Philipp Lahm im Gespräch "So kaputt war ich noch nie"

Von der Krise in München zu Joachim Löws Wohlfühlbecken: Philipp Lahm über die unterschiedlichen Folgen der WM-Müdigkeit für den FC Bayern und die Nationalelf.

Interview: Christof Kneer

SZ: Herr Lahm, wie geht's?

Philipp Lahm: "Es fehlt der entscheidende Tick Konzentration."

(Foto: REUTERS)

Lahm: Danke, alles in Ordnung.

SZ: Wie? Sie sind nicht müde?

Lahm: Nein, es ist eigentlich alles okay.

SZ: Hat man sich die Müdigkeits- debatten der letzten Tage und Wochen etwa nur eingebildet?

Lahm: Nein, nein, es war schon extrem. In den ersten Wochen dieser Saison hat die Müdigkeit eine enorme Rolle gespielt, man muss sich das einfach noch mal vorstellen: Wir haben mit dem FCBayern das Champions-League- Finale gespielt, sind dann direkt ins Trainingslager der Nationalelf nach Südtirol gereist, dann der Flug nach Südafrika, dann die WM bis zum letzten Wochenende gespielt - und als wir dann nach drei Wochen Urlaub wieder ins Training eingestiegen sind, hatte fast schon wieder die Pflichtspiel-Saison begonnen.

SZ: "WM-Müdigkeit" heißt zurzeit das Modewort beim FC Bayern, und alle fürchten nun, die Bayern-Spieler könnten diese Müdigkeit ins DFB-Team einschleppen. Wie fühlt sich WM-Müdigkeit eigentlich konkret an?

Lahm: Es tut einem nichts weh, oder so. Es ist eher das Gegenteil. Man fühlt sich einfach ein bisschen leer. Man ist eigentlich wieder topmotiviert, aber irgendwie fehlt einem der Antrieb. Man spürt das, aber man kann nicht so richtig was dagegen machen. Wobei das vor allem das Problem in den ersten Saisonwochen war, jetzt sollten wir langsam davon wegkommen.

SZ: Ist es eher eine körperliche oder eine geistige Müdigkeit?

Lahm: Das kann man nicht trennen, aber die Reihenfolge ist die: Erst kommt die psychische Müdigkeit, und daraus resultiert dann die fehlende körperliche Frische. Das Champions-League-Finale spielt in unserem Fall wirklich eine große Rolle. Das ist so was Großes, auch mental, und dann verliert man es, und dann geht's ohne Verarbeitung einfach weiter ins WM-Turnier. Am Ende hat man so viel hinter sich, was unheimlich anstrengend war, und plötzlich geht es wieder von vorne los. Wieder Leistung bringen, von der ersten bis zur neunzigsten Minute, ein Jahr lang. Das steht in so einem Moment wie ein Berg vor einem.

SZ: Und man hat auf diese Bergtour eigentlich gerade gar keine Lust.

Lahm: Die Lust ist nicht das Problem, die Einstellung auch nicht. Wir wollen schon wieder Fußball spielen, aber man findet einfach nicht so schnell rein. Dieses Gefühl kennt wahrscheinlich jeder, der aus dem Urlaub zurückkommt und wieder zur Arbeit geht. Man braucht eine Weile, bis man wieder rund läuft.

SZ: Das heißt, der Verschleiß äußert sich vor allem psychisch.

Lahm: Das ist mein Gefühl, ja. Rein körperlich dürften wir jetzt kein großes Problem mehr haben. Ich denke, der Philipp Lahm vom 8. Oktober 2010 unterscheidet sich körperlich nicht sehr vom Philipp Lahm vom 8. Oktober 2009. Da fehlen vielleicht ein paar Prozent.

SZ: Also müsste der FC Bayern eigentlich längst wieder besser spielen.

Lahm: Theoretisch, aber jetzt kommt eben ein neues Problem hinzu: Jetzt liegen wir weit zurück in der Liga, jetzt kommt der Druck hinzu, nichts mehr herschenken zu dürfen. Gleichzeitig merkt man, dass es nicht läuft, dann vergibt man vorne mal eine Chance, macht hinten mal einen Fehler, es läuft einfach nicht nach Wunsch, der Druck wird noch größer. Das ist wie eine Kettenreaktion: Am Anfang steht die Psyche, dann kommt der Körper, und dann kommt wieder die Psyche, weil man natürlich an Selbstvertrauen verliert.

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