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Claudio Pizarro:Er verändert mit 40 Jahren noch immer das Spiel

Borussia Dortmund v Werder Bremen - DFB Cup

Entscheidender Moment: Claudio Pizarro nimmt den Ball an und vollendet.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)
  • Im Pokal-Spiel gegen Borussia Dortmund ist die Einwechslung des 40-jährigen Claudio Pizarro mitentscheidend für den Sieg.
  • Er widerlegt mit seinem Auftritt endgültig diejenigen, die ihn für eine Art Vereins-Maskottchen hielten.
  • Er ist ein Mentor für junge Spieler - und in engen Partien eine Waffe für den Trainer.

Es kursiert ein kleines Video im Netz, es ist nur acht Minuten lang, unfassbar kitschig vertont, die Bilder sind zum Teil verrauscht und pixelig - aber das Filmchen bringt Menschen zum Weinen. Also nicht alle Menschen, aber diejenigen, die es mit Werder Bremen halten und sich eine bauchgefühlige Sentimentalität bewahrt haben, die ganz sicher. Das Video, zusammengeschnitten anlässlich des 120. Vereinsjubiläums des SV Werder und veröffentlicht am 4. Februar auf Youtube, ist eine Hommage an den Fußball made in Bremen, an die Typen, die Tore, die Titel.

Diegos 62,5-Meter-Tor gegen Aachen, Rosenbergs einmaliger Flankenlauf beim 3:2 gegen Real Madrid, die drei gehaltenen Elfmeter von Tim Wiese gegen den HSV, Wynton Rufers Siegtreffer im Europapokalfinale von Lissabon, der Abstiegskrimi gegen Eintracht Frankfurt, Djilobodj, 1:0, zwei Minuten vor Schluss, dieser ekstatische Jubel. Alle kommen sie darin vor, Thomas Schaaf und Naldo, Le Chef Johan Micoud und Ivan Klasnic, Torsten Frings und Mesut Özil, die Fans in Form der Greenwhitewonderwall und ein sehr lockiger, sehr junger Claudio Pizarro. Er ist der Zeitreisende in dieser Geschichte.

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Der Film hat nur einen Haken: Er ist einen Tag zu früh erschienen und schon wieder überholt. Es fehlt nun die Nacht von Dortmund, als die Partie der heimischen Borussia gegen Werder Bremen in die Verlängerung ging und plötzlich der Korken von einem bis dahin sehr geordneten, nahezu langweiligen Fußballspiel flog wie von einer gut geschüttelten Champagnerflasche. 3:3, Elfmeterschießen, Werder weiter im DFB-Pokal - das ganze Drama gehörte schon im Moment des letzten verwandelten Elfmeters von Max Kruse zum unvergesslichen Teil der Bremer Vereinschronik, er wird in allen Jahres- und Jahrzehntrückblicken und in den Werder-Potpourris der Zukunft erscheinen, auf Plattformen, die es heute noch gar nicht gibt.

Weniger Pathos darf nicht sein für die Beschreibung eines Spiels, in dem Werders Torwart Jiri Pavlenka mit zwei gehaltenen Elfmetern eine wesentliche und dieser alte Mann, der keine Locken mehr hat, dafür graue Schläfen, keine unwesentliche Rolle spielten. Claudio Pizarro war es, der die Champagnerflasche geschüttelt hat. Mit seiner Einwechslung zum Beginn der Verlängerung veränderte Trainer Florian Kohfeldt die Grundordnung des zähen Spiels. Das ist immer so, wenn Pizarro, der mitten in seinem 41. Lebensjahr steht, auf den Platz kommt: Bei seinem ersten Einsatz am 28. August 1999, dritter Spieltag Bundesliga, in Berlin, war es lediglich eine Ahnung, was der Kerl aus Lima können könnte. Heute, nach 296 Pflichtspieltoren für vier Vereine und die peruanische Nationalmannschaft, nach 749 Einsätzen und knapp 20 Jahren als Profifußballer, ist es Gewissheit: Passt auf diesen Typen auf. Der kann alles. Aura nennt man das. "Dafür bin ich da", sagte Claudio Pizarro später, und auf seinen Lippen lag dieses Lächeln, das ihn schon seine ganze Karriere über begleitet.

Etwas schrullig wirkte die Idee des vergangenen Sommers, den Immerda ein fünftes Mal an die Weser zu holen, nachdem er ein Jahr beim 1. FC Köln verdümpelt hatte und dort abgestiegen war. Das zu großen Gefühlen neigende Bremer Publikum huldigt diesem Helden in kurzen Hosen zwar gewohnheitsmäßig, aber was sollte das? Werder hat etliche junge, vielversprechende Angreifer im Kader, würde er denen nicht einen Platz wegnehmen? Oder würde er sich überhaupt gegen die noch durchsetzen können?

Doch Pizarro ist nicht irgendein Vereinsmaskottchen, kein bloßer Gute-Laune-Bär, er ist eine Art Mentor der Jungen und eine Waffe des Trainers, wenn der die Statik eines Spiels verändern muss. Ein Hauch von Unsterblichkeit weht durch die Stadien, wenn ein Spieler mit der Erfahrung Pizarros den Rasen betritt, der schon für Werder kickte, als zum Beispiel Johannes Eggestein gerade ein Jahr alt und Josh Sargent gar nicht geboren war. Eggestein ist trotz und womöglich wegen Pizarro schon beinahe zum Stammspieler gereift, sein erstes Bundesligator legte ihm der freundliche ältere Herr aus Peru persönlich auf. Und Josh Sargent wird noch viel lernen müssen, bis er ein Tor schießt wie Pizarro am Dienstag in Dortmund zum 2:2. Dort zu stehen, wo schon Uwe Seeler den Platz eines Mittelstürmers definierte, zu wissen, was er tun würde, wenn der Ball ihn wie auch immer erreicht, ihn mit rechts in der Luft um den Torwart zu legen und zu schießen, bevor der Ball wieder den Rasen berührt. Und dann noch im Elfmeterschießen den so wichtigen ersten Treffer setzen: Erfahrung als Stilmittel.

Fußball ist Unterhaltung, Emotion, Atmosphäre, ein großer, banaler Spaß, zumindest sollte das so sein. Dieser Art von Fußball setzt Claudio Pizarro, immer lächelnd, immer optimistisch, ein Denkmal. Die Zeit geht natürlich auch an ihm nicht spurlos vorbei, es gibt bisweilen befremdliche Szenen, wenn Werder etwa nach einer Ecke gegen sich zum Konter ansetzt und Pizarro, während die Mitspieler schon den gegnerischen Strafraum erreichen, gerade erst an der Mittellinie angekommen ist. Aber unter dem Panzer dieser Schildkröte, das wissen nun alle, lauert noch immer der Instinkt einer Schlange. "Wir wollen nach Berlin", sagt er. Man darf ihn ernst nehmen.

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