Polen vor der EM 2012 Smudas umstrittenes Konzept

Boruc hatte in Stressspielen immer gute Nerven bewiesen; bei der WM 2006 hatte er mit seinen Paraden den deutschen Sturm zur Verzweiflung gebracht, bis ihn dann in der letzten Minute der Nachspielzeit doch noch Oliver Neuville überwinden konnte.

Umstritten ist auch Smudas Konzept, bei den westlichen Nachbarn nach Spielern suchen zu lassen, die in Polen geboren wurden oder zumindest polnische Vorfahren haben. Auf diese Weise kamen der Bremer Sebastian Boenisch, der Kölner Adam Matuszczyk und der Mainzer Eugen Polanski zu den Weiß-Roten. Wie Lukas Podolski und Miroslav Klose sind sie als Kinder von deutschstämmigen Spätaussiedlern aus Oberschlesien in die Bundesrepublik gekommen.

Zum Kader stieß auch der in Frankreich geborene Mittelfeldspieler Ludovic Obraniak (OSC Lille), dessen Eltern aus Polen ausgewandert waren. Gegen die Deutschen läuft nun erstmals in Weiß-Rot Damien Perquis (FC Sochaux) auf, dessen Großmutter aus Polen stammt. Dies war für Staatspräsident Bronislaw Komorowski ein ausreichender Grund, ihm im Eilverfahren die polnische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Perquis spricht allerdings kein Polnisch, für ihn übersetzt der PZPN-Dolmetscher die Anweisungen Smudas ins Englische. Die Kritik an Smudas Einbürgerungspolitik gipfelt in der Aussage von Jan Tomaszewski, WM-Torwart von 1974, der heute bei jeder Gelegenheit die PZPN-Spitze unter seinem einstigen Teamkameraden Lato angreift: Es sei eine Schande, wenn Spieler mit dem weißen Adler herumliefen, die kein Polnisch sprächen.

Die Erwartungen der polnischen Sportpresse sind nicht hoch. Nur das Warschauer Krawallblatt Fakt, herausgegeben vom Axel-Springer-Verlag, beschwert sich, dass die Deutschen "nur mit ihrer Reserve" anträten, nachdem Torwart Neuer, Schweinsteiger und Özil nach dem 6:2 am vergangenen Freitag gegen Österreich von Bundestrainer Löw spielfrei bekamen.

Das sehe so aus, "als nehmen sie uns nicht richtig ernst", befand das Blatt. Der PZPN hätte sich vertraglich zusichern sollen, dass "in bester Besetzung" anzutreten sei. Wie solle sonst die polnische Elf vor der EM im eigenen Land testen, wo sie steht? Zumindest in der Fifa-Weltrangliste ist es klar: Polen liegt auf dem 65. Platz, zwischen Libyen und Ecuador.