Wenn es in ihrem Buch um eines nicht geht – dann um den Fußball. Das wird Barbi Markovic nicht müde zu betonen, als sie Ende Oktober etwas verlegen im türkisblauen Kleid in Nürnberg auf der Bühne steht und sich erklären muss, wie sie das gemacht hat: das „Fußballbuch des Jahres“ zu schreiben, wenn man für den Sport wenig außer tiefgreifender Verachtung übrighat. Es fällt ihr sichtlich schwer, sie scheint selbst etwas überrascht, den Preis gewonnen zu haben. Trotzdem hält sie ihn nun in den Händen. Für ihr „Piksi-Buch“, das auf gerade einmal 107 Seiten so gewaltig ist, dass es Angriff und Verteidigung zugleich spielen kann, es ist intensivstes Pressing in Papierform.
Obwohl nach ihm benannt, spielt Dragan „Piksi“ Stojkovic, ein großer Spieler aus den Neunzigerjahren bei Roter Stern Belgrad und bis vor kurzem serbischer Nationaltrainer, in der Erzählung nur eine winzige Nebenrolle. Um ihn geht es nicht. Natürlich nicht. Es geht Markovic schließlich nicht um den Fußball. Der ist nur ein Werkzeug, um den Leser mitzunehmen in die letzten Augenblicke eines wackligen Konstrukts, um dabei zu sein, wie Jugoslawien 1990 seine letzten Atemzüge tut.

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Mittendrin die Autorin selbst, geboren 1980 in Belgrad, ein Einzelkind. Ihr Vater nennt sie bei männlichen Namen, will gerne, dass sie Fußballer(in) wird, schließlich kann die „Nähe von Vater und Tochter bei Tischtennis nicht hergestellt werden“. Markovic schreibt über ihre Geburtstage auf dem Fußballplatz, den sie über alles hasst. Sie macht sich lustig über die Überhöhung des Spiels, darüber, wie furchtbar wichtig sich der Fußball nimmt, und alle, die mit ihm zu tun haben. Ihr Vater schenkt ihr zum Geburtstag einmal Staub von „Piksis“ Schuhen. Sie erlebt gewaltbereite Fans, vor denen sie sich, bis heute, wie sie bei der Preisverleihung in Nürnberg sagt, fürchtet.
Um ein Fußballspiel geht es auf den 107 Seiten nur zwei Mal, na gut, eigentlich stimmt auch das nicht ganz: Denn im Maksimir-Stadion von Zagreb geraten im Mai 1990 Gästefans aus Belgrad mit jugoslawischen Polizeikräften so sehr aneinander, dass das Spiel nicht stattfinden kann. Barbi Markovic sitzt vor dem Fernseher und sieht mit an, „wie sie sich lieber prügeln, als das Spiel anzuschauen“. Die Ausschreitungen im Maksimir werden später als ein Fanal für die Jugoslawienkriege gelten. „Das Ende der Zivilisation ist nah.“ Wenige Wochen später sitzt die Autorin erneut vor dem Fernseher und sieht der jugoslawischen Nationalmannschaft dabei zu, wie sie im WM-Viertelfinale gegen Maradonas Argentinien kämpft – und im Elfmeterschießen ausscheidet. „Piksi“ Stojkovic verschießt. „Die Fahnen im Stadion machen ihre letzten traurigen Schwünge.“ Was folgt, ist ein kollektiver Weinkrampf einer ganzen Nation. Weil mit der Niederlage mehr als nur die WM zu Ende ging, es geht schließlich nie nur um Fußball: „Das salzige Gewässer fließt aus allen Augen, aus allen Familien, aus allen Ländern Jugoslawiens. Jetzt kommt die Zombieapokalypse.“ Acht Monate später beginnen die Kriege.
Barbi Markovic ist die erste Frau, die in der 20-jährigen Geschichte der Deutschen Akademie für Fußballkultur mit dem „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Fußball habe „keine sonderlich positive Bedeutung“ in ihrem Leben gespielt, sagt sie auf der Bühne schon fast diplomatisch. Der letzte Satz im dünnen Piksi-Heft? „Ich hasse Fußball.“

