Süddeutsche Zeitung

Platini und die Fifa-Affäre:Zwei Millionen, viele Fragen

  • Wieso hat Michel Platini im Februar 2011 zwei Millionen Schweizer Franken von der Fifa erhalten?
  • Der Uefa-Chef äußert sich dazu nur kryptisch beziehungsweise nicht sonderlich glaubhaft.
  • Ein Blick in die damalige Zeit könnte die Lage erhellen: Sepp Blatter kämpfte damals um den Fifa-Thron - und brauchte Unterstützung.

Ein nicht unbedeutendes Fußballspiel an diesem Wochenende ist kurzfristig ausgefallen. Für Freitag hatten sich die Mitarbeiter des Fußball-Weltverbandes (Fifa) und der Europäischen Fußball-Union (Uefa) zu ihrem jährlichen Duell verabredet, aber daraus wird nun nichts. In einer gemeinsamen Entscheidung sei die Partie abgesagt worden, heißt es.

Und in der Tat haben sie gerade Wichtigeres zu tun in den Stäben der Verbände. Zuvorderst geht es um die glaubwürdige Darlegung einer Zahlung über zwei Millionen Schweizer Franken, die Fifa-Chef Sepp Blatter im Februar 2011 zugunsten von Uefa-Chef Michel Platini veranlasst hatte.

Erst am Freitag vor einer Woche erfuhr die Fußballwelt von dem Vorgang; durch die Schweizer Bundesanwaltschaft, die ihn als "treuwidrige Zahlung" einstuft und Strafermittlungen eröffnete. Die Behörde führt Blatter als Beschuldigten, Platini als sogenannte Auskunftsperson: Das ist ein Spezialstatus im Schweizer Recht, zwischen Zeuge und Beschuldigtem.

Die Branche wartet auf eine Erklärung von Platini

Seither wartet die Branche auf eine schlüssige Erklärung. Platini kündigte zwar wiederholt an, das Mysterium aufzuhellen, verhedderte sich aber nur in Aussagen, die sogleich neue Fragen nach sich zogen. Donnerstag wurde der bevorstehende Rückzug seines Bürochefs Kevin Lamour bekannt. Ein anderer enger Vertrauter beklagt, dass Platini schwer zu vermitteln sei, dass er sich öffentlich erklären müsse. Aktuell verläuft die Verteidigungslinie so: Von 1999 bis 2002 arbeitete Platini als Blatter-Berater für die Fifa. In der Zeit hat er Salär und sonstige Aufwendungen von einer halben Million Franken pro Jahr kassiert; das Doppelte sei mündlich vereinbart gewesen. Weil es der Fifa damals finanziell nicht so gut ging, habe er auf die Restzahlung von zwei Millionen Franken zunächst verzichtet. Eingefordert habe er diese 2011, weil ihn da, heißt es in seinem Umfeld, Blatters sportpolitischer Kurs zunehmend verärgert und er den baldigen Bruch mit dem Mentor geahnt habe.

Die Argumentation ist aus vielen Gründen schwierig. Erstens war die Finanzlage der Fifa damals nicht so desolat, wie Platini suggeriert. Der Finanzbericht für das Jahr 2002, als Platinis Tätigkeit endete, weist dreistellige Millionengewinne aus. Aber selbst wenn die Lage angespannt gewesen wäre: Warum war die Überweisung dann in all den fetten Jahren danach nicht möglich, warum erst im Februar 2011?

Heiße Zeit im Februar 2011

Das führt zum nächsten Punkt: In der Schweiz verjähren nach fünf Jahren die Ansprüche auf eine Entlohnung. Die Fifa hätte demnach Platini das Geld gar nicht mehr so spät überweisen dürfen - oder müssen. Und wieso vertraute Platini darauf, dass er, offenbar ohne jede schriftliche Zusicherung, so viele Jahre später zwei Millionen Franken erhält?

Es gibt andere Erklärungsmodelle für den jähen Geldfluss unter Partnern, die ja vor dem Bruch standen. Sie ergeben sich aus dem Blick in die damalige Zeit: Wie war das politische Klima im Februar 2011?

Zum Zerreißen angespannt. Mohamed bin Hammam wollte Blatter vom Thron jagen. Der langjährige Fifa-Vize hatte gerade die WM 2022 in seine Heimat Katar geholt. Jetzt durfte er als Chef des Asien-Verbandes AFC auf das Gros von dessen 50 Voten zählen, zudem auf viele der ebenfalls 50 Stimmen des Blocks der Afrikaner, die er mit Wohltaten überschüttete. Dazu kam, als Zünglein an der Waage: Jack Warner (Trinidad&Tobago). Der korrupte Boss über den 35 Voten starken Nord-/Mittelamerikaverband Concacaf richtete Anfang Mai 2011 für Bin Hammam sogar eine Bestechungsorgie in der Karibik aus, die letztlich beiden zum Verhängnis wurde und zur Suspendierung des Katarers nur Tage vor der Präsidentenkür führte. Dass auch Blatter der Concacaf damals eine Million aus Fifa-Geldern außer der Reihe zugeführt hatte, wie der abgetretene Warner empört verriet, juckte Platini nicht. Obwohl er zugeben musste, dass er und seine Kollegen über die Millionenzahlung nie informiert worden sind. Obwohl das Fifa-Reglement klar bestimmt, dass ein Amtsinhaber im Wahlkampf weder Mittel noch Personal der Fifa nutzen darf. Trotzdem war auch das kein Fall für interne Nachfragen: Blatter erklärte die Zahlung damals so, dass sie eine Sondergabe zum Jubiläum der Concacaf gewesen sei. Platini war also eine zentrale Figur für Blatter in jenem heißen Wahlkampf 2011: Weil er die gut 50 Voten starke Uefa anführte. Und er verhielt sich, nur Wochen nach Erhalt der zwei Millionen von Blatter, keineswegs so, dass es die These stützen würde, er könne des einstigen Gefährten Blatter überdrüssig geworden sein. Statt seinen Uefa-Kollegen freie Hand bei der Präsidentenwahl zu geben, schmiedete er mit seinen Vorstandskollegen einen europäischen Block pro Blatter. Das war ein wichtiges sportpolitisches Signal - vor allem an alle Wankelmütigen.

Weil sich die Protagonisten nicht klar äußern, schießen die Spekulationen rund um die zwei-Millionen-Gabe um sich. Ein Schweizer Finanzblog berichtete, dass die Überweisung nicht über ein Konto des Weltverbandes, sondern über ein privates Konto Blatters gelaufen sei. Dies würde die Sache besonders heikel machen. Platini beantwortete eine Anfrage hierzu gar nicht; die Fifa erklärte, dass sie das nicht kommentieren wolle, weil die Angelegenheit Gegenstand der behördlichen Ermittlungen sei.

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SZ vom 02.10.2015/fued
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