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Philipp Kohlschreiber:Der Sparringspartner begehrt auf

ATP Dubai Duty Free Tennis  Championships - Day One

Überrascht gegen den Weltranglisten-Dritten Marin Cilic: der deutsche Tennisprofi Philipip Kohlschreiber.

(Foto: Getty Images)

Es gibt auf der Tennisanlage in Indian Wells einen Trainingsplatz, den nur Leute finden, die auch dem Labyrinth des Minotauros entkommen. Philipp Kohlschreiber übte in der vergangenen Woche auf diesem Platz, und aus der Ferne betrachtet sah der junge Mann ohne T-Shirt aus wie ein Urlauber, der vor dem Sprung in den Hotelpool genügend Kalorien für ein üppiges Abendessen verbrauchen wollte. Wer sich durchkämpfte zu diesem Spielfeld, der durfte in der kalifornischen Wüstenhitze eine knallharte Einheit beobachten, an deren Ende selbst der überaus athletische Kohlschreiber völlig ermattet ans Netz torkelte.

"Wir haben an den freien Tagen im Training extrem hart an einigen Sachen gearbeitet. Ich bin froh, dass sich das heute ausgezahlt hat", sagte Kohlschreiber nach dem überraschenden 6:4, 6:4 gegen Australian-Open-Finalist Marin Cilic (Kroatien). Der verfügt gewöhnlich über einen waffenscheinpflichtigen Aufschlag und eine donnernde Vorhand, am Dienstag allerdings brachte er gerade mal die Hälfte seiner ersten Eröffnungen ins Feld und leistete sich zahlreiche Vorhand-Fehler.

Erstmals seit 2016 gewinnt Kohlschreiber gegen einen Top-Ten-Spieler

Die Fehler von Cilic sollen die Leistung Kohlschreibers keinesfalls schmälern, schließlich sorgte er mit präzisen Returns dafür, dass sein Gegner beim Aufschlag immer mehr riskieren musste, um nicht sogleich in die Defensive zu geraten. Kohlschreiber kontrollierte die längeren Ballwechsel geduldig mit seinem zuverlässigen Rückhand-Slice, dazu schickte er Cilic über extreme Winkel bei den Grundschlägen immer wieder bis an die Absperrungen des Platzes. Mitte des zweiten Satzes lehnte Cilic nach einem Ballwechsel an der Bande und sah aus wie ein Urlauber, der nur noch in den Hotelpool möchte.

"Die großen Jungs sind nicht besonders beweglich, das habe ich heute nutzen können, in dem ich die Bälle früh genommen und aggressiv gespielt habe", sagte Kohlschreiber, der zum ersten Mal seit 2016 wieder einen Spieler bezwungen hatte, der in der Weltrangliste unter den besten zehn Akteuren geführt wird. Viel häufiger wird er von ihnen als Sparringspartner für die Trainingsessionen gebucht, weil er ihnen einen schönen Rythmus gibt. Aber gleichzeitig bringt er alles mit, um an einem guten Tag im Match auch eine Bedrohung für sie sein zu können. "Ich glaube, dass ich aufgrund meiner Spielweise - ich bin ein ordentlicher Grundlinien-Spieler ohne großartige Schwäche - für jeden Gegner gefährlich sein kann. Ich glaube, dass ich gegen jeden Spieler auf der Welt schon einige tolle Partien geliefert habe. Natürlich klappt das nicht immer, heute hat es funktioniert."

Es hat in dieser Saison bislang nicht besonders häufig funktioniert bei Kohlschreiber. Bei den Australian Open scheiterte er überraschend in der ersten Runde an Yoshihito Nishioka (Japan, Rang 168 der Rangliste) und verlor danach in Sofia sein erstes Match gegen Mirza Basic (Bosnien-Herzegovina, 129) - anschließend jedoch lieferte er dem weltbesten Spieler Roger Federer (Schweiz) in Rotterdam eine packende Partie.

"Die erste Partie hier in Indian Wells war eine Schlacht"

Nun gewann er in Indian Wells erst in drei spannenden Sätzen gegen Tim Smyczek (USA), dann besiegte er Cilic und trifft am Mittwoch im Achtelfinale auf Pierre-Hugues Herbert (Frankreich), der von der Aufgabe seines Landmanns Gael Montfils profitierte. Achtelfinale, das klingt ja immer schon ein bisschen wie Endspiel.

"Die erste Partie hier in Indian Wells war eine Schlacht, auch mit mir selbst - ich hatte einige Probleme. Heute war es einfacher, weil ich nichts zu verlieren hatte, in diesem großen Stadion mit diesem Publikum ist es manchmal leichter für mich", sagte Kohlschreiber, der im Oktober seinen 35. Geburtstag feiern wird: "Auch wenn ich manchmal nicht mein bestes Tennis zeige, so genieße ich es immer noch." Er ist noch nicht bereit für Urlaub und Hotelpool.

© sz.de/ebc
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