Pferdesport:Visionär: Hans Melzer prägt Ära im Vielseitigkeitsreiten

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Hans Melzer, deutscher Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter. Foto: Friso Gentsch/dpa (Foto: dpa)

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Avenches (dpa) - Noch ist Hans Melzers Arbeit nicht getan. Bei der EM in Avenches in der Schweiz will er als Vielseitigkeits-Bundestrainer bei seinem letzten Championat seine Reiter nochmal zu Titeln und Medaillen führen. Danach tritt der 70-Jährige nach 20 Jahren ab.

"Ich bin das letzte Mal verantwortlich. Aber ich habe jetzt keine große Wehmut oder irgendwas", sagt Melzer der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist jetzt ja nicht so, dass ich aus der Welt bin."

Der braun gebrannte Mann mit den grauen Haaren hat seinen Sport in Deutschland geprägt wie kaum ein anderer. "Eine Ära geht zu Ende. Und er hinterlässt ein bestelltes Feld", sagt Dennis Peiler, Sportchef bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. "Er hat die deutsche Vielseitigkeitsreiterei mitrevolutioniert", würdigt Olympiasiegerin Julia Krajewski ihren Förderer. "Er ist ein Visionär."

Professionelle Strukturen aufgebaut

Melzers Erfolgssammlung ist beeindruckend: 33 Medaillen holten seine Reiterinnen und Reiter bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, 19 davon waren aus Gold, jeweils sieben aus Silber und Bronze. Er half mit, Michael Jung, Ingrid Klimke, Sandra Auffarth oder Julia Krajewski groß zu machen.

Nachdem er das Amt nach den enttäuschenden Spielen 2000 in Sydney antrat, baute er mit seinem britischen Partner Christopher Bartle (bis November 2016) professionelle Strukturen für den Sport in Deutschland auf.

Das Duo führte bis dahin für die Sportart unbekannte Dinge wie Leistungsdiagnostik für Pferde, Videoanalyse, Fitnesstraining für die Reiter, Spezialtrainer für die einzelnen Disziplinen oder eine Sportpsychologin ein. Im Verband entstand ein Perspektivkader, durch den spätere Olympiasieger wie Sandra Auffarth, Julia Krajewski und Frank Ostholt den Sprung zu den Profis schafften. In Athen 2004 hätten sie trotz des aberkannten Doppel-Golds erstmals gesehen, "dass was geht, dass man was bewegen kann. Die Truppe, die daraus gewachsen ist, ist schon einfach toll", sagt Melzer.

Unerschütterlicher Optimist

Noch mehr als der Bundestrainer Melzer prägte der Mensch Melzer eine Reit-Generation. "Wofür ich ihm dankbar bin, ist sein Glauben in mich", sagt Krajewski, die auch Junioren-Trainerin beim Verband ist. Trotz Patzern bei Großereignissen hielt er an der 32-Jährigen fest. "Auch wenn es mal bei einem Championat nicht funktioniert hat, hat er gesagt: Die kann's." Mit ihrem Ritt zu olympischem Gold in Tokio auf Amande de B'Neville bestätigte sie ihren Mentor.

"Er steht immer hinter und zu einem. Er lässt niemanden fallen", sagt Ingrid Klimke. Als sich die 53-Jährige bei einem Sturz Ende Mai schwer verletzte und Olympia verpasste, war er kurz nach dem Unfall bei ihr und machte mit ihr Pläne für das Restjahr. Bei der EM will sie auch für ihn ihren Titel im Einzel und mit dem Team verteidigen.

Von Melzers unerschütterlichem Optimismus und positivem Denken haben alle seine Reiter profitiert. "Ich glaube, das ist meine Mentalität, dass ich von Haus ein positiver Mensch bin", sagt er. "Das ist mein Naturell. Das lebe ich einfach."

Wunsch-Nachfolger Thomsen

Seit der EM in seinem Heimatort Luhmühlen 2019 begleitet ihn sein designierter Wunsch-Nachfolger Peter Thomsen. Der heute 60-Jährige aus Lindewitt bei Flensburg holte als Reiter olympisches Team-Gold 2008 und 2012 unter Melzer: "Ich habe von ihm gelernt, dass, wenn man etwas erreichen will, man sich zu 120 Prozent engagieren muss."

Melzer wird sich als Bundestrainer a.D. nicht zur Ruhe setzen. "Ich werde nicht nur Hunde spazieren führen und Rasen mähen." Er wohnt 300 Meter von der Anlage in Luhmühlen entfernt und wird dort als Privattrainer arbeiten. Doch erst einmal sind im November zwei Wochen Urlaub in Scharbeutz an der Ostsee mit seiner Frau Anne geplant. "Seele baumeln lassen", wie er sagt. Um eine Abschiedsfeier in den nächsten Wochen wird er nicht herum kommen, obwohl er nicht gern im Mittelpunkt steht. Ihm reicht eine EM-Medaille zum Abschied.

© dpa-infocom, dpa:210924-99-340789/2

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