabend. Der EM-Veranstalter kündigte an, fortan strikter gegen Flitzer vorzugehen: „Zu diesem Zweck werden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, um (...) solche Vorfälle zu verhindern“, teilte die Uefa mit, ohne ins Detail zu gehen.

Jenseits des Flitzer-Ärgers war Roberto Martínez nach dem 15. Sieg in seinem 17. Spiel als Portugals Nationaltrainer nachgerade begeistert. Insbesondere von einer Erkenntnis des Abends, die er sogleich in den Kanon des portugiesischen Fußballs erhoben sehen wollte: vom Altruismus, den sein Kapitän Ronaldo an den Tag gelegt hatte. Dem Stürmer blieb ein eigenes Tor verwehrt, aber niemand konnte in Abrede stellen, dass Ronaldo den Sieg abgerundet hatte, indem er Bruno Fernandes den Ball zum 3:0 quer zugeschoben hatte, obwohl er selbst gute Aussichten auf den Torerfolg hatte. Oder hatte Ronaldo etwa den EM-Vorlagenrekord in Kopf, der ihm nun aufgrund von acht Assists bei sechs EM-Teilnahmen zugeschrieben wird? Martínez jedenfalls empfahl: „Man sollte diese Szene in allen portugiesischen Nachwuchsakademien zeigen!“ Er klang beeindruckt ob der vermeintlichen Einzigartigkeit, die der Verzicht Ronaldos auf den Abschluss dargestellt habe: „Wir haben da etwas ganz Besonderes gesehen.“

Der beglückte Torschütze widersprach der Einmaligkeits-These: Ronaldo sei „schon immer selbstlos gewesen“, betonte Bruno Fernandes. Aber das war eine derart wahrheitsdehnende Behauptung, dass sie kaum jemand unterschrieben hätte, der seit Beginn des Jahrtausends die Karriere Ronaldos verfolgt hat – mit Ausnahme vielleicht von dessen Partnerin Georgina Rodríguez. Die trug am Samstag wie immer auf der Ehrentribüne einige jener Klunker, jener Handy-Sondereditionen und synthetischen Verfeinerungen ihres physischen Erscheinungsbilds zur Schau, die Ronaldo mindestens teilweise großzügig spendiert haben dürfte.

Auch sie sah – so sie nicht gerade Material für ihre Social-Media-Kanäle verfertigte, was sie mithilfe eines Untergebenen während des Spiels sehr fleißig tat – eine insgesamt sehr souveräne Vorstellung der Portugiesen gegen eine leidenschaftliche, aber aufgekratzte türkische Mannschaft, die in ihrer Spielanlage an den Straßenverkehr in Istanbul erinnerte: Es ging alles irgendwie in die geplante Richtung, aber verstehen musste man das alles nicht. Die Portugiesen hingegen fanden die richtigen Momente, um das Spiel schnell zu machen. Zum Beispiel vor dem 1:0, als Rafael Leão und Nuno Mendes über die linke Außenbahn kamen und im Zentrum der türkischen Innenverteidigung hinreichend Verwirrung stifteten, um Bernardo Silva den Abschluss zu ermöglichen (21.).

„Wer ihn spielen sieht, glaubt nicht, dass er 41 Jahre alt ist“, sagte Roberto Martínez über Pepe

Das wirklich Unerklärliche aber trug sich beim 2:0 zu. Denn das Eigentor des Türken Samet Akaydin schrie förmlich danach, auf einen Zustand der Trance, eine Synkope des Bewusstseins oder eine verrutschte Kontaktlinse zurückgeführt zu werden. Akaydin war nicht nur unbedrängt, als er den Ball, den ihm Portugals João Cancelo per Fehlpass überlassen hatte, aus dem Halbfeld auf seinen Torwart Altay Bayindir zurückspielen wollte. Cancelo und Ronaldo waren damit beschäftigt, einander Vorwürfe zu machen, als Akaydin den Ball sanft gen eigene Torlinie schob. Aber dann feixten sie, als sie sahen, wie Akaydin nur noch hilflos zusehen konnte, wie der Ball tatsächlich hinter der Linie landete, weil sein Torwart viel weiter draußen stand als vermutet. Der türkische Nationaltrainer Vincenzo Montella dimmte den skurrilen Vorfall später genauso herunter wie zuvor die Portugiesen das Tempo des Spiels – bis er einen schönen Euphemismus für das Malheur gefunden hatte: „Missverständnis“, sagte Montella. Und ja, das war es auch, nur halt eines, das größer war als die Hagia Sophia.

Was sonst noch an Irrwitzigem in Dortmund zu bestaunen war? Ganz klar: Pepe, 41 Jahre alt – aber immer noch Innenverteidiger und Abwehrchef der Portugiesen. Der gebürtige Brasilianer spielte eine derart monumentale Partie, dass er vom Publikum in der zweiten Halbzeit mit Sprechchören gefeiert wurde und eine Extra-Ovation erntete, als er kurz vor Schluss ausgewechselt wurde. Allein sein perfekt gesetzter Pressschlag aus der ersten Halbzeit, durch den er einen türkischen Konter über Akturkoglu deaktiviert hatte, warf die Frage auf, wieso der FC Porto Pepe soeben aufs Arbeitsamt geschickt hat. „Wer ihn spielen sieht, glaubt nicht, dass er 41 Jahre alt ist“, sagte Trainer Martínez. Doch das war längst nicht die einzige Begebenheit, die einen zweifeln ließ, ob dieses Spiel in Dortmund oder nicht doch in Istanbul stattgefunden hatte.

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