EM:Nicht mal ein Haaland-Imitat hilft Portugal

Portugal v Germany - UEFA Euro 2020: Group F

107 Tore im roten Nationaltrikot, aber am Samstag mindestens zwei zu wenig: Cristiano Ronaldo, Schütze des portugiesischen Führungstreffers gegen Deutschland.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Ronaldo versucht auf seine alten Tage wirklich alles, doch das 2:4 gegen Deutschland verschlechtert die Ausgangslage der Portugiesen. Sie können noch Erster werden - oder aber Letzter.

Von Javier Cáceres

Die 15. Minute war gespielt, und durch die Münchner Arena wehte beim Spiel zwischen Deutschland und Portugal ein Hauch von Erling Haaland. Dem DFB-Team war ein Eckstoß zugesprochen worden. Doch als der Ball im Strafraum landete, stieg Ronaldo hoch und köpfelte den Ball aus dem Strafraum heraus. Ein Haaland-Moment wurde es, weil Ronaldo es dem Norweger von Borussia Dortmund gleichtat. So wie es der Stürmer, dessen norwegisches Team die EM-Qualifikation verfehlte, in der vergangenen Spielzeit gleich mehrmals getan hat, nahm auch Ronaldo nach der Balleroberung im eigenen Strafraum die Beine in die Hand und lief nach vorn.

Einen "olympischen Sprint" sollte das anderntags die Sportzeitung Record nennen, und dafür gab es eine gewisse Rechtfertigung. Denn nach dem fantastischen, langen Pass von Bernardo Silva (Manchester City), den Stürmer Diogo Jota (FC Liverpool) mit großem Geschick unter Kontrolle gebracht hatte, nach handgestoppten 14 Sekunden also war Ronaldo schon im deutschen Strafraum. Nach einem Querpass von Diogo Jota war das zwölfte EM-Tor der Karriere für Ronaldo dann nur noch Formsache. Doch es half nichts: Trotz Ronaldo wurde der Titelverteidiger in München von Joachim Löws Elf mit 4:2 überrollt.

Die Seleção sei in München "mit Rosen aufgetaucht", monierte ebenfalls die Zeitung Record. Insbesondere die Verteidiger Rubén Dias und Raphael Guerreiro erwiesen sich als Kavaliere, sie schossen den Ball ins eigene Tor (35./39.). In der hundertjährigen Geschichte des portugiesischen Verbandes waren zwei Selbsttore in einem einzigen Spiel der Auswahl noch nie vorgekommen. Von den sukzessiven Schocks erholte sich die Mannschaft nicht mehr so richtig. Der zweite Treffer der Portugiesen durch Diogo Jota (67.) kam erst, als das DFB-Team längst durch Kai Havertz und Robin Gosens zwei eigene Treffer erzielt hatte. Durch das 2:4 fiel der Titelverteidiger auf den dritten Tabellenplatz zurück.

Portugal kann noch Gruppenerster werden. Oder Letzter

Die Chancen auf eine Qualifikation für das Achtelfinale hängen nun nicht nur vom Duell mit dem Weltmeister Frankreich in Budapest und dem Parallelspiel Deutschland gegen Ungarn in München ab. Portugal kann nach der Niederlage vom Samstag am Ende noch auf allen vier Plätzen landen, also Gruppenerster oder -vierter werden. Aber immerhin: Die Ausgangslage, um eventuell als einer der vier besten Gruppendritten der EM durchzurutschen, sind wegen des bislang positiven Torverhältnisses nicht die schlechtesten. Sogar eine Niederlage könnte reichen, vorausgesetzt, die Ungarn gewinnen am Mittwoch in München nicht gegen das DFB Team. Einigermaßen beruhigend wirkt auf die Portugiesen der Umstand, dass man schon bei der letzten EM, 2016 in Frankreich, am letzten Gruppenspieltag den Taschenrechner bemühen musste (und sich ungeschlagen qualifizierte). Dem gegenüber steht der Ärger darüber, dass man das alles auch ein wenig einfacher hätte haben können.

Womöglich war das der Grund dafür, dass Trainer Fernando Santos in der telematischen Pressekonferenz für seine Verhältnisse angefressen wirkte. "Wir müssen auf diese Niederlage antworten", sagte er. Doch er gab auch, und das recht deutlich, zu erkennen, dass er fürchtet, seiner Mannschaft gehe die Bodenhaftung verloren.

"Portugal ist eine exzellente Mannschaft mit großartigen Spielern", sagte der Ingenieur. "Aber man kann nicht davon ausgehen, dass alle anderen Mannschaften schlechter sind, denn das stimmt einfach nicht. Wir müssen die Füße wieder runterkriegen und imstande sein, nicht nur an technischen Fähigkeiten zuzulegen. Wenn wir immer den Ball verlieren, nützt uns die Technik auch nichts." Andererseits war er es, der die größten Träume der Portugiesen angefüttert hatte, seit Wochen beharrt er darauf, dass er erst am Tag nach dem Finale wieder heimkommen will. Am Samstag sagte er: "Die Leute wollen jeden Tag den Mond (vom Himmel holen), aber das ist ein bisschen gefährlich." Andererseits: Wohin sollte man auch zielen, wenn man einen Ronaldo hat, der sich auch noch auf seine alten Tage als Haaland verkleidet?

Ronaldo jedenfalls hat die nächste Bestmarke im Visier: Zwei Tore noch, und der Weltrekord des Iraners Ali Daei würde fallen. Daei hat in seiner Karriere 109 Treffer für sein Nationalteam erzielt. Ronaldo macht auch wegen dieser greifbar nahen Bestmarke in Optimismus: "Glaubt so viel wie wir daran", schrieb er in einem Sozialnetzwerk.

© SZ/sjo
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB